Licht im Underground – Manger in Berlin

Wir wollen Musik genießen – in allerfeinster Qualität, aber an ungewöhnlichen Plätzen. Im unsichtbaren Tonstudio. Im abgerockten Hinterhof. Auf der Tanzfläche im Club. Das geht nur in Berlin, sagt Daniela Manger. Die Chefin von Manger Audio betätigt sich in der Hauptstadt als mein persönlicher Tourguide, sie öffnet die Türen zu klanglichen Schatzkammern im audiophilen Untergrund Berlins.

Bilder: Stefan Schulwitz

Erste Station: das unsichtbare Tonstudio. Es liegt in einem völlig harmlosen Wohngebiet und ist von außen tatsächlich durch absolut nichts erkennbar. Selbst die Nachbarn in diesem Altbauhaus ahnen nicht, wer oder was sich hinter der namensschildlosen „Wohnungstür“ und den schallisolierenden Milchglasscheiben verbirgt. Hier betreibt Mark Ernestus eine Art aufgeräumtes Paradies für audiophile Musikschaffende – also auch für sich selbst. Um überhaupt hineinzukommen, müssen wir uns telefonisch per Geheimnummer anmelden. Eine Türklingel gibt es nicht. Mark Ernestus öffnet vorsichtig die schweren Türen, und wir dürfen hineinschlüpfen in den ersten Raum, ein Mix aus asiatischer Strenge und wohlsortiertem Musikaliendepot. Rechts und links neben der integrierten Teeküche stapeln sich zahlreiche Instrumente in Regalen bis unter die Decke. Vintage-Synthesizer stehen auf der Seite, eine Gitarre, verschiedenste Schlaginstrumente.
Der eigentliche Clou jedoch ist das Tonstudio nebenan. Mark Ernestus, der weltweit gefragte DJ und Musikproduzent, hat sich hier, im mutmaßlich unverdächtigsten Kiez Zentralberlins, einen wahren Traum von Edelstudio maßschneidern lassen. Aus zwei 20-Quadratmeter-Räumen entstand ein einzigartiger Tonregieraum, entworfen von Willsingh Wilson. Der renommierte Dozent für technische Akustik realisierte in einem typischen Berliner Altbau eine kompromisslose Raum-im-Raum-Architektur. Das fensterlose Studio ist vom restlichen Haus komplett entkoppelt. Jede Schallübertragung von außen nach innen – und natürlich auch umgekehrt – wird kategorisch unterbunden. Der enorme Aufwand wird durch totale Ruhe und eine feinst ausbalancierte Akustik belohnt.


Sämtliche Maßnahmen zur klanglichen Optimierung sind quasi unsichtbar und perfekt ausgeführt: Absorber, Diffusoren und Reflektoren verbergen sich hinter, oder genauer, in dunkelgrauen schalldurchlässigen Stoffwänden. Zur entspannten Atmosphäre des Raumes trägt auch die leiseste Be- und Entlüftungsanlage bei, die ich jemals nicht gehört habe. Auf den 30 Quadratmetern Nettofläche fallen neben Mischpult und Laptop vor allem ein alter Studioplattenspieler von Sony sowie zwei Manger MSM-C1 auf.
Interessanterweise geht es in diesem Studio keineswegs um Klassik- oder Jazz-Produktionen, und auch nicht um wissenschaftliche Schallexperimente – allesamt typische Manger-Domänen. Nein, Mark Ernestus feiert(e) vielmehr mit Musikgenres Erfolge, die gelegentlich auch mit Lo-Fi in Verbindung gebracht werden, lustvolle Bassorgien und flirrende Kunstsound-Exkurse ausdrücklich eingeschlossen. Als DJ legt er live zwar ausschließlich Dub und Reggae auf, seine persönliche Historie ist aber auch eng verknüpft mit House, HipHop und Elektronischer Musik, insbesondere mit dem „T-Wort“, das er „nicht gerne ausspricht“: Techno.
Auch wenn Mark Ernestus derzeit hauptsächlich mit einem höchst rhythmuslastigen Musikprojekt aus dem Senegal beschäftigt ist – der 1962 geborene Berliner zählt vor allem zu den einflussreichsten Förderern der Techno-Bewegung. 1989 gründete er den Plattenladen Hard Wax, der rasch zur zentralen Anlaufstelle für Fans unabhängiger Plattenlabels wurde, maßgeblich zum musikalischen Generationenwechsel beitrug und sich mit dem langanhaltenden Erfolg des „T-Wortes“ sowie handverlesenem Repertoire auch in internationalen Fankreisen etablierte.
Dub, Reggae, HipHop, House, Techno – warum dann ausgerechnet Manger-Schallwandler, Mark? Der zurückhaltend und feinsinnig kommunizierende Labelchef, Musikproduzent und Studioinhaber gibt zu Protokoll, dass er „niemals Musik nebenher“ hört. Ja, unter Live-Bedingungen mag ein gewisser „Punch“ im Bass ja erwünscht sein, entscheidend sind für ihn persönlich aber „die Menge der Informationen, die Auflösung und Klarheit“ in einer Aufnahme. Folgerichtig betreibt er in seinem Edelstudio ein Pärchen Manger C1 und zu Hause ein Pärchen 109. Eine ausführliche Hörprobe am Mischpult mit einem Mbalax-Track (sprich: mbalach) ist dann auch absolut überzeugend. Alles klingt total klar und durchhörbar, nicht einmal ansatzweise aufgedickt oder irgendwie „zu groß“, vielmehr herrlich griffig und im besten Sinne echt. Ja, so muss High End im Tonstudio klingen!

Zweite Station: der abgerockte Hinterhof. Welcome to Hard Wax. Der legendäre Plattenladen existiert immer noch. In Kreuzberg, dritter Stock, Fabriketage, kein Lift, jedenfalls keiner zur Personenbeförderung. Das Treppenhaus ein einziges Graffitto. Leicht marode Industrieatmosphäre … So etwas funktioniert dauerhaft wohl nur in Berlin. Erfrischend, mal wieder hier zu sein.
Erstaunlich hell ist es bei Hard Wax. Doch wir sind ja nicht zum Vinylstöbern gekommen, sondern um über die Beschallung der Abhörstation am Tresen zu staunen. Zwei größere Monitore hängen unter der Decke, präzise ausgerichtet, mit knallrotem Zurrband fixiert und bestückt mit – erraten! – je einem Mangerwandler sowie zwei hart aufgehängten Basstreibern zur Unterstützung. Yes, Mark Ernestus was here. Also gibt es audiophile Vollbedienung am Technotresen, aber nur auf Anfrage. Den meisten Kunden ist die Edelbeschallung wohl egal, ich aber freue mich über solche Details. Und später auch darüber, dass ich den Wiederabstieg in den Hinterhof unfallfrei schaffe. Draußen ist es allmählich dunkel geworden, und im Treppenhaus ist auf zwei Stockwerken die Beleuchtung kaputt.

Dritte Station: die Tanzfläche im leeren Club. Die Party-Location heißt „Raumklang“ und ist im Eck einer Häuserzeile im Stadtteil Friedrichshain untergebracht. Der Name verspricht Programm zu sein, doch „räumlicher Klang“ wie von einer gut eingestellten HiFi-Anlage darf hier natürlich nicht erwartet werden – ein Dancefloor ist nicht das Sofa zu Hause. Obwohl Ralf Stucki, der gut gelaunte Betreiber des Clubs, auch schon mal einen Liegestuhl in der Mitte der Tanzfläche aufstellt, um genau hier ungestört Musik zu genießen. Warum? Weil das hier installierte Soundsystem den damaligen Chef vom „Tresor“ vor ein paar Jahren glatt umgehauen und letztlich dazu bewogen hat, auch weiterhin einen Club zu führen – Stucki hatte Wladimir Horowitz aufgelegt, und „es klang hier unendlich viel besser als zu Hause“.
„Raumklang“ ist eine Location wie keine zweite auf dieser Welt. Vor allem, was die Akustik und die Beschallungsanlage betrifft. Dieses Soundsystem macht fast alles ganz anders – es wummert nicht, es dröhnt nicht, es verzerrt einfach nicht. Also kannst du hier aufdrehen wie nicht gescheit, ohne die Ohren zu überreizen. Die Musik wird bei Bedarf einfach immer lauter und körperlich spürbarer, doch die sonst üblichen Verzerrungen und Unsauberkeiten fehlen hier völlig, der Klang bleibt selbst bei strammsten Pegeln äußerst sauber und klar. Die Nachbarn hören und spüren von dem High-Power-High-End-Projekt nichts. Denn auch Raumklang wurde in puncto Akustik von Willsingh Wilson betreut, dessen Ideen und Wirken wir schon bei Mark Ernestus kennengelernt haben. Der innovative Akustiker trennte die stark verwinkelten Räume des Clubs komplett vom restlichen Gebäude auf praktisch unsichtbare Art und Weise: Nicht weniger als 6000 Federn sorgen für die perfekte akustische Isolierung des gesamten Etablissements vom Rest der Häuserzeile. Die massiven Subwoofer-Einheiten am Rande der Tanzfläche, bestückt mit 18-Zoll-Treibern von JBL Professional, sind sogar zusätzlich entkoppelt.


Akustische Hauptdarsteller dieser Installation aus dem Jahre 2001 sind sechs Lautsprecher-Einheiten, die in jedem guten Science-Fiction-Streifen mitspielen könnten. Jede Einheit umfasst in einem maßgefertigten Stahl-Sandwichgehäuse einen Zwölfzöller von Eminence, der für Frequenzen zwischen 80 und 500 Hertz zuständig ist, sowie drei Mangerschallwandler (MSW), die nicht zuletzt aufgrund der Gehäusegeometrie für eine überaus gleichmäßige akustische Ausleuchtung der Tanzfläche sorgen. Und für überragende Klarheit.
Davon können wir uns nun selbst überzeugen. Wir schicken ein paar bewährte, unkomprimierte Demo-Tracks via Smartphone ans kleine Mischpult und von dort aus an einen mannshohen Turm aus Profi-Endstufen von BGW und Crown. Der wiederum macht den sechs Schallwandler-Einheiten dermaßen Dampf, dass aus dem „kurzen Reinhören“ flugs eine private Hörsession wird. Es klingt einfach fantastisch, erzeugt keinerlei Druck auf den Ohren, und jeder neue gute Track erzeugt einen gewissen Drang, vielleicht doch noch ein bisschen lauter zu machen. Als dann passenderweise Seeed mit „Dickes B“ durch den Partysaal rollen, wackeln die Wände. Im nichtübertragen(d)en Sinne, wie wir gelernt haben.
Echt spooky, diese Erfahrung: Du bist allein auf der tiefschwarzen, bunt aufleuchtenden Tanzfläche eines guten Clubs, hörst sagenhaft gut Musik, drehst nach Lust und Laune hemmungslos auf, schüttelst alles von dir ab. Dann trittst du vor die Tür und schaust ins Sonnenlicht. Niemand weiß von deinem Glück. Und kein einziger Nachbar schaut irgendwie komisch.
Kein Wunder, dass Ralf Stucki seinen Raumklang regelmäßig vermietet: an DJs aus dem Kiez, die hier ihre Produktionen, Live-Sets oder auch nur einzelne Tracks laut testen wollen. Mark Ernestus kommt allerdings nie vorbei. Willsingh Wilson hingegen schon. Und wir wissen nun in beiden Fällen, warum das so ist.

 

www.mangeraudio.de

www.raumklang.berlin

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.