Musiklexikon – C wie Chromatische Skala

Im Lichtspektrum eines Regenbogens oder Prismas erkennen wir nebeneinander die verschiedenen Farben – von Violett über Blau, Grün, Gelb und Orange bis Dunkelrot. Tatsächlich sind es aber unendlich viele Farbtöne, die hier stufenlos ineinander übergehen. Auch die klingenden Tonhöhen bilden ein solches stufenloses Frequenzband: Das lässt sich mit der Zugposaune oder einem Glissando auf der Geige leicht demonstrieren. Die Tonhöhen einer Tonleiter sind also nicht von der Natur vorgegeben, sondern im Kontinuum eines Frequenzbandes frei gewählt. Auch die Ausgangsfrequenz, an der man eine Tonleiter ausrichtet, der sogenannte Stimm- oder Kammerton, ist beliebig. In der Barockzeit zum Beispiel lag das eingestrichene a oft bei 415 Hertz, später bei 431 oder 432 Hertz, heute wählt man 440 Hertz oder höher.

Musiklexikon chromatische Skala

Zu jedem beliebig gewählten Ausgangston lässt sich aber ein Oktavton bestimmen: die doppelte Frequenz, eine physikalische Gesetzmäßigkeit. Im Frequenzabstand zwischen Grund- und Oktavton, also in der Oktave, kann man nun aus theoretisch unendlich vielen verschiedenen Tonhöhen eine Tonleiter oder einen Tonvorrat wählen. Vor der Einführung der gleichschwebenden Temperatur gab es zum Beispiel Cembali, die 19 oder sogar 31 Tasten – und damit spielbare Tonhöhen – pro Oktave aufwiesen. Der Komponist Harry Partch (1901–1974) schuf auch eine Tonleiter mit 43 Tonhöhen pro Oktave.

Musiklexikon chromatische Skala

Die Tastatur eines normalen Klaviers zeigt uns die Tonauswahl, die heute in der westlichen Musik üblich ist: die chromatische Skala mit zwölf Tönen pro Oktave. Diese moderne Chromatik ist ein Kunstprodukt höherer Mathematik, das ums Jahr 1600 erfunden wurde, um Tonhöhenkonflikte bei Tonartwechseln zu vermeiden. In der pythagoreischen und der reinen Stimmung waren die Intervalle noch durch ganzzahlige natürliche Frequenzverhältnisse festgelegt. Die gleichschwebend temperierte Skala ergibt sich dagegen aus dem irrationalen Frequenzverhältnis eines chromatischen Halbtonschritts: der zwölften Wurzel aus zwei. Der Cellist Pau (Pablo) Casals sagte deshalb: „Das Klavier ist verstimmt.“

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 25 (3/2016)

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