Acoustic Signature WOW XL / TA 1000 / Soundsmith Carmen – Float like a butterfly, sting like a bee

Beweglichkeit und Punch sind für Boxer die Mittel, um Großes zu erreichen. Sollte das etwa auch für Vinyldreher gelten?

Acoustic Signature WOW XL PlattenspielerEs gehört eine gewisse Portion Chuzpe dazu, seinem Plattenspieler ein Begeisterung suggerierendes „WOW XL“ direkt auf die Zarge zu drucken. Bei vermeintlich übertriebenen Vorschusslorbeeren werde ich naturgemäß skeptisch. Ein „WOW“ in Extragroß – da erwarte ich Da-capo-Rufe und stehende Ovationen. Um derartige Begeisterungsstürme zu entfachen, hält Acoustic Signature aber deutlich imposantere Interpretationen des Themas Schallplattenwiedergabe bereit als den auf den ersten Blick ziemlich „normal“ scheinenden WOW. Das Monumentallaufwerk Invictus beispielsweise, dessen schiere Größe auch ohne Blick auf das Preisschild die Kinnlade ungläubig gen Boden sinken lässt. Sicherlich haben Kunstwerke wie der Invictus ihre Daseinsberechtigung, als Referenzpunkt des technisch Machbaren etwa. Ob so etwas für Normalsterbliche ohne Briefkastenverleih in Panama zum Musikgenuss zwingend erforderlich ist, steht dann auf einem anderen Blatt.
Allerdings bietet Acoustic Signature auch im noch human zu nennenden monetären Bereich einige interessante Optionen an. Eine solche, gut viertausend Euro kostende Komplettlösung steht seit zwei Wochen parat, mir den Feierabend zu versüßen. Gunther Frohnhöfer, Herz und Hirn des Göppinger Herstellers, kombinierte für diesen Test ein Paket aus WOW XL, dem hauseigenen Tonarm TA 1000 und einem von Acoustic Signature vertriebenen Soundsmith Carmen – wohl in der Hoffnung, auch meiner Person ein „Wow!“ zu entlocken. Zumindest was die Haptik meines neuen Spielgefährten angeht, bin ich mit Frohnhöfer direkt auf einer Wellenlänge.


Acoustic Signature gewährt auf seine Produkte eine selbstbewusste Garantiezeit von zehn Jahren. Das Laufwerk selbst halte ich für quasi unzerstörbar, es sei denn, Sie überfahren es mit dem Auto. Bei sachgemäßem Gebrauch dürfen Sie sicher sein, dass der WOW XL noch Ihren Erben lange Zeit Freude bereiten wird. Seine Zarge besteht aus dreißig Millimeter starkem MDF, das für die XL-Version mit einer zehn Millimeter dicken Alu-Lage verstärkt wird. Diese mattschwarz eloxierte Oberfläche bildet den passenden Kontrast zum nackten Aluminium von Teller, Armbasis und den aus dem Vollen Acoustic Signature WOW XL Plattenspielergedrehten Kegelfüßen. Wem diese Ausführung nicht zusagt, der kann den WOW XL optional silberfarben ordern. Das große Plus von Holzverbundwerkstoffen wie MDF liegt, abgesehen von ihren akustischen Vorteilen, in der Möglichkeit, das Material mit einer Fräse so zu bearbeiten, dass sich die Motorsteuerung unsichtbar in die Zarge integrieren lässt. Während die Steuerelektronik der großen Acoustic-Signature-Laufwerke ein eigenes Gehäuse benötigt, wurde für die WOW-Modelle eine in Hinblick auf Bauteilanzahl und Wärmeentwicklung reduzierte Version geschaffen. Diese Beta-DIG getaufte Steuerung generiert einen sauberen Takt digital in unmittelbarer Nähe zum Synchronmotor, ungeachtet des Zustands und Reinheitsgrads der zur Verfügung stehenden Netzspannung.
Betätigt man den linken der beiden Alu-Taster auf der Oberseite, setzt sich der Teller langsam in Bewegung, während eine hektisch blinkende LED darauf hinweist, dass die nötige Drehzahl noch nicht erreicht ist. Sobald sich der Warnblinker beruhigt und stoisch leuchtet, liegt die korrekte Umdrehungszahl an und man kann den Arm in die Rille senken. Mit dem zweiten Knopf wird zwischen 33 und 45 Umdrehungen umgeschaltet. Das geht rasch, passiert aber nicht ad hoc, da die sechseinhalb Kilo des Alu-Tellers einen kurzen Moment benötigen, um abgebremst oder beschleunigt zu werden.
Um diese massive Scheibe aus Aluminium akustisch zu beruhigen, wurde die Unterseite des Tellers mit einer bitumenartigen Masse aufgefüllt, die dem Tellermaterial seine Neigung zum Mitschwingen austreiben soll. Die Tellerachse aus gehärtetem Stahl läuft in einer Konstruktion, die als Markenzeichen der Göppinger verstanden werden kann: Anstatt die Achse über ihre gesamte Länge zu lagern, was mit höherem Reibungswiderstand einherginge, spart Gunther Frohnhöfer die Mitte der Lagerbuchse aus, sodass eine Führung und die damit verbundene Reibung lediglich am oberen und unteren Ende der

Achse wirksam ist. Als Material für diese Lager kommt gesinterte Bronze zum Einsatz, deren spröde Struktur sich in einem warmen Ölbad richtig vollsaugen darf. So umgeht Acoustic Signature die Gefahr, dass sich das Schmieröl am Lagerspiegel sammelt, während die Achse trocken läuft. Diese Konstruktion sollte über Jahrzehnte wartungsfrei funktionieren. Der Lagerspiegel wird aus Tidorfolon gefertigt, einem Materialmix aus Titan, Vanadium, Bronze und verschiedenen Kunststoffen, die einen definierten Anteil an Schmierstoffen binden. So erhält man einen Lagerspiegel, der einerseits hart genug ist, um das Einlaufen des Lagerdorns auf dem Gegenstück zu verhindern, und anderseits, dank der eingelagerten Schmierstoffe, auf lange Zeit reibungsarm seinen Dienst verrichtet.
Für den Arm versucht Frohnhöfer, konträre Ansprüche wie Steifigkeit und Dämpfung zu vereinen. Steife Materialien neigen zu unschönen Resonanzen, während resonanzarme Werkstoffe selten die nötige Steifigkeit besitzen. Um eine Symbiose beider Ansprüche zu erreichen, wurde das Carbonrohr des TA 1000 als Rohr-in-Rohr-Lösung mit stabilisierenden Stegen dazwischen ausgeführt. So erhält man einen resonanzarmen, dabei verwindungssteifen Arm. Damit dieser der Rille ohne nennenswerte Reibung folgen kann, wurde die Lagerung des Arms kardanisch mit hochwertigen Lagern von SKF ausgeführt. Sie werden sanft vorgespannt, um absolute Spielfreiheit bei kleinstmöglicher Reibung zu gewährleisten.
Acoustic Signature WOW XL PlattenspielerRichtig gut gelöst finde ich alle Feinheiten wie Tonarmlift, den Turm der Antiskating-Vorrichtung oder die Headshell. Hier wird klar, warum Gunther Frohnhöfer die Meinung vertritt, dass der Bau analoger Gerätschaften immer etwas mit Maschinenbau zu tun hat. Alles wurde aus dem Vollen per CNC gefräst, was der modernen Gestaltung des WOW XL zusätzlich eine technische Note verleiht.
Komplettiert wird mein Testexemplar durch das MI-System Soundsmith Carmen, das schon im Lieferzustand perfekt justiert in der Headshell steckt. Ein System, das beim ersten Probedurchgang absolut und überhaupt nicht zum MM-Phonoeingang des Einstein The Tune passen will. Eric Claptons Just one Night liegt auf der Ledermatte des WOW XL, und ich mag meinen Ohren nicht trauen. Wow, ist das dumpf! Minimale Besserung bringt der Tausch des Lederlappens gegen meine Carbonmatte. Doch da muss noch was gehen, sonst wäre der Status meines Scheu-Drehers als Primus der bezahlbaren Klasse endgültig in Stein gemeißelt. Ein kurzer Anruf bei Acoustic Signature bringt dann Entwarnung – dem Team rund um Gunther Frohnhöfer ist bekannt, dass die Moving-Iron-Systeme von Soundsmith nicht mit jeder Vorstufe harmonieren. Daher wandert der WOW an die Eingänge meines Acoustic-Solid-Phonovorverstärkers, den ich per Mäuseklavier auf die Erfordernisse des US-Systems anpassen kann.


Noch einmal muss Clapton auf die Bühne des Nippon Budokan, um zu zeigen, was damals in den Rillen der LP konserviert wurde. Und schon sitze ich in der Wortspielfalle, denn „Wow!“ ist, ohne Witz, das Erste, was mir über die Lippen kommt als „Slowhand“ Clapton bei „Wonderful Tonight“ die ultimative Liebeserklärung abliefert. Das ist nicht nur Musik, das kommt einem Seelenstriptease gleich. Auch wenn vierzehntausend Japaner vor der Bühne standen – was in dieser Nacht aufgenommen wurde, spielt sich nur zwischen Claptons Stimme, seiner Stratocaster und seinem Inneren ab. Dank dieser Platte liefert die Paket-Offerte aus Göppingen all das, was mir Musik bedeutet. Nackte Emotion, serviert tief aus der Seele des Musikers. Therapeutisch wirksamer, als monatelang auf der Psycho-Couch zu liegen, und dabei um einiges unterhaltsamer.
Emotional in eine ähnliche Kerbe haut Marcus Mumford auf Lost On The River: The New Basement Tapes mit „Kansas City”. Tief aus der Mitte des Raums gibt das „Tack ta Tack“ auf dem Rand der Snare Drum den Beat vor, Mumfords akustische Gibson setzt dezent ein, steigert sich jedoch vehement, je intensiver der Bezug zwischen Interpret und Inhalt des Textes wird. Dazu unterlegt der WOW XL das Stück mit einem unerhörten Groove. Meinem Scheu Cello nicht unähnlich, malt der WOW XL das Bild mit satten Klangfarben und zeichnet bei Bedarf tonale Linien mit kräftigem Strich. Trotz der charakterlichen Gemeinsamkeiten agiert das schwäbische Laufwerk eine satte Portion autoritärer als mein kleiner Berliner. Dennoch tue ich mich schwer, den WOW in eine der bekannten Schubladen zu zwängen. Für ein reines Masselaufwerk agiert er zu flink, voller Tempo und juvenilem Elan. Dafür lassen andere, ähnlich quirlige Leichtbaudreher untenrum diese aus der Tiefe kommende Stabilität vermissen und agieren ein wenig „nervöser“.
Damit küre ich den WOW XL zum Meister im Schwer- und Weltergewicht zugleich. Ein Titel, der auch dem größten Skeptiker ein fett gedrucktes „Wow“ wert sein sollte. Nun denn, mit Vergnügen: „WOW!“

Acoustic Signature WOW XL Plattenspieler Navigator

Laufwerk Acoustic Signature WOW XL
Funktionsprinzip: riemengetriebenes Masselaufwerk
Antrieb: digital geregelter Synchronmotor
Material: MDF-Aluminium-Sandwich
Teller: 34-mm-Aluminiumteller
Drehzahl: 33 1/3 oder 45 U/min, elektronisch geregelt
Ausführungen: Schwarz oder Silbern
Maße (B/H/T): 43/16/34 cm
Gewicht: 15 kg
Garantiezeit: 10 Jahre
Preis: 2000 €

 

Tonarm Acoustic Signature TA-1000
Funktionsprinzip: kardanisch gelagerter Tonarm
Effektive Masse: 9,3 g (9″), 9,7 g (10″), 12,3 g (12″)
Effektive Länge: 237 mm (9″), 254 mm (10″), 318,1 mm (12″)
Verkabelung: 6N-Kupfer mit Cinch-Steckern, optional Silberleiter und SME-Anschluss Garantiezeit: 10 Jahre
Preis: ab 1300 €

 

Tonabnehmer Soundsmith Carmen
Funktionsprinzip: Moving Iron
Schliff: elliptisch
Compliance: 22 µm/Nm an mittelschweren Tonarmen, 28 µm/Nm an schweren Tonarmen
Gewicht: 6,8 g
Frequenzgang: 20–22 000 Hz (±2,5 dB)
Abschlusswiderstand: 47 kΩ
Ausgangsspannung: 2,12 mV
Preis: 850 €

 

AS Distribution GmbH
Ulmer Straße 123
73037 Göppingen
Telefon 07161 3898135

www.acoustic-signature.com

 

Mitspieler:
Plattenspieler: Scheu Cello
Tonarm: Scheu Classic Mk II
Tonabnehmer: MC Scheu S, Ortofon 2M Black, Dynavector DV-20X2L
Phono-Vorverstärker: Acoustic Solid Phonovorverstärker, Dynavector P75 Mk III
CD-Player: Marantz CD 17, Marantz CD 62, Marantz CD 50
Vollverstärker: Einstein The Tune, NAD C 390DD, NAD 302, Cambridge Azur 640A
Endverstärker: Lehmann Black Cube Stamp
Lautsprecher: Audio Physik Seemon, Opera Seconda Mk II
Kabel: German Highend, Kabelmanufaktur, Audioquest, Black & White, Accuphase, T+A
Zubehör: Sun Leiste, Steinmusic, Millenium Carbon-Matte, Meisel Audio

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