Backes & Müller / Johannes Siegler – Die Zähmung der Membran

Geschichten wegweisender Ideen und sich daraus ergebender Unternehmensgründungen können unter höchst unterschiedlichen Umständen ihren Ausgang nehmen. Jene des Lautsprecherherstellers Backes & Müller begann Anfang der 1970er-Jahre in einer Bundeswehrkaserne.

Dem Unteroffizier vom Dienst, Friedrich Müller, war seinerzeit bei der Fernmeldetruppe der Rekrut Wolfgang Backes aufgefallen, der eine besondere Vorliebe für Elektronikfachzeitschriften hatte und öfter Pakete mit Transistoren erhielt. Da Müller dieses Faible teilte, begann ein Austausch, den sie später, als sie sich als Studenten an der Saarbrücker Universität zum zweiten Mal über den Weg liefen, intensivieren sollten. Statt sich ganz auf ihre jeweiligen Fächer zu konzentrieren, beschäftigten sich der Mathematikstudent Backes und der Physikstudent Müller fortan mit Entwürfen von Schaltungen für einen aktiven Lautsprecher, in dem das Prinzip der Gegenkopplung zur Anwendung kommen sollte: die Korrektur fehlerhafter Schwingungen der Membran durch ihren Abgleich mit dem am Verstärker ankommenden Musiksignal. Da der erste Prototyp noch weit hinter ihren Ambitionen zurückblieb, bauten sie zunächst zwei ungeregelte Aktivlautsprecher, die sie in geringen Stückzahlen verkauften, ehe sie sich 1974 entschlossen, ihrem Studium endgültig den Rücken zu kehren und eine Firma zu gründen. Backes & Müller im Who is Who in High Fidelity - Der legendäre Monitor 5 mit (gut sichtbarer) kapazitiver Gegenkopplung. Ein Meilenstein im Lautsprecherbau.Im darauffolgenden Jahr konnten sie der Öffentlichkeit mit dem inzwischen legendären Monitor 5 den ersten Lautsprecher mit kapazitiver Gegenkopplung präsentieren. Bei diesem Prinzip fungieren die Membran und ein vor ihr angebrachtes Metallgitter als Elektroden eines Kondensators. Da der Abstand zwischen beiden umgekehrt proportional zur Kapazität des elektrischen Feldes des Gitters ist, stellt diese ein direktes Maß für den Grad der Auslenkung der Membran dar. Indem man sie in ein elektrisches Signal umwandelt, das mit dem Ausgangssignal der Endstufe verglichen wird, lässt sich im Fall von Abweichungen ein Korrektursignal generieren, das die Fehler der Membran annähernd mit Lichtgeschwindigkeit unterbindet, ehe sie hörbar werden. Das Ergebnis war ein Klangbild von damals ungewohnter Transparenz, Räumlichkeit, Detailliertheit und Wirklichkeitstreue, das die Fachpresse zu Superlativen animierte. Im nächsten Modell BM 6 verwendete man dann erstmals auch induktive, dynamische Sensoren in Form bewegter Spulen, deren Spannung sich im Feld des Lautsprechermagneten proportional zur Geschwindigkeit der Membranbewegung ändert.
In den Folgejahren sollte Backes & Müller zum Marktführer in der Aktivlautsprechertechnik aufsteigen. Neben stetig technisch weiterentwickelten Monitoren, darunter das von 1981 bis 1990 gebaute Spitzenmodell BM 20, das so lange wie zuvor kein anderer Lautsprecher die Bestenlisten der Fachzeitschriften anführte, wurden auch Vorverstärker ins Sortiment aufgenommen. 1988 kam es zum ersten großen Umbruch in der Firmenleitung: Nachdem sich Wolfgang Backes bereits Anfang der 1980er-Jahre aus der Firma zurückgezogen und einen Neuanfang mit einem technischen Übersetzungsbüro unternommen hatte, verließ auch Friedrich Müller das Unternehmen, um kurz darauf die Lautsprechermarke Silbersand aus der Taufe zu heben. Neuer Mehrheitsgesellschafter der Backes & Müller Produktions GmbH wurde Ingo Knerr, der zuvor bereits Inhaber der Backes & Müller im Who is Who in High Fidelity - Die Endstufe Sitting Bull, die unter der Federführung des damaligen Chefs Ingo Knerr entstand.Vertriebsgesellschaft gewesen war. Unter seiner Leitung wurden, neben der Endstufe Sitting Bull, erstmals auch passive Lautsprecher produziert, die allerdings, da die Resonanz darauf hinter den Erwartungen zurückblieb, nach einigen Jahren wieder aus dem Programm genommen wurden. Mitte der 1990er-Jahre wurde Backes & Müller in die auf Car-HiFi spezialisierte niederländische Autosound-Holding überführt. Infolgedessen wurde der Sitz des Unternehmens, das schon bald nach seiner Gründung nach Homburg umgezogen war, wieder nach Saarbrücken verlegt. Als immer mehr Autohersteller dazu übergingen, ihre Modelle bereits ab Werk mit einer qualitativ ansprechenden Soundanlage auszustatten, geriet die Unternehmensgruppe kurz nach der Jahrtausendwende in eine wirtschaftliche Schieflage. In der Folge wurden die deutschen Firmen der Holding verkauft, und auch Backes & Müller drohte die Abwicklung. Um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern, machte sich die Firmenleitung auf die Suche nach einem neuen technischen Leiter und wurde auf Johannes Siegler aufmerksam, dessen auf digital entzerrte aktive Studiolautsprecher spezialisierte Firma KSdigital einige Zeit zuvor ihre erste Produktlinie für Privatkunden präsentiert hatte. 2000 wurde Siegler Inhaber der neu gegründeten Backes & Müller High End Audio Produktionsgesellschaft mbH.
Backes & Müller im Who is Who in High Fidelity - Johannes Siegler, Chef von Backes und Müller.Das Lautsprechersortiment von Backes & Müller unterteilt sich heute in die mit herkömmlicher analoger Filtertechnik ausgestattete Prime-Serie und die hochwertigere Line-Serie, in der die von KSdigital stammende digitale FIRTEC-Filtertechnologie zur Anwendung kommt. Beide Linien verfügen im tieferen bis mittleren Frequenzbereich über die bewährte Rückkopplungstechnik mittels kapazitiver und induktiver Sensoren, während in höheren Tonbereichen im Sinne eines weniger harten und analytischen Klangbildes auf diese Dynamic Membrane Control (DMC) verzichtet wird. Laut Siegler stellt es eine glückliche Fügung dar, dass die von ihm mitentwickelte digitale Entzerrung durch FIR-Filter mit endlicher Impulsantwort (Finite Impulse Response), die eine extrem phasen- und zeitgenaue, räumlich präzise Wiedergabe und Dynamik des Musiksignals und sogar dessen Anpassung an die Abhörposition im Raum ermöglicht, erstmals mit der ihrerseits auf Impulsgenauigkeit ausgerichteten analogen Rückkopplungstechnik in einer Lautsprecherlinie kombiniert werden konnte. Darüber hinaus verfügen die Line-Modelle 35 und 50 über die NExT-Technologie (Nearfield Extension): Ein spezieller Schlitzstrahler sorgt hier dafür, dass der Schall ab 800 Hertz nicht kugel-, sondern zylinderwellenförmig abgestrahlt wird. In Verbindung mit einem besonders kräftigen Antrieb führt dies zu einer signifikanten Ausdehnung des Nahfeldes. Zudem kann bei der Line-Serie das Gehäuse hinsichtlich Holzart und Lackierung weitgehend nach individuellen Wünschen gestaltet werden. In den sandwichartig aufgebauten Schallwänden kommt zur Reduzierung von Eigenschwingungen der Kunststeinverbundstoff Corian zum Einsatz.


Eine dritte Produktlinie sind die über verschiedene analoge und digitale Eingänge verfügenden Vorverstärker ICE 502 und 802, die neben den vorhandenen digitalen und analogen Ausgängen optional auch mit einer Röhrenausgangsstufe ausgestattet werden können. Ein USB-Eingang ermöglicht zudem den Anschluss eines Media-Servers und das direkte Abspielen von Sounddateien bis zu 24 Bit / 48 kHz.
Das Unternehmen, das gegenwärtig über zehn Mitarbeiter verfügt, stellt seine Geräte nach wie vor zum größten Teil in Handarbeit im eigenen Werk her. Neben Deutschland liegen die wichtigsten Märkte ebenfalls in Europa, zunehmend aber auch in Asien und Nordamerika. Johannes Siegler zufolge sollte das Ziel bei der Konstruktion eines Lautsprechers immer darin bestehen, Musik und durch sie Backes & Müller im Who is Who in High Fidelity - Der Firmensitz von Backes & Müller in Saarbrücken.transportierte Emotionen unabhängig vom Hörraum möglichst so wiederzugeben, wie es bei der Produktion im Studio oder Konzertsaal beabsichtigt wurde, egal, ob es sich bei der Musikquelle um einen High-End-CD-Spieler oder etwa einen I-Pod handele. Diese an sich banal erscheinende Maxime bedeutet für ihn, dass der Lautsprecher selbst „akustisch verschwinden“ muss, damit das Musikgeschehen in allen Details den Raum einnehmen kann. Im Übrigen stellen Lautsprecher für ihn nicht nur in handwerklicher, sondern auch in ästhetischer Hinsicht Kunstobjekte dar, die sich nicht nur klanglich, sondern auch als Möbel in den Raum integrieren müssen. Obwohl die Lautsprechertechnik auch bei passiven Lösungen inzwischen enorme Fortschritte gemacht hat, steht für Johannes Siegler die prinzipielle Überlegenheit von Aktivlautsprechern nach wie vor außer Frage, da nur sie es erlaubten, alle Parameter genau aufeinander abzustimmen. Der Umstand, dass – anders als im professionellen Bereich – auf dem privaten HiFi-Markt noch immer Passivlautsprecher tonangebend sind, stellt für Johannes Siegler daher eher eine Chance als eine Herausforderung dar. Gerade unter jüngeren und weniger konservativen HiFi-Hörern nehme das Interesse an Aktivlautsprechern zu, nicht nur aufgrund der klanglichen Vorteile, sondern auch, weil sich heute viele Leute keinen massigen Klangaltar mehr ins Wohnzimmer stellen wollten, sondern eine schlanke Anlage mit nicht zu vielen Komponenten bevorzugten. Die von ihm avisierte Zielgruppe sei daher keine kleine Minderheit, sondern ganz im Gegenteil die große Mehrheit derjenigen, die ihre Musik noch immer über passive Boxen hören.

 

www.backesmueller.de

 

Fragenkatalog LAUT UND LEISE

Leise oder laut?
Laut.

Analog oder digital?
Sowohl als auch, immer entsprechend den jeweiligen Anforderungen.

Röhre oder Transistor?
Siehe „analog oder digital“.

Schallplatte oder Download?
Download.

Waldlauf oder Fitnessstudio?
Waldlauf.

Trend oder Tradition?
Eine Mischung aus beidem. Man muss wissen, wo der Trend liegt, um zu überlegen, ob man die Tradition weiterentwickelt.

Tee oder Kaffee?
Kaffee.

Salat oder Steak?
Beides.

Wein oder Bier?
Wein.

Berge oder Meer?
Meer.

Buch oder Bildschirm?
Buch.

Jazzclub oder Opernhaus?
Jazzclub.

Bach oder Beatles?
Tendenziell eher die Beatles, aber lieber etwas ganz anderes, z. B. John Mayer.

Wagner oder Wacken?
Ist das nicht dasselbe? Ist mir beides etwas zu pathetisch.

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