Wharfedale REVA-1 – Sophisticated Lady

Wharfedale einen englischen Traditionshersteller zu nennen, ist das reinste Understatement: 2012 feierte die Firma ihr 80-jähriges Jubiläum. Seit 1933 hat Wharfedale seinen Sitz in Bradford, West Yorkshire, 14 km westlich von Leeds.

– Small is beautiful. Beautiful ist dieser Lautsprecher ohne Zweifel, wirklich small ist er nach meinen Maßstäben nicht unbedingt: Die Reva-1 ist zwar das kleinste Modell der neuesten Baureihe von Wharfedale, die auf der Serie Diamond 200 basiert, aber ich habe in den letzten Jahren auch kleinere Lautsprecher mit viel Vergnügen gehört – ich bin also gespannt.
Wharfedale REVA-1 KompaktlautsprecherDas Konzept ist interessant: Man nehme einen bestens eingeführten Lautsprecher und befreie ihn vom marktüblichen Kostendruck. Was kann ein Entwickler alles anstellen, wenn er das doppelte Budget pro Einheit zur Verfügung hat? Da tut sich eine riesige Spielwiese auf! Übernommen wurde das Gehäuse, das aus einem Spanplatte-MDF-Sandwich besteht, die Anzahl der Schichten wurde jedoch erhöht. Die Gehäuse mit ihren gekrümmten Seitenwänden werden in einer beheizten Form unter Druck verdichtet. Ebenfalls übernommen wurde der „Slot Loaded Distributed Port“: Das Bassreflexrohr mündet in einen umlaufenden Spalt zwischen der Sockelplatte und dem eigentlichen Gehäuse. Somit kann der Lautsprecher auch nahe an einer Wand stehen, ohne dass die Tieftonabstrahlung beeinträchtigt wird. Soweit zur Verwandtschaft mit der Diamond 200 Serie.
Im Ergebnis ist die Reva-1 allerdings ein völlig neuer Lautsprecher.
Die Membran des 11,5 cm durchmessenden Tiefmitteltöners (Korbdurchmesser) besteht aus einem äußerst feinen Glasfasergewebe, ein Druckgusskorb ist in dieser Klasse ein Muss, ein Phase Plug ein gern gesehenes Detail. Die 25-mm-Textilkalotte wird von einem Neodym-Magneten angetrieben. Beide Chassis können mit einer magnetischen Abdeckung geschützt werden.

Noch während des Auspackens versinkt mein Blick in den Tiefen von sieben Schichten Klavierlack, auf deren Grund ein ausdrucksvolles Rosenholz-Furnier schimmert. Menschen, die schöne Dingen lieben, verleihen ihrer Begeisterung spontan und hörbar Ausdruck. Wer es lieber etwas nüchterner mag, hat die Wahl zwischen Klavierlack Schwarz und Weiß, auch Nussbaumfurnier ist mittlerweile erhältlich. Die Wharfedale REVA-1 Kompaktlautsprecherdoppelten Anschlussterminals (für Bi-Wiring bzw. Bi-Amping) sind ebenso solide wie elegant. Passenderweise wird ein Pärchen weißer Baumwoll-Handschuhe mitgeliefert, um die ganze Pracht nicht schon beim Auspacken und Aufstellen mit Fingerabdrücken zu verunzieren. Ich wasche mir allerdings meine Hände lieber nach Chirurgenart, denn zwei knapp sechs Kilo schwere Lautsprecher, deren Kanten allesamt fein verrundet sind, mit Handschuhen auf ihre Ständer zu stellen, ist mir zu riskant.
Wie immer stehen auch die beiden Reva-1 in einem klassischen Stereodreieck in meinem 22 m² großen Wohnzimmer. Das erste Kennenlernen erfolgt am Kabeltuner. Allererster Eindruck: Die angegebene Empfindlichkeit von 84 dB klingt eher nach 87 dB. Aufschlussreich ist die beiliegende Bedienungsanleitung: Die Minimal-Impedanz beträgt 4,3 Ohm – die Reva braucht nicht viel Spannung, nascht aber gerne vom Strom. Wharfedale empfiehlt eine Verstärkerleistung von 20 bis 60 Watt; wenn der Spielpartner 60 Watt an 4 Ohm problemlos bereitstellt, werden Sie sich über einen Mangel an Dynamik nicht beklagen müssen. Zweiter Eindruck (nur Sekunden später): neutral, sehr neutral – auweia, denke ich, das wird schwierig …
Es gibt Lautsprecher, die erzählen Ihnen ihre Geschichte in den ersten paar Minuten – sie haben eine Physiognomie. Jede Aufnahme, die Sie in Zukunft darüber abspielen, wird diesen Ausdruck tragen. Wenn Sie dieses Gesicht mögen, werden Sie mit Ihrer Tonträgersammlung glücklich sein. Wenn nicht, werden Sie sich auf die Suche nach einem anderen Schallwandler machen. Ein neutraler Lautsprecher stellt mich vor die dankbare Aufgabe, meine Platten annähernd so zu hören, wie sie aufgenommen wurden – und vor die undankbare, darüber berichten zu müssen. Ein solcher Lautsprecher erzählt Ihnen die Geschichte Ihrer Plattensammlung – aber nichts über sich selbst. Damit wir uns nicht missverstehen: Neutrale Lautsprecher sind nicht langweilig, sie sind nur schwer zu fassen.

Wharfedale REVA-1 KompaktlautsprecherFangen wir an, und zwar ganz britisch: 1972, also ein Jahr vor dem 40. Wharfedale-Firmenjubiläum, veröffentlichte die RCA London mit André Previn und dem London Symphony Orchestra die Symphony No. 2 („A London Symphony“) von Ralph Vaughan Williams, natürlich auf schwarzem Vinyl.
Mein großer englischer Namensvetter ist in Deutschland notorisch unterschätzt; seine 2. Sinfonie von 1913 wäre bestens geeignet, dem abzuhelfen. Vaughan Williams zieht in diesem Werk alle Register der spätromantischen Sinfonik. Vom elegischen Englischhorn-Solo bis zu Pauken und Trompeten ist hier die ganze Dynamik des Sinfonieorchesters versammelt. Die kaum eingespielte Reva-1 ist hier bereits hörbar in ihrem Element – und das will schon etwas heißen. Denn die Sinfonie beginnt mit einem Pianissimo der Kontrabässe, das nach und nach in den ersten dynamischen Ausbruch des Orchesters mündet. Vaughan Williams hat 1907 bis 1908 bei Maurice Ravel studiert, und André Previn und die Reva machen das sofort hörbar. In den hellen Momenten glitzert und funkelt die Sonne auf den Wellen der Themse, und man möchte eigentlich sofort in den Flieger steigen. Aber die Reva steht ja nicht in London, sondern in meinem Wohnzimmer, und verbreitet britischen Wohlklang auch ohne Flugticket. Britischer Wohlklang, das möchte ich an dieser Stelle festhalten, hat in diesem Falle nichts mit „audiophil” zurückgenommenen Höhen zu tun! Die kleine Lady ist äußerst kultiviert, aber grundehrlich, also high-fidel im besten Sinne des Wortes.
Jamie Cullum war im Jahr 2003, als er Twentysomething (Emarcy Records/Universal) einspielte, erst 24 Jahre alt. Doch was er hier als Sänger, Pianist, Komponist und Arrangeur ablieferte, ist auf dem Niveau eines Nat King Cole. Die Aufnahme ist einschließlich Abmischung analog produziert, das Ergebnis aufregend. Eigentlich kenne ich die Platte in- und auswendig – das dachte ich jedenfalls. Den warmen und runden, trotzdem transparenten und dynamischen Klang hatte ich so allerdings nicht in Erinnerung. Es macht schon einen Unterschied, ob man solche Aufnahmen über gute Lautsprecher von einfacher Strickart hört, oder über ein anspruchsvolleres Produkt wie die Reva-1. Man hört einfach mehr: mehr Details, mehr Farben, mehr Hintergrund. Raffinierte Harmoniewechsel wie in „I’m Singing In The Rain“ lassen sich intensiver erfahren.
Die Big Band des gebürtigen Londoners Phil Collins brachte mit A Hot Night In Paris (WEA International/Warner, 1999) eine Live-Aufnahme auf den Markt, die ich immer mal wieder auflege – so richtig ist der Funke aber noch nie übergesprungen. Irgendetwas macht die Reva-1 anders und besser: Der ultrasatte Bigband-Sound nimmt den Hörer binnen Sekunden vollkommen gefangen. Während des zwölf Minuten langen Songs „Pick Up The Pieces“ muss ich den Lautstärkeregler um etwa ein bis zwei dB zurücknehmen, weil mir meine Ohren signalisieren, dass sie keine dreißig mehr sind. Ich höre den Einwand förmlich: „Eine Bigband-Live-Aufnahme und ein so kleiner Tieftöner – wie soll das funktionieren?” Ich vermute, dass es gerade die Passung von Raumgröße und Tieftonvolumen der Reva-1 ist, die den Unterschied macht und die Begeisterung der 18 Musiker sofort hörbar werden lässt. Zu viel Tiefton überlädt meinen Hörraum und nimmt der Wiedergabe ihre Leichtigkeit und Transparenz.
Von John Atkinson (stereophile) gibt es den legendären Satz, dass der BBC-Monitor LS3/5a „nie gerockt hat und nie rocken wird”. Wie steht es um die Reva-1? Nun, Robben Ford & The Blue Line (GRP Blueth Sony Music 1992) beginnt mit „The Brother“, einem schnellen und harten Blues, der Bedenken in dieser Hinsicht schnell und brutal ausräumt. Zum Glück geht es nicht in diesem Tempo weiter. Vielmehr zieht Robben Ford, mein absoluter Favorit in Sachen Blues, in der Folge Saiten auf, die mir und der Reva-1 besser behagen. Der harte Drive geht in einen satten Groove über, mit voluminösem Bass und der feinsten Bluesgitarre, die ich kenne. Die kleine Reva geht hier voll mit und bringt ordentlich Gewicht ins Spiel. 52 Hz bei -3 dB und 48 Hz bei -6 dB sind das Ergebnis, wenn Wharfedale einen 11,5-cm-Tieftöner auf 6,4 l Nettovolumen arbeiten lässt – in meinem Hörraum ist das mehr als ausreichend.


Hierzulande kennt kaum jemand die beiden Ausnahmemusiker Pierre Boussaquet, Kontrabass, und Carles GR an der elektrischen und akustischen Gitarre. Boussaquet ist mir durch seine Zusammenarbeit mit Lalo Schifrin (Jazz Meets The Symphony) aufgefallen, Carles GR studierte in Barcelona und etablierte sich wenig später in diversen Pariser Jazzclubs. Zusammen nahmen sie 2012 Reflets – Reflejos (Swit Records) auf, eine aparte Mischung aus Bossa Nova, Flamenco und Kammerjazz. Boussaquet spielt im Gegensatz zu Renaud Garcia Pons seinen Bass wirklich als Bass, und wenn die Reva hörbar macht, wie sich dieser Klang mit einer akustischen Gitarre verbindet, wird man ganz schnell süchtig. Üblicherweise mache ich mir während des Hörens kurze handschriftliche Notizen – diesmal bleibt der Zettel leer. Das ist praktisch perfekt.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, Yello erst vor zwei Jahren überhaupt zur Kenntnis genommen zu haben. Dabei ist Touch (Universal Music 2009/2014) Elektropop vom feinsten. Was Boris Blank auf seinem Fairlight CMI fabriziert, ist äußerst geschmackvoll: Hier geht nichts drunter und drüber, alles ist penibel strukturiert und vom Tiefstbass bis zu den Stratosphärenklängen in zwei Dimensionen präzise geschichtet. Nachdem die Reva nun einige Wochen eingespielt ist, will ich ihren Amplitudengang einmal vollständig nachvollziehen. Wenn Till Brönners Trompete in „Vertical Vision“ gerade noch nicht zwickt, und Heidi Happy in „Stay“ noch nicht drückt, ist die Platte eingepegelt. Klar, dass ein 15-Zöller in einem passenden Hörraum eine Oktave tiefer hinunterreicht als die Reva-1 bei mir zuhause. Lautsprecher der eher zarten Volumen- und Gewichtsklasse zielen primär auf das Gehör, weniger auf das Zwerchfell. Doch das Gefühl, mangels Masse irgendetwas zu versäumen, hat sich bei mir trotzdem nicht eingestellt. Was sich hier aber exemplarisch zeigt, ist die makellose Qualität ihrer Mittel- und Hochtonwiedergabe: präzise, detailreich, farbstark – wer hier noch mehr will, muss schon viel mehr Geld in die Hand nehmen.
Zum Schluss die M-Frage: Ist die Reva-1 ein Monitor? Als Fehlersuchmaschine ist sie zu schade. Sie geht nicht ab wie ein Bullterrier, sie bevorzugt eine lockere Gangart. Unter Headbangern und Schwermetallern wird sie kaum Lorbeeren ernten. Was ich mir hingegen idealerweise vorstellen kann: sich nach einem arbeitsreichen Tag am Mischpult von der Reva-1 im heimischen Hörraum zu einer Flasche Rotwein und genussvollem Post-Monitoring einladen lassen.

 

Kompakt:
Edel-Verarbeitung und hochwertige Bauteile ergeben einen Genuss-Lautsprecher mit Monitor-Eigenschaften. Klangfarbentreue, Präzision und Transparenz sollten wichtiger sein als Brachialdynamik.

 

Lautsprecher
Wharfedale Reva-1

Art/Typ: 2-Wege-Kompaktlautsprecher, Bassreflex
Empfindlichkeit: 84 dB/2,83V/1m
Nenn-/Minimal-Impedanz: 8/4,3 Ω
Besonderheiten: 360° Bassreflexöffnung, doppelte Anschlussterminals
Ausführungen: Klavierlack Schwarz oder Weiß, Rosenholz, Nussbaum
Maße (B/H/T): 17,2/31,7/27 cm
Gewicht: 5,6 kg
Paarpreis: 700 €

IAD Audio GmbH
Johann-Georg-Halske-Straße 11
41352 Korschenbroich
Telefon 02161-61783-0

www.iad-gmbh.de

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