Winfried Dulisch schlendert durch Brüssel

Was ist Musik? – Die Antwort wird noch gesucht. Das MIM beantwortet aber schon mal die Frage: Was ist eigentlich ein Musikinstrument?

Jacques Brel wurde 1929 in Brüssel geboren. Seine Erfolge als Erneuerer des Chansons feierte das Vorbild aller heutigen Singer-Songwriter in Frankreich. Dort sang Brel aber noch immer mit wehmütigem Gesichtsausdruck von seinem flachen Heimatland Flandern: „Mijn platte land, mijn Vlaanderland“.

Der zum Baron geadelte Jean-Baptiste Frédéric Isidor Thielemans, besser bekannt als „Toots“, wurde 1922 ebenfalls in Brüssel geboren. 1952 emigrierte der Mundharmonika-Virtuose nach USA und wurde zu einem der meistgebuchten Studiomusiker der Film- und Tonträger-Geschichte. Der von seinen Musikerkollegen verehrte Toots Thielemans betont in Talkshows immer wieder, dass er eigentlich ein „Brusselse Ket“ ist – ein echter Straßenjunge aus Brüssel.

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Ein Saxofon des Ex-Präsidenten Bill Clinton war das meistfotografierte Exponat der MIM-Ausstellung „SAX 200“

Tamtam

Adolphe Sax wurde nicht in Brüssel geboren, sondern im knapp 100 Kilometer entfernten Dinant. Aber Dinant machte auffallend wenig Tamtam um seinen größten Sohn, als 2014 vor allem die Jazz-Welt dem Sound-Revolutionär zu dessen 200. Geburtstag gratulierte. Der Grund für diese Zurückhaltung: Als er vier Monate alt war, zogen die Eltern um nach Brüssel. Vater Sax baute hier eine Musikinstrumenten-Werkstatt auf, der Sohn wurde später sein Azubi. Noch in Brüssel erfand Adolphe jenes Instrument, das er später in Frankreich herstellte: das Saxofon – die „Sax-Stimme“.

Das „Musée des instruments de musique / Muziekinstrumentenmuseum“ (MIM) in Brüssel würdigte den Saxophon-Erfinder gebührend. Das meistfotografierte Exponat der Sonderausstellung „Sax 200“ war ein – mit Stars und Stripes dekoriertes – Instrument. Der Polit-Profi und Amateur-Saxofonist Bill Clinton hatte es geschenkt bekommen. „Es wurde uns vom National Music Museum in Vermillion, South Dakota, als Leihgabe zur Verfügung gestellt und befindet sich in einem sehr guten Zustand. Man kann sehen, dass der Ex-Präsident nur selten darauf gespielt hat“, schmunzelt MIM-Pressesprecher Jo Santy.

 

 

 

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MIM – Musée des instruments de musique / Muziekinstrumentenmuseum

Jugendstil

Der belgische König Leopold II hatte 1877 das MIM gegründet, um dort eine Sammlung von ungefähr 100 indischen Instrumenten präsentieren zu können. Nach mehreren Umzügen fand das Museum seine heutige Heimat im ehemaligen Jugendstil-Kaufhaus „Old England“. Das MIM besitzt heute mehr als 8000 Musikinstrumente.

„Die Trompete von Louis Armstrong oder eine Gitarre von Jimi Hendrix würden wir niemals kaufen. Und was sollen wir mit einer Geige anfangen, auf der schon mal Paganini oder Menuhin gespielt hat?“, fragt Jo Santy. „Wir besitzen nicht einmal eine Stradivari. Na ja, eine Amati-Geige haben wir schon im Fundus.“

 

Bebop

Ein Alt-Saxofon, auf dem Charlie Parker seine rasenden Bebop-Phrasen geblasen hatte, ist für das MIM ebenfalls nicht interessant. „Für derartige Liebhaberstücke ist uns unser Etat zu schade. Aber wir besitzen aus jeder Jazz-Epoche das dazu gehörende Blasinstrument. Zum Beispiel ein Selmer Mark VI.“

Der französische Musikinstrumenten-Designer Henri Selmer hatte dieses technisch perfekte Saxofonisten-Werkzeug 1954 vorgestellt. Zur gleichen Zeit präsentierte der kalifonische Gitarrenbauer Leo Fender seine Stratocaster und bewirkte eine Wachablösung: Die E-Klampfe übernahm die Rolle des popularmusikalischen Wortführers vom Saxofon.

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Kanonenlärm

Adolphe Sax hatte seinerzeit im Krieg der Musik-Systeme kräftig mitgemischt. Seine Erfindungen und Weiterentwicklungen gaben der Militärmusik im 19. Jahrhundert die Chance, den ständig zunehmenden Kanonenlärm übertönen zu können. Jo Santy: „Die Musiker arbeiteten damals noch als Signalgeber und Antreiber auf den Schlachtfeldern. Das Militär suchte ständig nach neuen, akustisch durchschlagskräftigen Instrumenten.“

Gaetano Donizetti präsentierte 1843 als erster Opern-Komponist ein Produkt aus der Sax-Werkstatt. Maurice Ravel verdankte 1928 einen Teil des Skandals, den die Uraufführung seines Boléro auslöste, wohl auch der Verwendung von Saxofonen. „Das Konzertpublikum kannte diesen Sound nur von der Marschmusik. Und natürlich von den Straßenmusikern, die das lautstarke Instrument als Werkzeug verwendeten.“

 

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MIM-Pressesprecher Jo Santy

Grashalm

Aber was ist überhaupt ein Musikinstrument? –„Wenn ich einem Grashalm eine Melodie entlocke, habe ich ein Musikinstrument erschaffen.“ – Und welche Antwort gibt Jo Santy auf die klassische Scherzfrage: Ist ein Plattenspieler auch ein Musikinstrument? – „Wir haben einen Technics SL-1200 in unserem Fundus. Dieses Laufwerk ist das Lieblingsinstrument der scratchenden Deejays. Eine Jukebox entspricht aber nicht unseren Vorstellungen von einem Musikinstrument. Bieten Sie uns trotzdem alles an – aber bitte mit Foto. Ein Gerät muss nicht unbedingt funktionieren. Aber es soll einmal eine gesellschaftliche Bedeutung gehabt haben.“

Von Ignace De Keyser, einem wissenschaftlichen Mitarbeiter des MIM, hatte Jo Santy gehört: „Eine Frau war unserem Aufruf gefolgt und bot ihren Akai-Plattenspieler an zu einem Preis, der weit über dem Flohmarktwert lag. Außerdem brachte sie ein Draht-Aufnahmegerät von Webster-Chicago aus den 1940ern, bei dem ein magnetisierter Draht als Speichermedium diente. Sie bat meinen Kollegen, diesen ‚Wire Recorder‘ zu entsorgen. Er zahlte ihr den geforderten Preis – und warf den Akai-Plattenspieler auf den Müll. Der Recorder ist heute eines unserer Ausstellungstücke.“

 

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Indische Abteilung des Musikinstrumentenmuseums

Fahrstuhl

Trotz seines relativ bescheidenen Etats gehört das MIM heute zu den bedeutendsten Museen der Welt. „Zumindest in der Musikwelt“, betont Jo Santy. „Neulich traf ich den Cellisten Yo Yo Ma im Fahrstuhl. Er war gekommen, weil jeder Musiker einmal im Leben das MIM besucht haben muss. Vermutlich fand auch er etwas völlig anderes, als er gesucht hatte.“

Und genau diesen Aspekt findet der MIM-Pressesprecher psychologisch wie auch kulturpolitisch besonders interessant: „Jeder Besucher fragt erst einmal nach einem Instrument aus seiner Heimat. Wenn er es gefunden hat, schlendert er durch unser Haus und erkundet den musikalischen Reichtum der anderen Völker.“

 

 

 

Websites

Allgemeine Infos über Brüssel: www.flandern.com

Aktuelle Infos: www.visitbrussels.com

Musikinstrumentenmuseum: www.mim.be

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 14 (4/2014)

 

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