Musicality: Barock’n’Roll

Von der adeligen Vihuela bis zur derben Rock-’n’-Roll-Gitarre – a long and winding road

Die Vihuela war dem Adel und dem Berufsmusiker vorbehalten, die Guitarra galt als das populäre Instrument des Volkes. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts allerdings verschwindet die Vihuela aus den Höfen Spaniens. Mit dem Untergang der Vihuela wird – neben dem Sieg der englischen Flotte über die Spanier – auch König Phillip IV. in Zusammenhang gebracht. Als Liebhaber der Malerei soll er die Musiker gegenüber den Malern seines Hofs ökonomisch derart benachteiligt haben, dass sie allesamt abwanderten.

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Klein und überaus reich verziert: Barockgitarre um 1650

Die Barockzeit sollte nun bald beginnen, und mit dem Übergang zum 17. Jahrhundert wurde die Gitarre zuerst in Spanien, dann in den anderen europäischen Ländern zunehmend fünfchörig. Bis dahin hatte die Gitarre lediglich vier Chöre, sprich vier gleich oder oktaviert gestimmte Saitenpaare. Diese fünfchörige Variante der Gitarre wurde außerhalb Spaniens als „Guitarra Española“ bezeichnet. Das Repertoire für die Barockgitarre wuchs im 17. Jahrhundert zusehends, wenn auch sein Niveau unter dem von Vihuela und Laute blieb. Die mit der Gitarre praktizierte rein akkordische Begleitung von Liedern konnte allerdings einem Vergleich mit der bereits in der Renaissance kultivierten polyphonen Spielweise kaum standhalten. Die Gitarre war dem polyphonen Musikstil des Hochbarocks als Soloinstrument nicht gewachsen, und auch die Laute verlor ihre dominante Stellung. Erst mit der Klassik erblühte die Gitarre wieder.

Mitte des 18. Jahrhunderts, so schien es, fiel das Instrument für ungefähr fünfzig Jahre in eine Art Dornröschenschlaf, während dessen es eine wesentliche Wandlung durchmachte. Die Gitarre wurde in einigen Details modifiziert, die sich erstaunlich schnell durchsetzten: Eine weitere Basssaite, die tiefe E-Saite, kam hinzu. Die Gitarre verlor die Chörigkeit, fünf bzw. sechs Einzelsaiten wurden nun verwendet. Streben längs der Faserrichtung des Holzes unter der Decke sorgten mit den bereits vorhandenen Querstreben für mehr bauliche Stabilität und Klangverbesserung. Am Ende des 18. Jahrhunderts versuchte der Zisterziensermönch Manuel García (1775–1832), genannt Padre Basilio, die Gitarre wieder in die Kunstmusik zu integrieren. Er war es auch, der Dionisio Aguado ausbildete und angeblich der Gitarre die sechste Saite spendierte. Aguado und sein Freund Fernando Sor (1778–1839) waren in dieser Epoche als Gitarristen und Komponisten die wohl wichtigsten Impulsgeber für ihr Instrument.

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Die Formensprache von Torres: eine Closner-Gitarre, Baujahr 1933

 

Great minds think alike

Das Zeitalter der Klassik durchlebte die Gitarre hauptsächlich in Wien und Paris. In Wien prägte Johann Georg Stauffer das Geschehen, in London bildete sich ein weiteres Zentrum der Gitarre von europäischem Rang aus.

Die bahnbrechenden und anhaltenden Entwicklungen geschahen jedoch in Spanien: Francisco Tárrega (1852–1909) beschritt dort mit seinen bis heute üblichen Griff- und Anschlagtechniken neue Wege. Zur gleichen Zeit vervollkommnete der Gitarrenbauer Antonio de Torres (1817–1892) die Gitarre in Form und Abmessungen, bei der Anordnung der Deckenverleistung und mechanischen Details.

Diese zwei nahezu parallel stattfindenden Entwicklungen veränderten die Gitarrenmusik richtungsweisend. Die neuen Gitarren von Antonio Torres waren lauter und tragender und damit konzertsaaltauglich. Tárregas Werk ist überschaubar und für den Konzertbetrieb auch nicht überaus bedeutungsvoll, dennoch war er es, der die spieltechnischen Maßstäbe für die klassische Gitarre neu definierte – sie haben bis heute Gültigkeit. Zu den großen Namen der Klassikgitarre im 20. Jahrhundert gehören Andres Segovia, Julian Bream, John Williams, das spanische Familien-Quartett Los Romeros und der Amerikaner Eliot Fisk.

Der Sachse Christian Friedrich Martin (1796–1873) hätte es sich nicht träumen lassen, welchen Einfluss er einmal auf die Popularmusik haben sollte. Er ist der Erfinder der Stahlsaitengitarre, gemeinhin als Westerngitarre bekannt. Bis dahin wurden Saiteninstrumente mit Naturdarmsaiten ausgestattet. Die heute üblichen Nylonsaiten für klassische Gitarren gab es erst in den 1930er Jahren. C. F. Martin wanderte 1833 nach New York aus, da es im heimischen Markneukirchen diverse Zunftstreitigkeiten zwischen Gitarren- und Geigenbauern gab. Die Gitarre verbreitete sich zu der Zeit in Nordamerika sehr rasch als Volksinstrument, konnte in Sachen Lautstärke aber nicht so recht mit Mandoline und Banjo mithalten. Martin stattete fortan die Gitarren ebenfalls mit Stahlsaiten aus und die zweite Generation des Familienbetriebs ersann 1916 die so genannte Dreadnought-Form, die Blaupause einer Westerngitarre.

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Jazzgitarre aus Deutschland: eine Lang Archtop, Baujahr 1952

 

Gewölbt, induziert und massiv

Ein weiter wichtiger Seitenzweig in der Entwicklung der Gitarre sind Archtops (engl. für „gewölbte Decke“). In den 1890er Jahren übertrug Orville Gibson (1856–1918) in seiner Werkstatt in Kalamazoo, Michigan/USA, erstmals die Konstruktionsformen aus dem traditionellen Geigenbau auf Mandolinen und akustische Gitarren. Er beabsichtigte damit den Klang zu verbessern und die Lautstärke zu steigern. Das Flaggschiff der Gibson Archtops war das Modell L-5, die Mutter aller Jazzgitarren.

Die Entwicklung der elektrischen Gitarre begann um 1920, als man nach Möglichkeiten suchte, die Gitarre im Verbund mit anderen Instrumenten lauter und durchsetzungsfähiger zu machen. Im Vergleich zu Blasinstrumenten war die Gitarre deutlich leiser und somit in Big Bands, wie sie zu der Zeit entstanden, auf eine Rolle als reines Rhythmusinstrument festgelegt. Die Instrumentenbauer waren herausgefordert, klangstärkere Gitarren zu bauen.

1931 entwickelte George Beauchamp zusammen mit Adolph Rickenbacher einen Tonabnehmer, der sich die Saitenschwingung von Stahlsaiten direkt zunutze machte. Dieser Tonabnehmer basierte auf dem Prinzip der Induktion: Um einen Magnetkern wurde eine Spule gewickelt. Bewegten sich nun die Metallsaiten im Feld dieses Magneten, induzierte die Änderung des Magnetfeldes eine elektrische Spannung. Das Grundprinzip, auf dem auch heutige Pickups noch basieren, war erfunden. Zunächst bestand der Tonabnehmer noch aus zwei Hufeisenmagneten, durch die die Saiten hindurchgeführt wurden. Der Schweizer Rickenbacher (der seinen Namen später wegen der während der Weltkriege gewachsenen antideutschen Stimmung in Rickenbacker änderte) verbaute diesen Tonabnehmer in einer Gitarre, die wegen der kleinen, kreisrunden Korpusform den Spitznamen Frying Pan („Bratpfanne“) abbekam. Das erste erfolgreiche Gitarrenmodell mit elektrischem Tonabnehmer in Serienfertigung war die 1936 vorgestellte Gibson ES-150. Die Zahl „150“ stand für den damaligen offiziellen Verkaufspreis von 150 Dollar inklusive Gitarrenverstärker und Kabel.

1941 ging Lester William Polfus (alias Les Paul) einen weiteren Schritt in Richtung moderner E-Gitarren: Er zersägte den Korpus einer akustischen Gitarre der Länge nach in zwei Teile und fügte in der Mitte einen massiven Holzklotz ein. Diese Neuschöpfung taufte er „The Log“ („der Klotz“). Von da aus war es nur noch ein kleiner Schritt zu den E-Gitarren mit massivem Korpus (Solidbody). Mit diesen wurden vor allem die oft störenden Rückkopplungen bisheriger E-Gitarren drastisch reduziert.

Die erste E-Gitarre mit teilweise massivem Korpus wurde 1948 von Paul Bigsby auf Anregung des Country-Musikers Merle Travis hergestellt. Bigsby, der sich insbesondere mit seinen Vibratosystemen einen Namen machte, stellte verschiedene Versionen dieser Gitarre in kleiner Stückzahl bis in die 1960er Jahre her.

Inspiriert, um es einmal vorsichtig zu benennen, von der Bigsby/Travis-Gitarre brachte Leo Fender 1950 unter dem Namen Esquire seine erste E-Gitarre auf den Markt. Etwas später in Telecaster umbenannt, war dieses Instrument die erste in Massenfertigung hergestellte E-Gitarre mit einem massiven Korpus. Fender legte gleich 1954 nach und brachte die Stratocaster auf den Markt. Da Fender Namen und Bedeutung von Vibrato und Tremolo verwechselte, wurde von ihm das ursprünglich für Vibratos vorgesehene System unter dem Namen „Synchronized Tremolo“ zum Patent angemeldet und ist seither in der Gitarrenwelt auch unter dieser Bezeichnung anzutreffen. Les Paul startete mit einem gleichnamigen Modell 1952 die Gegenoffensive zu Fenders Massivholzprogramm und schuf mit den lediglich 643 Exemplaren des Jahrgangs 1959 aufgrund der spektakulären Holzmaserungen unwissentlich die gefragteste und teuerste Sammlergitarre überhaupt. Doch das kristallisierte sich erst Jahrzehnte später heraus.

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Zu den Schönheiten aus dem Hause Gibson zählt auch diese ES-369

 

War das schon alles?

Diese Modelle und Formen der 50er Jahre dominieren bis zum heutigen Tage das Geschehen. Einzig der japanische Ibanez-Konzern und der Amerikaner Paul Reed-Smith konnten mit ihren Eigenschöpfungen aus den 80er Jahren den Urahnen in kommerzieller Hinsicht das Wasser reichen. Ibanez entwickelte zusammen mit Steve Vai und Joe Satriani eigene Signature-Modelle, die zu großen kommerziellen Erfolgen wurden. Paul Reed-Smith schaffte es mit seiner Nobelmarke PRS Guitars die bauliche Mitte zwischen Stratocaster und Les Paul zu treffen. Ebenfalls bis heute mit anhaltend großem Erfolg. Mag es über die Jahre immer wieder Verbesserungen, Veränderungen und Neuinterprationen von Vorhandenem gegeben haben, die nächsten ganz großen, erdrutschartigen Innovationen lassen noch auf sich warten. Kleinere Innovationen, wie bei den Gitarrenverstärkern das so genannte „Amp Modeling“ (die virtuelle Klang-Nachbildung verschiedenster Verstärkermodelle in Softwareform) oder die Verwendung von Verbundwerkstoffen statt Holz, wie beim holländischen Hersteller Aristides, gab es viele. Auch relativ Sinnfreies ist dabei, wie eine sich selbst stimmende Gitarre mit Motorstimmmechaniken.

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Ein Reissue (Wiederauflage) der begehrten Gibson Les Paul, hier Baujahr 1996

Die simple Lösung scheint wie so oft die Beste zu sein: Klassik tönt am schönsten auf einer ordentlichen Konzertgitarre, jazzige Klänge bitte gerne auf einer anmutigen Archtop und deftigen Rock’n’Roll will man am liebsten mit Brettgitarre, Kabel und Verstärker hören und spielen. Letzterer soll, nein, muss (!) sogar Röhren haben, wenn Sie mich fragen. Damit schließt sich gewissermaßen der Kreis zu vielen Audiophilen: Musikerzeuger wie Musikhörer können gleichermaßen uneingeschränkt genießen.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 12 (2/2014)

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