Die Marantz-MusicLink-Komponenten von Hans von Draminski – Scheinzwerge

Sie waren so etwas wie die Apotheose der Mini-Mode: Als Anfang der 1990er Jahre die „MusicLink“-Bausteine von Marantz vorgestellt wurden, waren Geräte im Halbformat schon nicht mehr richtig en vogue.

Die Marantz-Minis wurden dennoch ein Erfolg, denn ihr Klang war ebenso Maxi wie ihre Preisgestaltung. Echtes High End in Kompaktform eben.
Das Faible für Marantz habe ich schon seit Schulzeiten, als mein erstes Kassettendeck auf dem Wunschzettel landete. Das schöne messinggoldene Marantz-Teil, das damals, Mitte der Achtziger, bei einem Nürnberger Radiohändler im Schaufenster stand, passte mit seinen „amerikanischen“ Cinch-Anschlüssen leider nicht in meine Röhrenradio-geprägte DIN-Welt. So musste die Leidenschaft noch ein wenig pausieren, ich gab mich mit Grundig zufrieden.

Einige Jahre später erwischte es mich so richtig: Zunächst verkaufte mir, der ich als Klassik- und Opernfan mit dem technoid-sterilen Klang billiger Silberschreibendreher von den üblichen Verdächtigen nicht recht glücklich wurde, der HiFi-Händler meines Vertrauens einen wiederum goldglänzenden Marantz CD-17. Bei der Suche nach passender Verstärkerelektronik derselben Marke landete ich auf der Internetseite des Versenders SpringAir – und entdeckte für kleines Geld ein damals schon rares und deutlich über 15 Jahre altes Stück: den MusicLink-Vorverstärker SC-22. Der war gepflegt und klang nicht nur angesichts der relativ geringen Summe, die ich für ihn hinlegen musste, traumhaft. Einziges Problem waren die etwas ausgeleierten Buchsen des „Haupteingangs“, die wohl etwas zu oft benutzt worden waren. Kurzerhand schraubte ich den Kleinen auf – und staunte über den sauberen Aufbau mit ganz vielen diskreten Bauteilen, einem richtig teuren Lautstärkepoti und überhaupt einem Materialeinsatz, der bei anderen Firmen locker für einen Vollverstärker herhalten müsste. Mangels originaler Ersatzteile nutzte ich die Buchsenreparatur gleich zur Optimierung und spendierte dem Gerät ein Paar massive WBT-Buchsen, die mit Silberlot an den originalen Kabeln andocken durften.

Das war in nunmehr über zehn Jahren, die ich den kleinen Vorverstärker praktisch tagtäglich nutze, die einzige nennenswerte Reparatur. Zwar ist genau wie bei den passenden Monoblöcken MA-23, die ich mir einige Jahre später in einem bekannten Internet-Auktionshaus ersteigerte, die blassblaue „On“-Glühbirne längst durchgebrannt. Dem überlegenen Klang tut dies jedoch keinen Abbruch. An den Geräten der MusicLink-Reihe – unter anderem der CD-Player CD-23, seines Designs halber liebevoll „Eierkocher“ genannt, die ungemein vielseitig einstellbare Phonovorstufe PH-22 und die Class-A-Monoblöcke MA-24 – konnte ein gewisser Ken Ishiwata seine Kunst demonstrieren, Transistoren wie Röhren klingen zu lassen.

Im bezahlbaren Verstärker-Segment habe ich bisher so gut wie keine Maschine(n) gefunden, die den Marantz-Minis ernsthaft das Wasser reichen könnte(n). Will man mehr Körperhaftigkeit, mehr Höhenglanz, mehr Detailfülle und mehr Punch im Bass, dann muss man meiner Meinung nach tatsächlich eher in der 10000-Euro-Klasse auf die Suche gehen. Dass die Kleinen vom Grundtimbre eher auf der warmen als auf der analytischen Seite zu finden sind, ist für mich ein weiterer Grund, sie zu behalten. Außerdem wecken sie die Sammelleidenschaft: Schließlich gab es da noch besagten CD-Player, die hierzulande höchst seltene Phonovorstufe PH-22 und sogar noch einen DAC, der im Design dem Vorverstärker sehr ähnlich ist und diesen sogar ersetzen könnte. Ich muss aber zugeben, dass ich den Wandler in freier Wildbahn noch nie zu Gesicht bekommen habe. Wer einen besitzt, möge sich bitte melden.

Ansonsten sei hier der Tipp weitergegeben, den seinerzeit ein Testredakteur einer großen deutschen HiFi-Zeitschrift nach ausführlichen Hörsessions gab: Die kleine Vor-End-Kombi von Marantz dankt die Verwendung hochwertiger Kabel sowohl untereinander als auch bei der Verbindung zu den Quellen. Diese wiederum dürfen durchaus sehr hochwertig sein – die Minis reichen jede Verbesserung an den Hörer weiter. Kultivierte Youngtimer mit echtem Suchtpotenzial.

 

Preise Marantz MusicLink-Komponenten (ca. 1992):

Marantz SC-22 (Line-Vorstufe): 2500 DM
Marantz MA-22/MA-23 (Mono-Endstufen): 2500 DM (Paar)
Marantz MA-24 (Class-A-Mono-Endstufen): 8000 DM (Paar)
Marantz CD-23 (CD-Player): 5000 DM
Marantz PH-22 (Phonoentzerrer): 2500 DM
Marantz TT-1000 (Plattenspieler): 12000 DM

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.