Audio Note (UK) Meishu – Eure Eminenz

Warum eigentlich, sinniere ich, wird der Audio Note Meishu seit über zwanzig Jahren unverändert gebaut? Dann habe ich ihn eingeschaltet.

Audio Note (UK) Meishu

Bisher gab es den Verstärker im größten geschlossenen Gehäuse von Audio Note entweder mit schwarzer Acryl-Frontplatte und goldenen Knöpfen oder mit massiver Aluminiumfront und verchromten Bedienungselementen. Auf Wunsch des deutschen Importeurs ist nun auch eine dritte – überraschend elegante – Variante in Weiß + Mattsilber lieferbar.

In der Nähe von Meishu liegen noch ganz andere Städte mit lustigen Namen. Shangchongshan, Zhoujia Yuanzi und Tongmupu zum Beispiel – aber das bringt uns hier nicht weiter. Denn unser Meishu (sprich: Me-ishu) ist kein Örtchen im fernen Osten, sondern ein Röhrenverstärker aus England. Okay, der Meishu von Audio Note UK wirkt auf manche Smartphone-Hörer derart groß, dass sie ihm vielleicht sogar eine eigene Postleitzahl zugestehen würden, aber ein Ort in Fernost als Namensgeber? Nö. Für seine exotisch anmutenden Gerätebezeichnungen greift Audio Note gern auf höhere Mächte, Musen oder Gottheiten zurück. In einem speziellen Fall soll aber auch ein Cocktail, der einen bei zügigem Genuss glatt aus den Socken hauen kann, den Ausschlag gegeben haben …
Nach kurzer Recherche glaube ich zu erkennen, dass „meishu“ in Japan ungefähr „die schönen Künste“ bedeuten könnte. Das klingt für mich plausibel genug, außerdem ist der Name eines Verstärkers fürs Musikhören nicht wirklich entscheidend. Mit schönen Künsten im Haus kann ich jedenfalls sehr gut leben.
Die Taufe des Verstärkers ist mittlerweile ein gutes Vierteljahrhundert her. Hinter vorgehaltener Hand gilt der Entwurf des Meishu als frühes Meisterwerk eines damals noch blutjungen Entwicklergenies. Ein gewisser Andy Grove soll mit dieser Vollröhre – die Hand wird jetzt noch enger vorgehalten – eine fulminant klingende Visitenkarte abgegeben haben, die ihm letztlich den Chefentwicklerposten bei Audio Note UK verschafft haben könnte. Man weiß es nicht. Ganz offen hingegen wird die außergewöhnlich lange Produktionslaufzeit kommuniziert. Und eine ungebrochene Nachfrage des Modells Meishu.

Warum ist das so? Was kann der Meishu? Was ist er wirklich? Die Antwort könnte sehr kurz ausfallen: Der Meishu ist ein typischer Röhrenverstärker der frühen neunziger Jahre. Nur, in den frühen Neunzigern gab es gar keine typischen Röhrenverstärker (mehr). Klar, Vollverstärker gab es jede Menge, aber durchweg in Transistortechnik und mit strammer Leistung unter den – immer kleiner werdenden – Hauben. Ein Meishu hingegen erzeugt mit seinen beiden 300B-Röhren in Class-A-Eintakt-Schaltung nicht einmal zehn Watt pro Kanal. Zudem ist er mindestens 50 % größer als der durchschnittliche Transistorkollege, hat 50 % mehr Füße, nämlich sechs, und wird 50 % wärmer, also wirklich warm. Und dann ist da noch eine erstaunliche Modellvielfalt, die sich aus dem modularen Baukastenprinzip von Audio Note UK ergibt. Den Meishu gibt es ganz offiziell in sechs Varianten: als reines Hochpegelgerät oder mit Phono-Eingang, mit grundsätzlich sehr guten oder noch besseren Bauteilen, etliche davon aus eigener Fertigung, und auf Wunsch auch mit einer ordentlichen Portion Reinsilber an den richtigen, wichtigen Stellen. Es gibt Ähnlichkeiten zum Konfigurieren eines Automobils. Man macht ein Kreuzchen hier. Ein anderes da. Und dort vielleicht auch noch …

Audio Note (UK) Meishu

Der Meishu in der Phono-Version (für jeden Vinylisten ein Muss!) ist trotz beachtlicher Abmessungen prall gefüllt. Um die zentral positionierte Endstufe mit den 300B- und 5687-Pärchen gruppieren sich – gegen den Uhrzeigersinn – die Phonostufe (unter der Abdeckung), das Netzteil der Vorstufe, die Hochpegelstufe mit 6SN7, der dazugehörige Netztrafo, das Netzteil der Endstufe mit 5U4G und zwei 6X5 sowie die massiv überdimensionierten C-Kern-Ausgangsübertrager aus eigener Produktion.

Audio Note (UK) Meishu

Das handgefertigte Stufenpotentiometer aus Einzelwiderständen ist eine moderat bepreiste Sonderausstattung – ein herrliches Manufaktur- Werkstück. Für den Meishu sind zahlreiche Röhren-Optionen lieferbar; für die richtige Wahl wende man sich vertrauensvoll an den ausgewiesenen Audio-Note-Fachmann.

Im konkreten Fall wurde die Konfiguration „meines“ Meishu freundlicherweise von Alexander Voigt übernommen. Der Chef des deutschen Audio-Note-Vertriebs kennt mich und meinen Gerätepark, berücksichtigt aber auch meine Wünsche, Vorstellungen und eine prinzipiell unvorhersehbare Musikauswahl. Das führte schließlich zu einem Meishu Phono Silver, der ungefähr in der Mitte des Portfolios positioniert ist. „Nach oben“ ist noch reichlich Platz für das Signature-Modell, auch preislich. Und wer selbst mit dem Signature-Modell noch den Wunsch nach mehr Exklusivität verspürt, wende sich vertrauensvoll an denjenigen, der sich in der Audio-Note-Welt am besten auskennt: an Alexander Voigt. Auch individuelle Sonderwünsche sind möglich, individuelle Preisschilder dann natürlich auch. (Man sollte nur nicht nach einer Transistorschaltung fragen, die gibt es bei Audio Note nicht für Geld und gute Worte. Und ein Streamingmodul auch nicht.)
Summa summarum schraubt sich das Testmuster mit „meiner“ Sonderausstattung – handgefertigtes Stufenpotentiometer aus Einzelwiderständen, feinere Leistungsröhren, schicke weiße Frontplatte – dann doch bis knapp in den fünfstelligen Preisbereich hinauf. Mit weiteren Schmankerln, etwa einer komplett neuen Innenverkabelung aus der allerhöchsten (und sündteuren) AN-Serie, ließe sich dieser Preis glatt nochmals verdoppeln. „Hat’s alles schon gegeben“, sagt Alexander Voigt und wirkt dabei ganz so, als hege er größte Sympathien für dieses Modell in sämtlichen nur vorstellbaren Ausbaustufen.
An der nackten Leistung des Meishu ändern alle Nobelbauteile und Sonderwünsche trotzdem nichts. Acht Watt sind nun einmal keine achtzig Watt, hin oder her. Das muss man bei der Wahl der passenden Lautsprecher einfach berücksichtigen – und es lohnt sich unbedingt, wie ich schon bald erfahre. Denn schon kurz nach dem Einschalten des Meishu zu Hause sitze ich wie gebannt auf dem Sofa, wippe leicht mit dem Kopf im Takt der Musik und mag vorerst nicht mehr aufstehen.
An der DeVore Fidelity Orangutan 93 (FIDELITY Nr. 26), die nicht ganz zufällig gerade in meinem Wohnzimmer steht und dank ihres (echten) Wirkungsgrades von 93 dB und einer angenehm hohen Impedanz als Spielpartner in Frage kommt, lässt der Meishu bereits nach fünf Minuten sein vorzüglichstes Talent aufblitzen: Er singt! Jawohl, der Meishu singt mit Hingabe und kräftigem Ausdruck, mit prächtigen Klangfarben und großer Bandbreite. Das Beste hierbei ist: Ich habe noch gar keine Stimmen aufgelegt. Als kleines Warm-up gab es bisher nur „On Her Majesty’s Secret Service“ von den Propellerheads, ein spaßiges, fast zehnminütiges Instrumental vom Album Decksanddrumsandrockandroll, das ohne übertrieben audiophilen Anspruch, aber mit ordentlich Drive und witzigen Sample-Ideen daherkommt. Nach dem Instrumental-Track singt der Meishu sogar noch ein bisschen intensiver. Erstens, weil er nach einer guten Viertelstunde hörbar auf Betriebstemperatur gekommen ist. Zweitens, weil nun Shirley Bassey den Titel „History Repeating“ mit ihrer sagenhaft energetischen James-Bond-Soundtrack-Stimme veredelt. Drittens, weil dieser 300B-Verstärker jedes noch so kleine Detail in aller Klarheit, dabei ins große Ganze eingebunden transportiert. Mit Leichtigkeit und Schwungkraft. Diese tolle Stimme – einfach faszinierend!
Dabei bin ich keineswegs als tiefenimprägnierter 300B-Freund bekannt. Und lauter gedreht habe ich, trotz permanenter Versuchung, auch noch nicht. Doch ein paar Stufen höher am Rasterpoti müssen es jetzt wohl sein, um erste Grenzen auszuloten und mich dann daran zu orientieren. Mit der DeVore O93 ist aber erst bei einem recht saftigen Maximalpegel, weit oberhalb von üblicher Zimmerlautstärke, das Ende der Acht-Watt-Fahnenstange erreicht.

Audio Note (UK) Meishu

Das Wissen um Klangeinfluss und Qualität der verwendeten Bauteile mündet sehr oft in speziellen Komponenten, die für oder von Audio Note UK nach Maß gefertigt werden. Hier im Bild: die superb klingende MM-Phonostufe, die normalerweise unter einer schirmenden Abdeckung verborgen ist und im konkreten Fall mit ECC83 und ECC88 bestückt ist.

Und ist deswegen schon Schluss mit lustig? Nicht mit dem Meishu! Zwei Rasterstufen zurück, und alles ist wieder in bester Ordnung. Selbst etliche weitere Schritte in Richtung akustischer Sozialverträglichkeit bedeuten mit diesem Engländer keinen Verlust an musikalischer Magie. Der Amp schafft es sogar noch bei Flüsterlautstärke, dass ich völlig in der jeweiligen Musik aufgehe. Ich erwische mich sogar dabei, lieber kurz die Luft anzuhalten, um eine leise Passage zu „durchhören“, als einfach aufzustehen und den Lautstärkesteller wieder hochzurastern. Ich kann es selbst kaum glauben: Diesem Verstärker höre ich sogar noch gerne zu, wenn Kraftwerk oder Rage Against The Machine in Bibliothekenlautstärke säuseln. Versuchen Sie das mal mit einer ganz normalen HiFi-Anlage, da ist jedes Vergnügen perdu, weil wichtige Details untergebuttert werden oder gleich gar nicht mehr erkennbar sind. Mit dem Meishu kein Problem. Faszinierend zum Quadrat.
Optimal entfalten kann sich der Meishu, wenn er rundum standesgemäß umsorgt wird. Ausgehend von einer respektablen Grundverkabelung zwischen Quellen, Verstärker und Schallwandler (AN-Kabel sind auch hier kein Fehler, sondern Empfehlungen des Autors, siehe auch FIDELITY Nr. 21), wird der Wechsel von einem schnöden Standard-Netzkabel auf ein „ordentliches“ Exemplar (das AN-Portfolio ist groß) prompt mit gesteigerter Durchhörbarkeit und Farbenpracht honoriert. Die Positionierung des knapp 30 Kilo schweren Amps auf einer erstklassigen Plattform (z. B. Subbase, Solidsteel, LignoLab) verbessert nicht nur die mechanische, sondern zugleich auch die klangliche Stabilität des „Sechsfüßers“. Und als ich dem feinen Kerl schließlich eine E-Klasse von Audio Note ans Lautsprecherkabel hänge, fängt er beinahe schon ohne Musiksignal an zu jubeln: Die hauseigenen Schallwandler sind halt die besten Kumpels, befindet Meishu, der dicke Engländer. Ob das tatsächlich so ist – die Antwort muss ich leider schuldig bleiben. Denn im Zusammenspiel mit der optimal aufgestellten AN-E SPe HE verspüre ich nicht einmal mehr den kleinsten Drang, noch irgendetwas zu verändern. Stattdessen schwinge ich mich nach jeder Scheibe wie beflügelt aus dem Sofa, um den handverlesenen Vorrat an noch zu spielenden Scheiben nur ja nicht kleiner werden zu lassen. Das nennt man dann wohl Lusthören!
Interessanterweise überflügelt der in bester Handwerkstradition gefertigte Meishu (remember: „die schönen Künste“) mit seinen im eigenen Hause gewickelten Edel-Übertragern, überdimensionierten Netzteilen und überhaupt rundum tadelloser Verarbeitung auch leistungsmäßig größere Verstärker. Meine zum Vergleich eingeschleuste – und von mir noch immer sehr gern benutzte – P2 SE beispielsweise hat klanglich gegenüber dem Meishu nicht viel zu bestellen. Ein gewisser Leistungsvorteil der P2 SE verpufft in der Praxis, insbesondere an der E-Klasse, weil der Meishu in allen relevanten Disziplinen erheblich gewandter und reichhaltiger musiziert. Und dabei ist meine geliebte Endstufe nun wirklich kein Kind von Traurigkeit. Oder gar Verkniffenheit. Aber dieser Vollverstärker klingt ganz einfach noch besser.


Dank des modularen Konzepts von Audio Note lässt sich festhalten, dass der Meishu „in etwa“ (Alexander Voigt) einer Kombination aus der Vorstufe M2 und der Endstufe P3 entspricht. Zusammen wohnen Vor- und Endstufe hier im größten geschlossenen Gehäuse der Marke (alle Modelle darüber bis hin zum Ongaku sind offene Konstruktionen) und spielen einfach wunderbar zusammen. Auch die hinreißend musikalische Phono-MM-Option (unbedingt mitbestellen, wenn Sie auch nur eine Handbreit anständiger LPs im Regal stehen haben!) fügt sich in dieses Teamplay perfekt ein. Nein, hier gibt es nichts einzustellen. Bitte nutzen Sie diesbezüglich bei Interesse das Know-how der richtigen Ansprechpartner. Womöglich wird Ihnen der deutsche Vertrieb dann auch verraten, dass für eine echte Steigerung der Über-alles-Performance eines Meishu schon eine Kombination aus M3 und P3 fällig wird. Und die kostet einen richtig satten Batzen mehr als dieser Prachtkerl.
Auch nach den fantastischen Erfahrungen mit dem Meishu werde ich noch immer nicht die 300B als „ultimative Röhre per se“ preisen, wie mancherorts gern zu lesen ist. Allerdings habe ich im Zusammenhang mit diesen Gläsern nie zuvor eine musikalisch derart befriedigendere Komplettlösung gehört, und zu diesem Preis – der mir mittlerweile richtiggehend günstig erscheint – gleich zweimal nicht. Der Audio Note Meishu wickelt jeden Zuhörer mit sagenhafter Eleganz und Stimmkraft um den Finger, begeistert mit leuchtenden Klangfarben und, ja, auch das: mit enormer innerer Kraft. Man hänge eine AN-E an seine Klemmen, und es wird sofort klar, was damit gemeint ist. Kurzum: Der dicke Amp ist ein ganz dicker Tipp – ohne „dickes Ende“. Ganz im Gegenteil: Ein Meishu wird auch auch noch in 25 Jahren laufen wie ein Uhrwerk, da bin ich absolut sicher.

Audio Note (UK) Meishu Navigator

 

Röhrenvollverstärker
Audio Note Meishu Phono Silver

Bestückung: je 1 x ECC83, ECC88, 6SN7, 5U4G, je 2 x 5687, 6X5, 300B
Leistung: 2 x 8 W
Eingänge: 1 x Phono MM, 3 x Line in, 1 x Tape in (Cinch)
Ausgänge: Tape out (Cinch), 1 Paar Lautsprecher (Schraubklemmen)
Eingangsimpedanzen: 100 kΩ (Line), 47 kΩ (Phono MM)
Eingangsempfindlichkeit: 450 mV
Besonderheiten: sechs Füße, diverse Optionen wie Stufen-Potentiometer, Röhren-Upgrades oder spezielle AN-Bauteile gegen Aufpreis
Ausführung: Front in Aluminium gebürstet, Acryl schwarz oder weiß
Maße (B/H/T): 46/22/53 cm
Gewicht: 28 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis Meishu (Basismodell): ab 6800 €
Preis Meishu Phono Silver (Testmodell-Ausstattung): ca. 11000 €

 

Voigt Audiosysteme
Altenhainerstraße 20
65779 Kelkheim
Telefon 06195 61003

www.audionote.co.uk

 

Mitspieler:
Plattenspieler: Audio Note TT-2, EnVogue Astra
Tonarme: Audio Note Arm 2, Nottingham Analogue AnnaArm 12“
Tonabnehmer: Audio Note IQ3, Clearaudio Concept MC, EMT JSD S75
MC-Übertrager: Audio Note S2
Digitalplayer: Audio Note CDT-3/DAC 3, T+A PDP 3000 HV
Music-Server: Audirvana Plus
Lautsprecher: Audio Note E SPe HE, DeVore Fidelity Orangutan 93
Kabel: Audio Note, AudioQuest, Vovox
Stromversorgung: IsoTek EVO3 Mosaic Genesis
Zubehör, Stellfächen, Möbel: Subbase Audio, LignoLab, Solidsteel

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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