Jazzidelity: Marc Perrenoud Trio – Two Lost Churches

Ein Trio kommt zur Sache

Klaviertrios sind längst keine Modewelle mehr, sie sind eine Schwemme. Mühelos könnten deutsche Jazzclubs monatelang junge Klaviertrios präsentieren, ohne sich wiederholen zu müssen. Eine Generation von europäischen Pianisten begreift dieses praktische Format inzwischen als ein Universal-Fahrzeug zum Transport harmonischer und rhythmischer Ideen, wie sie gut ausgebildeten Tastendrückern fern der Heimat des Swing eben täglich dutzendweise einfallen. Das klingt meist sehr gepflegt, ein wenig nach Pop und Klassik, häufig ein wenig steril und langweilig und nicht selten ziemlich austauschbar.

Marc_Perenoud_Trio

Kaum zu halten: Marc Perrenoud (Mitte), Bassist Marco Müller (links) und Schlagzeuger Cyril Regamey

Doch dann kommt glücklicherweise einer wie der Frankoschweizer Pianist Marc Perrenoud daher und demonstriert, dass es auch anders geht. Bei ihm und seinen Mitstreitern Marco Müller (Kontrabass) und Cyril Regamey (Schlagzeug) klingt nichts steril und langweilig.

Marc Perrenoud Trio

Marc Perrenoud Trio – Two Lost Churches
CD/Berthold Records

Im Gegenteil: Das Perrenoud-Trio geht immer entschlossen aufs Ganze. Wenn die drei Eidgenossen Balladen spielen, werden daraus abgrundtief schaurige Trauermärsche („Two Lost Churches“, „Mantas Playground“), und wenn sie sich einen Rockbeat gönnen, dann dampft der Kessel aber richtig („Autumn Leaves“, „Corbin Drive“). Vom ersten Takt an ist klar: Diese drei wollen zur Sache kommen, ungebremst und heftig und ohne bemühte Ästhetisierung. Dafür aber mit einem ausgeprägten Talent zur verblüffenden Kombination von Gegensätzen: Ein Arpeggio-Thema unterlegt Perrenoud mit dramatischem schem Bassmotiv, den alten Standard „Autumn Leaves“ lässt er in sieben Achteln knallen, und zu Cole Porters „You’d Be So Nice To Come Home To“ spielt er einen Latin-Rhythmus fast wie eine zweite Melodie. Ebenso offensiv wie die Anlage der Stücke ist dann aber auch die improvisierte Durchführung: Perrenoud bevorzugt harte, nüchterne Single-Note-Läufe, zupackend und mit vollem Risiko. Kompakt, kraftvoll, knackig: Das gilt fürs Konzept des ganzen Albums, auf dem man keines der acht Stücke missen möchte. Einziges Manko: Die CD besitzt nur die klassische LP-Länge von 40 Minuten. Wessen Hörhunger da am Ende begreiflicherweise noch nicht völlig gestillt ist, möge zum Debütalbum des Trios greifen: Logo von 2008. Dort ist manches schon zu spüren, was auf Two Lost Churches manifest wird.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 3 (5/2012)

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