Buchprüfung: Julio Cortázar – Der Verfolger

 

Julio Cortázar – Der Verfolger

Julio Cortázar – Der Verfolger
SZ-Bibliothek Bd. 21

Er heißt zwar Johnny, nicht Charlie, heißt Carter, nicht Parker, sein grandioses Waterloo „Lover Man“ kommt als „Amorous“ daher, und die Baronin Nica firmiert als Marquise Tica. Doch unverkennbar stand Bebop-Pionier Charlie Parker hier Modell, der prototypische Märtyrer des modernen Jazz, der Mystiker der Intensität, der zwischen Saxofon, Alkohol, Drogen und Sex bei lebendigem Leib verglühte: „Mit der ersten Phrase seiner Musik zerfetzt er uns.“ Es sind die letzten Wochen im Leben von „Johnny Carter“, erzählt von seinem französischen Freund und Biografen Bruno, einem nüchternen, eitlen, aber auch selbstkritischen Jazzkritiker. Es ist die schwierige Annäherung an ein rätselhaftes Genie voller Manien und Halluzinationen, einen wie aus einer anderen Welt – kein Engel allerdings, eher ein Feuermensch unter lauter schattenhaften Geistern. Es ist die poetische Verdichtung eines Ausnahme-Phänomens, das in seiner eigenen Wirklichkeit, seinem eigenen Zeitrhythmus existiert, nach einer tieferen Wahrheit haschend, nach einer Tür, die sich in der Weltfassade öffnet, ein Jäger, ein Verfolger, ein Hase, der einem ominösen Tiger nachstellt. Dieser Johnny Carter durchlebt in eineinhalb Minuten eine Viertelstunde, harte Gegenstände beschreibt er als „verlangsamt elastisch“, und der Jazz ist für ihn „nicht nur Musik“. Dem Argentinier Julio Cortázar ist 1958 ein dichtes, poetisches Porträt gelungen, ausstaffiert mit Katastrophen aus Parkers Leben, ein Trip von einer Musiknovelle, heiß wie ein Bebopkonzert. Man verschlingt den Text in zwei Stunden.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 23 (1/2016)

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