Test: Henry Audio USB DAC 128 Mk II – Hallo Henry!

Das ist Henry. Henry ist eine ehrliche (Blech-)Haut. Er braucht keinen Tand, ist offen, schnörkellos, auf das Wesentliche reduziert.

Henry ist ein kleiner, smart konstruierter Digital-Analog-Wandler, gedacht zum Einsatz zwischen PC und Stereoanlage. Und Henry ist etwas ganz Besonderes. Denn er hat keine Geheimnisse. Vor niemandem. Wozu auch? Henry ist ein Projekt. Jeder kann in die tiefsten Winkel seiner Schaltkreise blicken und wird ermutigt sich in dieses Projekt einzubringen. Henry ist kein endgültiges Produkt, sondern ein sich entwickelndes. Entwickler oder besser Entwicklungsleiter Børge Strand-Bergesen geht den für kommerziell interessierte HiFi-Anbieter ungewöhnlichen Weg, das Layout und die Software seines Konzepts komplett online zu stellen. Damit möchte Strand-Bergesen anregen, dass Anwender sich selbst mit den versteckten Möglichkeiten des kleinen DACs zu beschäftigen. Je nach persönlichen Fähigkeiten. Ein IT-Legastheniker, der zumindest das heiße Ende eines Lötkolbens ertasten kann, könnte sich beispielsweise mit dem Bau einer externen Stromversorgung beschäftigen, während andere sich ihr Hirn über Gehäusemodifikationen zerbröseln. Diese Erkenntnisse teilt man dann online mit Gleichgesinnten, welche ihrerseits durch das Drehen zweier Nullen im Mastercode das allerletzte Fitzelchen Jitter beseitigten. Jeder teilt mit jedem, man tauscht sich aus und stellt seine Ideen bereit. Welch schöner Gedanke inmitten unserer Neidgesellschaft! In Henry vereinen sich Flower Power und Hackerethik. Auf Basis solcher Open-Source-Konzepte konnten sich schon Programme wie etwa Linux dank des Inputs kreativer Nutzer rasant entwickeln.

Henry Audio USB DAC 128 MkIIHenry gibt es ausschließlich im Netz, zum schmalen Kurs von zweihundertzwanzig Euro inklusive Versand. Was erhält man dafür? Auf den ersten Blick wenig „Highendiges“. Etwas Noblesse zaubert höchstens das gravierte Firmenlogo auf die Frontplatte. Doch Henry will gar nicht angeben. Henry besitzt innere Werte, auf die er vertrauen kann. Von außen betrachtet könnte Henry auch eine chinesische No-Name Phonovorstufe oder Ähnliches sein, denn selbstverständlich kann man zu diesem Preis keine norwegische Manufakturqualität erwarten. Aber Henry erblickt das Licht der Welt nicht im Reich der Mitte, sondern auf den Philippinen.

Seines Blechkleides entledigt steht unser Proband erstaunlich gut entwickelt dar. Unter einem „offenen Bastelprojekt“ verstehe zumindest ich etwas anderes. Layout und Ausführung des Boards sind hochprofessionell ausgeführt. So wurde die digitale von der analogen Sektion strikt getrennt, damit entstehende Störungen keinen Einfluss auf das Signal haben. Dieses flitzt auf kürzestem Weg hübsch symmetrisch vom Wandler aus, durch die Ausgangsstufe, zu den Cinchausgängen, um dort von (hoffentlich flexiblen) Kabeln an den Verstärker gereicht zu werden. Als Wandlerchip kommt in der aktuellen Evolutionsstufe des Henry USB DAC MkII ein Asahi Kasei AKM4430DAC zum Einsatz. Ein 24 Bit fähiger Chip, der Abtastraten bis 192 kHz problemlos verdaut und somit für den Einsatz im High Resolution Audio prädestiniert ist. Die generell hochwertige Qualität der Bauteile und die für die Preisklasse extrem penible Bestückung würden auch manchem Markengeräte gut zu Gesicht stehen. So dezent Henry optisch auch sein mag, seine inneren Werte überzeugen einen auf Anhieb von seinen erwachsenen, audiophilen Absichten.

Als „Nordlicht“ versteht sich Henry schon direkt aus der Box heraus mit seinen Mitspielern. Zumindest wenn Bitraten in CD-Qualität goutiert werden sollen. Höhere Raten als 24/96 akzeptiert der kleine Norweger erst nachdem im bevorzugten Mediaplayer, in meinem Fall Foobar 2000, ein Quasi-ASIO-Treiber implementiert wurde. Nur mit diesem Add-on gibt der Player UAC2 Audio (also nicht von der rechnereigenen Soundkarte kontaminierte Files) aus. Dann noch in den Einstellungen des Players nicht den Player selbst, sondern den Treiber als Ausgabegerät definieren. Klingt komplizierter als es eigentlich ist, denn dank der leicht verständlichen Homepage von Henry Audio ist die Installation absolut idiotensicher, selbst wenn alle Anweisungen nur auf Englisch vorliegen. Wer bei der Installation ein wenig mitdenkt, findet sich nach ein paar Minuten zurecht. Falls tatsächlich und unerwartet Probleme auftauchen, hilft sicher der technische Support von Henry Audio, von dem sich auch die Großen unserer Branche noch ein Scheibchen absäbeln könnten. Oder mit den Worten eines der Größten des Gewerbes: So muss Technik (erklärt werden)!

Henry Audio USB DAC 128 MkIIDa Henry sich offensichtlich in seinem neuen Umfeld gut eingelebt hat, kann man sich seinen klanglichen Fähigkeiten widmen. Doch bevor Henry loslegen darf, werden aufkommende Erwartungen vorsorglich, dem Preissegment entsprechend, nach unten kalibriert. Der motivierte Highender legt meist schon mehr als zweihundert Euronen für sein Digitalkabel auf die Ladentheke. Was soll man da schon groß erwarten? Von wegen, Freunde! Henry legt schon unterhalb der CD-Qualität so frisch und offen los, dass einem Zweifel am Ergebnis diverser Tests mit Wandlern unterschiedlichster Preislagen kommen. Das Unplugged-Konzert von Boy Sets Fire im Impericon-Hauptquartier stellt sicher keinen audiophilen Höhepunkt dar, doch richtet mit seiner direkten, fast nackt wirkenden Aufnahmequalität den Fokus stärker auf die Gesangslinien als auf die gewohnte Breitwandgitarre der Studioalben. Ist Henry sensibel genug dafür? Selten fand meine Zustimmung so direkt aus dem Ohr den Weg in die Tastatur. Henry schmiegt sich bei „My Life In The Knifetrade“ so kuschlig an Nathan Grays Organ, dass der direkte Vergleich mit dem Wandler meines NAD eindeutig weniger emotional berührt. So langsam verdient sich Henry ersten Respekt beim Hörer. Doch Henry kann noch mehr! Füttert man den norwegischen Winzling mit hochwertigem Material, werden ernste Zweifel an der Daseinsberechtigung einiger deutlich teurerer Wandler unvermeidlich. Henry rockt! Und Henry hat den Blues! Oh Yeah! Henrik Freischlader betritt meinen Hörraum in der Regel über das Vinylportal, selten über CD und die Hintertür des USB-Eingangs findet trotz 24/192-Konserven auf der Festplatte kaum Beachtung. Quercheck: „She`s Back (For Another Try)“ vom Plattenspieler, dann über meinen Laptop und meinen neugewonnen Freund Henry. Und Henry kommt verdammt nahe an die schwarze Scheibe ran. Nicht bemüht und verkrampft, Henry interpretiert den Blues von der lockeren, swingenden Seite her. Das sonnige Wesen des kleinen Wandlers öffnet die Bühne noch ein wenig weiter in den Raum hinein als die Vinylvariante. Der knackige, präzise Tieftonbereich ist besonders an geschlossenen Lautsprechern mit potenter Versorgung ein Gedicht. Auch obenrum muss sich Henry vor kaum Jemand verstecken. Ob das Zischen der Ride-Becken oder eine Fender Strat, das kleine Bastelprojekt lässt mein eigenes Digitalequipment hier recht alt aussehen. Einzig ein wenig Volumen im Grundton fehlt ihm vielleicht im Vergleich zum Vinyl. Doch was wäre, wenn man Henry eine ordentliche Stromversorgung gönnen würde? Oder, oder, oder …Schon fängt auch der nüchternste Charakter an, in Gedanken Akkus zu löten und durch Schaltpläne zu stöbern. Henry ist ein stabiler, verträglicher Freund ohne Allüren und mit ehrlichem Charakter. Wird Henry es mit seinem ungewöhnlichen Konzept schaffen, sich am Markt zu etablieren? Das liegt nicht zuletzt an seinen Nutzern. Mein Lötkolben liegt jedenfalls schon parat. Und wo die Stromversorgung eingespeist werden kann, hab ich auch verstanden.

 

Henry Audio USB DAC 128 MkIIHenry Audio USB DAC 128 MkII

Funktionsprinzip: USB D/A-Wandler

Eingänge: USB Mini B

Ausgänge analog: 1 x Line (Cinch)

Abtastraten: 44.1, 48, 88.2, 96, 176.4, 192 kHz

Besonderheiten: spartanische Ausstattung, Open-Source-Konzept, alle technischen Details online verfügbar

Ausführungen: Silber

Maße (B/H/T): 11/3/13 cm

Garantiezeit: 2 Jahre

Preis: 220 Euro

 

www.henryaudio.de

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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