Peter Qvortrup – Q wie Querdenker

Es gibt noch so viel zu entdecken

Audio Note / Peter Qvortrup in Who is Who in High FidelityDer Mann wäre alt genug, doch Peter Qvortrup, Jahrgang 1950, denkt gar nicht daran, sich gemütlich in den Ruhestand zu verabschieden. Schon gar nicht geräuschlos. Diesen Gefallen wird er seinen Neidern und Konkurrenten nicht erweisen. Denn der gebürtige Däne mit der professoralen Erscheinung ist nicht nur ein hellwacher und weltläufiger, sondern auch ein äußerst streitbarer Geist. Das brachte ihm schon in den Siebzigern, als Student der Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften in Kopenhagen, ein Zerwürfnis mit seinem Professor sowie einen wutschnaubenden Abgang ein – pünktlich zur Abschlussprüfung. Spätestens jetzt war Qvortrups Durchsetzungsfähigkeit für den weiteren Lebensweg absehbar.
Eine „richtige Ausbildung“ sowie handfeste Berufserfahrungen folgten beim Transport- und Logistikgiganten A. P. Møller (Mærsk) sowie in der väterlichen Distribution für automatische Rolltore von Geze. Zu dieser Zeit hatte der musikvernarrte LP-Sammler längst erste ernsthafte Audioprojekte in der heimischen Garage realisiert. Konsequenterweise gründete er 1978 in Kopenhagen seinen eigenen HiFi-Laden, Audio Consult. Dieser Shop gilt auch als Keimzelle für seinen Audiovertrieb, über den Qvortrup zum Beispiel Lowther-Schallwandler nach Dänemark importierte, aber auch die Röhrenverstärker von Hiroyasu Kondo. Dessen Produkte distribuierte er zunächst national, mit zunehmendem Erfolg schließlich weltweit.
1984 gründete Qvortrup die Firma Audio Innovations und begann mit der Serienfertigung von Röhrenverstärkern, zudem entwickelte er im Laufe der folgenden Jahre etliche Auftragsprodukte. Seit dem Verkauf von Audio Innovations im Jahre 1989 kümmert sich der Wahlengländer hauptsächlich um sein Unternehmen Audio Note UK, das er peu à peu zum Vollsortimenter ausbaute.

Musik und deren emotional fesselnde Reproduktion waren immer schon Qvortrups Hauptantrieb. Nachdem ein verheerendes Feuer im elterlichen Haus den schon damals beträchtlichen Schallplatten- und Buchbestand des Teenagers in Schutt und Asche legte, erwuchs daraus im Gegenzug der Wunsch, „die Sache mit der Musik“ nunmehr umso konsequenter anzugehen. Es begann eine geradezu chronische, exzessive Vinyl- und Röhren-Sammelleidenschaft, die wohl etwas mehr als nur eine Kompensation darstellt. Obwohl er gemeinhin klassische Musik und Jazz in allen Facetten bevorzugt, scheint praktisch keine Stilrichtung Qvortrup je zu überfordern. Und noch immer hegt er großes Vergnügen an musikalischem Aufruhr und echten Überraschungen. So legt er ohne mit der Wimper zu zucken direkt nach der Callas die neueste Dubstep-HipHop-Metal-Scheibe auf. Dabei ist stets die Lust spürbar, neue Künstler und bisher unbekannte Musik nicht nur für sich selbst zu entdecken, sondern auch seinen Besuchern begreifbar zu machen. Inspirierend erweisen sich regelmäßig die drei erwachsenen Kinder, die wie der Vater weltweit unterwegs sind und ein ähnlich umfassendes Musikinteresse an den Tag legen. Seine Tochter Emily hat darüber hinaus eine besondere Nähe zum Lebenswerk entwickelt: Sie führt mittlerweile erfolgreich und sehr zur Freude ihres Vaters sogar die Geschäfte von Audio Note UK.

Die allermeisten Audio-Entwicklerkollegen der Neuzeit kann Qvortrup „nicht ernst nehmen“. Diese hätten längst „den Fokus auf das Wesentliche verloren“, fänden weder einen unmittelbaren Bezug zur Musik, noch zu den Künstlern. Er vermisst die nötige Demut vor der künstlerisch-musikalischen Leistung und fühlt sich geistig verbunden mit universellen Altmeistern, die „mit angemessenem Respekt vor der Musik“ ihre Arbeit verrichtet haben. In dieser Tradition versteht Qvortrup Musikreproduktion als interdisziplinären Auftrag, der Messtechnik zwar benötige, sie aber nicht in den Vordergrund stellen dürfe. Das emotionale Erlebnis müsse im Mittelpunkt stehen, das mühelose Erkennen – auch Wiedererkennen – von musikalischen Zusammenhängen. Einer der wichtigsten Punkte hierbei ist der unverwechselbare Charakter eines jeden Instruments, dessen „Dichte“ und „Klangrichtigkeit“ („harmonic envelopes“), was sich unter Laborbedingungen allein nun wirklich nicht einschätzen und auch nicht reproduzieren lässt. Qvortrup spricht gern vom „Medium“ eines Instruments, dessen Einzigartigkeit und Nuancenreichtum durchaus Vergleiche mit der charakteristischen Stimme der eigenen Mutter erlaubt, die man sogar im komplexesten Stimmengewirr noch heraushören könne.
Um bei seinen Entwicklungen klar zwischen „richtig“ und „falsch“ zu unterscheiden, beruft sich Qvortrup auf ein hoch entwickeltes akustisches Gedächtnis. Als Konzertliebhaber könne er sich Klangstrukturen mühelos und dauerhaft einprägen. Das ursprüngliche Musiksignal, das bei der Wiedergabe „niemals verbessert, nur bewahrt werden“ kann, möglichst unbeschädigt zu lassen, hat deshalb Priorität. Es soll mit seinen Entwicklungen besonders leicht fallen, in die Musik einzutauchen.

Seinen Geburtstag feiert Peter Qvortrup übrigens am 4. Juli, dem Nationalfeiertag der USA. Doch nichts könnte dem erklärten Pazifisten wohl mehr am Allerwertesten vorbeigehen als das, was die US-Amerikaner im Regelfall für abfeiernswert erachten, insbesondere das Recht auf Waffenbesitz stößt ihn ab. Abgesehen von ein paar hellen Köpfen aus Philosophie, Weltwirtschaft und Literatur (etwa Frederick Soddys „Wealth, Virtual Wealth and Debt“ von 1926) lässt der Vielleser und Globetrotter an der typischen US-Kultur kaum ein gutes Haar. Okay, er schätzt gelegentlich das unvergleichlich weiche Cruising-Gefühl eines Ami-Vans, eigentlich jedoch bekennt sich Qvortrup zu ausgewählten Youngtimern von Mercedes-Benz aus jener Zeit, als sie noch „properly designed“ waren. Die Kunde von seiner Sammlung außergewöhnlicher Modelle vergangener Tag ist sogar schon bis nach Stuttgart durchgedrungen, wo man bereits ein Auge auf gewisse Raritäten, zum Beispiel von AMG, geworfen hat. Der Fuhrpark seiner Firma wiederum umfasst rund ein Dutzend Fahrzeuge der „guten, alten E-Klasse“ (Serie W124), einige mit Rechts-, andere mit Linkslenkung, was gelegentlich zu amüsanten Situationen bei „fliegenden“ Fahrerwechseln führt.

Seine noch immer keineswegs üppige Freizeit verbringt Peter Qvortrup am liebsten mit seiner Frau Lesley im Ferienhaus in Südfrankreich. Dort besitzt der bekennende Gourmet zusammen mit gleichgesinnten Hobby-Winzern einen kleinen Weinberg, dessen respektabler Rebensaft auch Gäste und Freunde erfreut. Frei nach dem Motto, „wer sich nicht für Speis’ und Trank interessiert und auch nicht für Musik, der ist automatisch langweilig“, finden sich die Nichtlangweiligen gelegentlich auch in einem unauffälligen, geschmackvoll eingerichteten Reihenhaus in Brighton and Hove ein. Dort ist übrigens auch die letzte Instanz aller Audio-Note-Entwicklungen integriert: der Qvortrup’sche Hörraum – wie im Umfeld des Sammlers üblich, rundherum und bis unter die Decke mit tausenden von Schallplatten bestückt. Und mit ausgewählten Büchern. Ruhestand? Das ist einfach nichts für einen agilen Querdenker.

Audio Note (UK) Ltd. – Die Dirigenten und die Musik

Wie eine Manufaktur zum Vollsortimenter aufsteigt und dabei stets die Hauptsache im Fokus behält? Audio Note (UK) schwört auf eine Mixtur aus Kunstfertigkeit, Intuition und Ingenieurswissenschaft.

Anfang der 1990er Jahre verfolgten Hiroyasu Kondo und Peter Qvortrup gemeinsam ein Ziel: die Welt mit Produkten von Audio Note zu bereichern. Rund zehn Jahre später erwischte die Weltwirtschaftskrise auch die High-End-Szene, und die Wege zweier grundverschiedener Charaktere trennten sich. Die Manufaktur in Japan und der weltweite Distributor in England hatten unterschiedliche Vorstellungen, wie man sich den neuen Herausforderungen stellen sollte. Qvortrup beschloss, die Marke Audio Note, deren Namensrechte außerhalb Japans beim britischen Ableger liegen, unbeirrbar weiter auszubauen.

Bereits 1991 präsentierte die frisch geschlüpfte Audio Note Co. Ltd die ersten Eigenentwicklungen: die Röhrenvollverstärker OTO Phono PP und OTO Phono SE, erste professionelle Produkte eines jungen Audiodesigners namens Andy Grove, dessen Ideen seither immer wieder für Aufsehen sorgen. Der OTO-Amp ist übrigens noch immer im Programm, sein modularer Aufbau, der Ähnlichkeiten zur modernen Automobilfertigung und vielfältige Modellvariationen zulässt, wird mittlerweile in allen Modellreihen des Hauses angewendet.

Firmenchef Peter Qvortrup konnte 1991 bereits auf einige Jahre Erfahrung in der Fertigung von Röhrenverstärkern zurückgreifen. Er hatte 1984 Audio Innovations gegründet und bis zum Verkauf der Marke 1990 auch für andere Unternehmen entwickelt und gefertigt. Quasi als Ritterschlag wurde er, im Zuge einer weltweiten Vertriebsvereinbarung für Audio-Note-Produkte, auch für einen Teil der Fertigung für den tief verehrten Kondo-san verantwortlich.

Der rast- und furchtlose Firmenchef hat seither das Portfolio von Audio Note komplettiert. Aus dem Spezialhersteller für Röhrenverstärker, Übertrager und andere klangentscheidende Bauteile wurde innerhalb weniger Jahre ein echter Vollsortimenter, Audio Note kann im Sinne des Kettengedankens sämtliche Bausteine eines HiFi-Systems aus einer Hand anbieten: Analog- und Digital-Komponenten, Röhrenverstärker und Lautsprecher, plus alle nur denkbaren Qualitätskabel. Die Verwendung von Röhren und Übertrager gilt dabei als essentiell für die bestmögliche Musikwiedergabe.

Orientierung innerhalb des verblüffend vielfältigen Angebots bietet das hauseigene „Audio Note Performance Level System“: Komponenten mit höherer Ziffer stehen für eine gesteigerte Performance, zudem wird die Auswahl zueinander passender Geräte vereinfacht. Ursprünglich von Level 1 bis 5 ausgelegt, ist das System dank stetiger Forschungsarbeit, aber auch dank neuartiger Bauteile mittlerweile „nach oben“ erweitert worden. Was auch für den Preis gilt: Absolute Spitzenprodukte repräsentieren den Gegenwert einer Luxuskarosse, im Gegenzug werden höchst exklusive Ingredienzen und extrem tiefreichendes Know-how geliefert.

Für das britische Unternehmen zählt Performance weit mehr als jede Optik. Die robust konstruierten, durchweg unspektakulär gestalteten Gerätschaften bieten an klangentscheidenden Stellen praktisch immer maßgefertigte Bauteile. Was man hier absolut wörtlich nehmen darf. Audio Note verfügt über ein eigenes Labor sowie einen kompletten Mess- und Maschinenpark, um beispielsweise jede Art von Spule, Trafo oder Übertrager im eigenen Haus anzufertigen. Dabei wird Reinsilber als klanglich überlegenes Material bevorzugt und vor allem in den Spitzenprodukten geradezu exzessiv eingesetzt. Eine weitere Spezialität sind Bauteile, die von ausgesuchten Zulieferern für Audio Note nach Maß gefertigt werden. Diese werden über Jahre hinweg gemeinsam mit den Zulieferern in aufwendigen Messreihen und endlosen Hörsessions weiterentwickelt und so lange feinabgestimmt, bis sie schließlich den hochgesteckten Anforderungen von Peter Qvortrup und Chefentwickler Andy Grove, der in der Szene längst einen exzellenten Ruf als Röhren- und Übertrager-Genie genießt, genügen.

Solche Neuentwicklungen bedeuten nicht nur einen enormen Zeitaufwand, sondern auch beträchtliche Investitionen. Die südenglische Manufaktur ist jedoch hartnäckig bestrebt, klanglich bewährte Schaltungen und Technologien mit eigenen, spürbar besseren Bauteilen entscheidend zu optimieren. Jüngste Beispiele hierfür sind spezielle Silber-Tantal-Widerstände sowie eine neue Elko-Serie namens „Kaisei“. Diese haben Grove und Qvortrup in Zusammenarbeit mit Rubycon entwickelt, sie wird vom renommierten japanischen Spezialisten exklusiv für AN gefertigt und gilt als adäquater Nachfolge für die gesuchten, längst vergriffenen Black-Gate-Kondensatoren, deren Bestände selbst im riesigen AN-Teilelager allmählich zur Neige gehen.

Zu den derzeit spannendsten Projekten gehört ein überraschend preisgünstiger Vollverstärker, aber auch ein spezieller Digital-Analog-Wandler, der mit einer sogenannten R2R-Schaltung auf einem uralten, in der Praxis bisher kaum beherrschbaren Prinzip aufbaut. Klanglich jedoch ist schon der DAC-Prototyp derart vielversprechend, dass Audio Note hierzu bereits eigene Maschinen und Messreihen entwickelt hat. Gleichwohl wird bis zur Serienreife eines „R2R Ladder DAC“ wohl noch einige Zeit ins Land ziehen.

Apropos „ins Land ziehen“: Seit Jahresbeginn 2015 residiert Audio Note (UK) Ltd in einem rund 1100 Quadratmeter großen Gebäude. Die Manufaktur hat ihre verschiedenen kleineren Forschungs- und Fertigungsstätten, die in der Region Brighton verteilt waren, unter einem einzigen größeren Dach vereint. Das Gebäude im benachbarten Partridge Green bietet auf rund vierfacher Grundfläche genug Platz für sämtliche Spezialisten, für die Labors, die Spulenwicklerei, das Lager und die Produktion. Und endlich auch für die irrwitzig umfangreiche Röhren- und Vinyl-Sammlung des Chefs. Nur eines findet auch im neuen Gebäude nicht statt: die endgültige Abstimmung und Freigabe jeder neuen Audio-Note-Entwicklung. Dazu trifft sich das AN-Team traditionell auch weiterhin im Qvortrup’schen Hörraum. Dieser ist und bleibt die letzte Instanz, um den berühmten Kettengedanken mit fein abgestimmten Komponenten in die Praxis umzusetzen, mitunter schon für ein erstaunlich überschaubares Budget.

Insgesamt sind allein in England rund zwei Dutzend, weltweit knapp 40 Mitarbeiter für Audio Note (UK) Ltd tätig, darunter auch zwei Familienmitglieder: Qvortrups Ehefrau Lesley Fennell ist seit Anbeginn des Unternehmens in Verwaltung und Geschäftsführung entscheidend beteiligt, Tochter Emily erfreut den stolzen Vater als designierte Geschäftsführerin. Stolz ist der Senior-Chef zudem auf ein seit Jahrzehnten bewährtes Teamwork mit den engagierten AN-Distributoren, darunter auch Alexander Voigt Audiosysteme in Deutschland. Diese sorgten schließlich dafür, dass man bei Vorführungen nie lange über die Musik sprechen müsse, vielmehr die Musik für sich selbst sprechen lassen kann. Und das sei es, was Audio Note im Innersten ausmacht: der besonders leichte Zugang zur Musik.

 

Fragenkatalog Laut und Leise

Volume up or down?
up

Analog or digital?
analog

Tube or transistor?
valve

Vinyl or download?
vinyl

Cross-country run or gym?
gym

Trends or tradition?
tradition

Tea or coffee?
coffee

Salad or steak?
salad

Wine or beer?
wine

Mountains or the sea?
sea

Book or screen?
book

Jazz club or opera house?
opera house

Bach or Beatles?
Bach

Wagner or Wacken?
Wagner

Stand-by or plug out?
unplug

 

Audio Note (UK) Ltd
Viscount House
Star Road Industrial Estate
Partridge Green
West Sussex
RH 13 8RA

 

www.audionote.co.uk

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