High End on Tour 2016 Hannover – oder: Ab wann wird’s schwierig?

Vom 26. bis 27. November 2016 fand in Hannover die letzte High End on Tour des Jahres statt. Der traditionelle Abschluss des „HiFi-Jahres“ bietet eine gute Gelegenheit für einen Rückblick.

Austragungsort war das Congress Centrum Hannover. Wer von weither anreiste, der wohnte gleich nebenan im Congress Hotel.

Rote Karten

High End on Tour 2016 HannoverVon München aus brauchten wir diesmal satte elf Stunden, um nach Hannover zu kommen. Dank voller Freitags-Heimfahrer-Breitseite in allen Schattierungen lief es wirklich nicht besonders gut. Nach dem Eintreffen wollten wir nur noch schnell parken, einchecken, eine Kleinigkeit essen, ein Bierchen dazu und damit den Tag ausklingen lassen. So der Plan. Erste Hürde: die Parksituation. Laut Aussage des Personals verfügt das Congress Hotel angesichts seiner Größe über „sowieso viel zu wenig Parkplätze“. Zudem werden diese auch gern von Nicht-Hotelgästen belegt, wenn nebenan im Congress Centrum oder in der Kuppelhalle eine Veranstaltung läuft. Wie zum Beispiel an genau diesem Freitag: „Klassik Radio Live In Concert“ präsentierte die größten Soundtracks aller Zeiten. Das ging von „Fluch der Karibik“ bis „Miss Marple“ und weit darüber hinaus … und bedeutete ein extravolles Haus und zusätzlich verschärfte Parkprobleme. Nach kaum einer Dreiviertelstunde hatten wir dann endlich einen Platz ergattert – immerhin dann doch in der hoteleigenen Garage! Unsere Laune war entsprechend, bitte fragen Sie nicht nach Details. Da halfen auch die tröstende Worte einer sichtlich überforderten Dame beim Einchecken wenig, wonach wir ja noch froh sein könnten, denn bis vor kurzem waren auch noch die restlichen Plätze auf der Straße vor dem Hotel durch eine riesengroße Baustelle blockiert. Ach, ja?
Nach dem Einchecken ging’s dann gleich rüber an die Bar, eine Kleinigkeit essen. Das ist aber als Hotelgast gar nicht so einfach. Denn direkt an der Hotelbar darf man nicht essen, man MUSS sich zu diesem Zweck an einen Tisch setzen. Blöd nur, dass gerade sämtliche Tische von Klassik-Radio-Konzertbesuchern in Wartestellung belegt waren. Rote Karte für die Hotelgäste. Pech gehabt. Doch damit noch nicht genug …
Am nächsten Morgen im Frühstücksraum des Hotels. Ein Omelett wäre jetzt genau das Richtige, um den Tag zu beginnen … „Omelett? Nein, das bekommen Sie nicht“. Aha, und warum nicht? „Wir haben

uns entschieden, lieber das frische Rührei immer frisch zu machen“. Allerdings war das „frische“ Rührei dann doch eher ein leidlich frischgehaltenes in der üblichen Blechschale, das genau so vor sich hin trocknete wie woanders auch. Schön war auch folgender Hinweis auf dem Frühstückstisch: „Eine Mitnahme von Frühstückskomponenten ist nicht erwünscht“. Was für ein Wort: Frühstückskomponenten. Aber egal, wir waren ja nicht wegen des Hotels nach Hannover gefahren. Zum Glück gibt’s die High End on Tour.

Preisverdächtig

High End on Tour 2016 Hannover

Sehr schön, der Gang mit den Vorführräumen.

Die Räumlichkeiten der High End on Tour in Hannover gliedern sich in zwei Ebenen: einen Hallenbereich im Erdgeschoss und die Vorführräume im ersten Obergeschoss, wobei der obere Teil ein wenig an die High End on Tour in Dortmund erinnert, in Hannover ist aber vor allem der Mittelgang großzügiger.
Gleich zu Beginn wollen wir jedoch eine ganz spezielle Auszeichnung vergeben. Den „Experten“ des Jahres verleihen wir hiermit an den Verbreiter des größten Nonsens der Messe. Er hat ihn sich redlich verdient. Wer den „Experten“ des Jahres auf der HoT Hannover erhält, wollen wir an dieser Stelle taktvoll verschweigen, nicht aber, warum er ihn bekommt. Einige (längst noch nicht alle) Zitate zu den von ihm angebotenen Produkten dokumentieren seine Bemühungen um Auszeichnungswürdigkeit: „Sie können sogar – weil das Display immer störend ist am Klang – das Display wegschalten“. Und: „Wir müssen etwas improvisieren, da wir gestern noch spät einen Termin gehabt haben mit einem Kunden, das ist aber so“. Und: „Silber klingt immer bedeckt und Gold ist der beste Leiter. Am liebsten würden wir nur Gold nehmen.“ – Wow! Danke für diese tiefen und bestens fundierten Einblicke. Danke auch, dass hier offenbar alles gegeben wird, die High-End-Szene in seriösem Licht erscheinen zu lassen. Danke für diese denkwürdige Präsentation. Aber merke: Zuhörer sind nicht blöd. Und sie sitzen im Zweifelsfall am längeren Hebel …

Positive Eindrücke

Wenden wir uns nun den erfreulichen Highlights auf dieser Messe zu. T+A feierte in Hannover mit seinem brandneuen Vollverstärker PA 3100 HV die Deutschlandpremiere. Eingebettet in ein komplettes großes T+A-Setup, inklusive einer Netzteil-Erweiterung für den PA 3100 HV, wusste der neue Vollverstärker mehr als zu überzeugen. Die beiden VU-Meter geben zu jeder Zeit Aufschluss über die abgegebene Leistung, die mit zwomal 500 Watt an 4 Ohm in jedem Fall ausreichend sein dürfte. Eine weitere Deutschlandpremiere gab es bei AVM zu bestaunen. Der CS 8.2 war so frisch, dass es sich bei dem vorgeführten Gerät noch gar nicht um ein Seriengerät handelte, die es ab Anfang 2017 geben wird. Der CS 8.2 ist ein All-In-One-Gerät und vereint in einem einzigen Gehäuse: einen Vorverstärker, einen Endverstärker, einen Streaming Client, der sich auf eine sich im Netz befindliche Festplatte „hängen“ kann, ein CD-Laufwerk von TEAC nach red-book für perfekte CD-Wiefergabe, eine Röhrenstufe und, wenn wir richtig zugehört haben, auch einen UKW-Tuner. Mit stabilen 500 Watt pro Kanal (der neue Maßstab?) sollte wirklich jeder vernünftige Lautsprecher sicher anzutreiben sein. Apropos: Vorgeführt wurde bei AVM mit der neuen großen Dynaudio Contour 60. Diese Kombination spielte dann auch sehr souverän ihre Vorzüge aus und füllte den großen Raum wie selbstverständlich auch mit erhöhtem Pegel.
Wie immer überraschend ging es bei Sintron zu. Dort spielten Lautsprecher der Concert Grand Serie von Vienna Acoustics an Elektronik von Vincent. Obwohl Standlautsprecher, waren die Schallwandler nicht allzu groß. Doch die Besucher sollten sich nicht getäuscht haben: Die vergleichsweise kleinen Standlautsprecher lieferten immer wieder einen überaus reichhaltigen und raumfüllenden Sound, wirklich verblüffend und viel „größer“ als der optische Eindruck. Wer nicht so viel Platz zur Verfügung hat, sollte sich diese Lautsprecher einmal anhören.


Gleich nebenan gab es eine Kette aus Martin Logan (Lautsprecher), Moon (Elektronik) und Shunyata (Verkabelung) zu hören. Diese Anlage verdeutlichte auf Anhieb und ohne Wenn und Aber, was „High End Audio“ eigentlich bedeutet, nämlich die größtmögliche akustische Annäherung der Wiedergabe an den Originalklang im heimischen Umfeld. Das hat in dieser Kombination einfach wunderbar gepasst. Selbst die bei Elektrostaten oft so schwierige Einbindung eines dynamischen Basstreibers gelang vorbildlich. ELAC wiederum brachte ganz gezielt ein ausgemacht kleines Setup an den Start, um zu zeigen, dass selbst mit kleinem Budget großer Klang möglich ist. Es ist ihnen vorbildlich gelungen. Spannend war im ELAC-Raum auch die Vorführung der neuen Steckdosen-Filterleiste Niagara 1000 von AudioQuest. Trotz – oder vielleicht sogar gerade wegen – der „kleinen“ ELAC-Kette war der Vorher/Nachher-Effekt deutlich hörbar und ein weiterer Anreiz, sich über die Spannungsversorgung seiner Geräte durchaus mal tiefere Gedanken zu machen. Wir sagen: Probieren geht über Studieren.
Wieder ein paar Räume weiter hatte Canton die Reference 3K und Reference 9K aufgebaut. Das Frontend bestand diesmal nicht – wie sonst üblich – aus Phonosophie-Eigenprodukten, sondern aus Komponenten von Pioneer, die von Phonosophie „gepimpt“ wurden. Canton gehört übrigens zu den wenigen Firmen, die es immer wieder schaffen, das gebotene Klangniveau stets hoch zu halten – ganz egal, wo vorgeführt wird. Was ohne Frage auch für die besonderen Qualitäten ihrer Lautsprecher spricht. Nubert wiederum zeigte insbesondere mit seiner NuVero 60, was ein „Kompaktlautsprecher“ heutzutage leisten kann. Die Besonderheit der NuVero 60 ist, trotz der kompakten Maße ein vollwertiges 3-Wege-Konzept zu bieten. Ähnlich Beeindruckendes haben wir in letzter Zeit auch bei Bryston gesehen. Ein weiterer „Selbstläufer“ ist bewährtermaßen Sonus Faber. In Hannover präsentierten sich die stets hinreißend gestalteten Schallwandler aus Italien mit einem kompakten und sehr schicken Micromega-Frontend – eine weitere überzeugende Vorführung.

Jenseits des Mainstreams

Es gab auf der High End on Tour in Hannover aber durchaus auch die eine oder andere „Off-Beat“-Überraschung zu erleben. Hervorheben wollen wir die Firma Höltkemeier, die wir bisher nur am Rande wahrgenommen haben. Höltkemeier bietet außergewöhnliche Lautsprecher an – zusammen mit einem außergewöhnlichen Vertriebsmodell. Der Höltkemeier SpaceOne ist ein echter, auch optisch markanter Rundumstrahler. Als Antrieb dient ein einziges Breitbandchassis, das nach oben gegen eine fast zehn Kilogramm schwere Glaskugel strahlt und so den Schall verteilt. Dass die Kugel auch beleuchtbar ist, sei nur am Rande erwähnt, ist aber durchaus praktisch und auch entscheidend für die optische Wirkung des SpaceOne im Raum.


Wie es klingt? Überraschend gut, und zwar unabhängig von den verschiedenen Setups. In Hannover kam ein AV-Verstärker in 2.0-, 2.1- und 5.1-Konfiguration zum Einsatz, aber auch sehr feine Röhrenmonos von Herkelmann waren mit von der Partie. Der Klang überzeugte uns durch verblüffende Ausgewogenheit – und das tatsächlich im ganzen Raum. Kam dann noch ein Subwoofer hinzu, wurde es richtig ernst! Die Rundumstrahler von Höltkemeier scheinen gut geeignet zu sein, beide Welten (2-Kanal-Stereo und Mehrkanal-Sound) nicht nur „irgendwie“ abzudecken, sondern geradezu spielerisch in allen Disziplinen zu punkten. Für uns war Höltkemeier jedenfalls DIE Überraschung der Messe. Nur: Diese Lautsprecher kann man nicht kaufen, sondern lediglich quasi als „Sound-Abo“ auf Zeit mieten. Einmessung und dauerhafter Service inklusive. Die „Höltkemeier-Welt“ öffnet sich ab 200 Euro im Monat. Dafür bekommt man ein Paar der aktuellen Rundumstrahler. Die Mindestmietdauer beträgt 24 Monate, eine längere Mietdauer ist selbstverständlich möglich und verringert sukzessive auch die monatliche Mietgebühr. Das ist zweifellos ein innovatives Vertriebskonzept für High-End-Produkte. Ob es aber vom Markt auch getragen wird, muss sich erst noch zeigen.
Im Höltkemeier-Raum gab es auch Röhrenverstärker von Carsten Herkelmann zu hören und zu sehen, die zusammen mit den Rundumstrahlern eine sehr, sehr feine Kombination darstellten. Hier blieben tatsächlich nur noch sehr wenige Wünsche offen. Die Röhrenverstärker von Herkelmann werden mit großer Sorgfalt und Sachverstand entwickelt und realisiert. Großen Wert legt man bei dem Unternehmen aus Dortmund auf optimierte Netzteile, man erkennt bei den Herkelmännern ein auf Impulse optimiertes Verstärkerkonzept. Doch auch Herkelmann-Verstärker kann man nicht kaufen. Und es gibt offenbar auch keine Pläne, daraus ein kommerzielles Konzept zu machen. Sehr schade.

Neue Perspektiven gesucht

So sehr das obere Atrium in Hannover als schönes Umfeld zu erleben war, die untere Halle konnte damit in keiner Weise mithalten. Obwohl es auch hier vereinzelt schöne Dinge zu entdecken gab, vermittelte die untere Halle eine durchaus deprimierende Grundstimmung, zu der auch die diffuse, dunkle Beleuchtung beitrug. Die Halle wirkte allzu luftig und zu wenig umtriebig. Kurzum: Für die Raumgröße waren einfach zu wenig Aussteller vor Ort. Das war überhaupt das Grundproblem der gesamten Messe: 14 Vorführräume plus eine luftige Halle liegen deutlich unterhalb dessen, was man von einer derartigen Veranstaltung erwarten darf. Diese Einschätzung wurde von etlichen Besuchern, mit denen wir vor Ort gesprochen haben, eindeutig geteilt, teils sogar noch deutlich drastischer formuliert. Einige Besucher fühlten sich sogar regelrecht verschaukelt, ärgerten sich, eine weite Anreise in Kauf genommen zu haben und wollen künftig nicht mehr wiederkommen. Das sind äußerst unbefriedigende Reaktionen, nicht nur für diese spezielle Messe, sondern für die gesamte Industrie. Das war sicher nicht das Ziel, und kann kein Weg in die Zukunft sein.
Vielleicht ist es an der Zeit anzufangen, sich über andere Messeformate Gedanken zu machen. Messeformate, die mehr auf die Besucher und am Ende auf potenzielle Kunden zugehen. Ein möglicher Weg dorthin wäre ein Zusammenschluss deutscher Medien, um in puncto „neue“ Messen entsprechende Konzepte zu entwickeln und auch umzusetzen. Schließlich sind – neben den engagierten Fachhändlern – die Medien diejenigen in unserer Industrie, die den Kunden am nächsten sind. In deren Interesse sollten die Fachmedien eventuell ihren Mut zusammennehmen, ausgetretene Pfade verlassen und möglicherweise überholte Formen der Präsentation ersetzen durch eine moderne, zeitgemäße und sinnvolle Art des Umgangs mit High End.

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