Andrew Stockdale – Keep Moving

Der rockende Urstoff

Die Rockmusik hat viele Metamorphosen erlebt. Sie durchlief die Komplexitäten des Artrock, die Wurstigkeiten des Punk, die Bassdrum-Gewitter des Heavy Metal, die Harmlosigkeiten des Mainstreams. Ganz am Anfang aber, da war einmal dieser geniale Impuls gewesen, der alles lostrat, der zündende Funke, der Rock-Ur-Moment. Zu ihm gehörten griffige Gitarrenriffs, ein hektisches Schlagzeug, ein grummelnder E-Bass, eine gut angeschmutzte Leadgitarre, ein etwas überdrehter Sprechgesang, ein leicht übersteuerter Sound. So klang Rock am Ende der Sechziger bei Led Zeppelin, The Who, Black Sabbath oder The Doors. Es war ein Aufschrei, kurz und laut. Ein Song dauerte in der Regel kaum länger als drei Minuten.

Andrew Stockdale – Keep Moving EP/Caroline

Andrew Stockdale – Keep Moving
EP/Caroline

 

Die australische Rockband Wolfmother bekennt sich zu diesem Ur-Impuls, zur Mutter aller rockenden Steppenwölfe. Drei, vier, fünf Minuten lang sind ihre Songs – heftig, kompakt, schmucklos. Die Riffs könnten griffiger nicht sein, die Gesangslinien erinnern an Robert Plant oder Ozzy Osbourne, die Soli sind kurz, die Harmonien elementar und der Sound wirkt hart, robust und handgemacht. Tatsächlich klingen Wolfmother zuweilen wie ein verloren gegangenes Studio-Tape von 1969. Manche mögen die Band daher für überflüssig halten. Andere dagegen sind überzeugt davon, dass es nie genug von solchem guten Urstoff geben kann.

Im Jahr 2013 gerieten Wolfmother in Turbulenzen – nach nur zwei Studioalben. Die Retro-Rock-Band wurde erst aufgelöst, kündigte danach eine Tournee an und verlor anschließend ihren Schlagzeuger. Zwischendurch erschien sogar ein Album, allerdings unter dem Namen Andrew Stockdale: Keep Moving. Stockdale, der charismatische Lockenschopf mit dem gesegneten Rock-Organ, ist der Gründer und Kopf der Band, ihr Komponist, Texter, Sänger und Gitarrist in Personalunion. Andrew Stockdale ist Wolfmother. Und die Musiker auf seinem Album – Vin Steele, Ian Peres, Hamish Rosser, Elliott Hammond, Will Rockwell-Scott – sind die Musiker von Wolfmother. Auch der Sound ist der Sound von Wolfmother.

 

Es dampft, stampft, fetzt und shufflet wie in der Urzeit des Rock. „Vicarious“ beginnt mit galoppierendem Fuzz-Bass und waberndem Wurlitzer-Piano. „Ghetto“ geht so heavy los wie die Einleitung einer Black-Sabbath-Hymne. Fast nicht zu glauben, wie viele Ideen diese klassische Ästhetik noch hergibt. Erst nach hinten raus kommt dann ein neuer Tonfall ins Spiel, ein wenig countrylastig sogar mit Mundharmonika. In Kürze soll dann auch ein „echtes“ Wolfmother-Album fertig sein.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 12 (2/2014)

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