gligg box 03 – Das Grubenprojekt als Wunderbox

 

„Glück auf!“ lautete der traditionelle Gruß der Bergleute im Saarland. Daran erinnert der Name der Musikfirma gligg Records, die Martin „Schmiddi“ Schmidt 2012 im saarländischen Heiligenstadt ins Leben gerufen hat. Er nennt gligg Records ein „miner label“ – ein musikalisches Grubenprojekt. Es forscht in den Tiefen der Klanglandschaft, an den Fundamenten. Es ist Plattform „für experimentellen und Avantgarde-Jazz, improvisierte und neue Musik, Wort und bildende Kunst“.

gligg box 03 12-CD-Box/gligg Records

gligg box 03
12-CD-Box/gligg Records

Der Bergbau im Saarland fand 2012 sein Ende. Der Musikbranche, wie wir sie kennen, droht längst dasselbe Schicksal. Wer da offenen Auges noch ein herkömmliches Label startet und physische CDs produziert, noch dazu mit schwieriger Musik, muss von der Klanggräberei ganz und gar durchdrungen sein. Und in der Tat: Schmidt gibt sich nicht mit Halbherzigem ab. Wenn schon verrückt, dann richtig. Mehr als 50 CDs hat er auf gligg Records bereits veröffentlicht. Jetzt sind in der gligg box 03 gleich ein ganzes Dutzend weiterer Neuheiten erschienen. Ein Drittel davon entstand in Schmidts eigenem Spielraum Studio in Heiligenwald. Der Rest – Studioproduktionen und Live-Mitschnitte – kommt aus Berlin oder Köln, Amsterdam oder Athen. Schmidt ist selbst Musiker, sein Netzwerk wächst. Vor allem die abenteuerlustige Improvisatoren-Szene der Hauptstadt fühlt sich wohl bei ihm. Heiligenwald ist das neue Berlin.

 

Aus dem Bergwerk der unerforschten Klangadern heben die zwölf neuen Scheiben viele bunte Schätze ans Licht. Die gligg box 03 ist eine Zauberschachtel voller Überraschungen. Da gibt es Experimente mit Elektronik (ddaA und „No Litter“), fantasievolle Schlagwerk-Erkundungen (Fischer und Camatta), Begegnungen mit Avantgarde-Lyrik (Undertone mit Volker Sieben), freie Improvisation (praktisch überall). Der Jazzbassist Jan Roder ist gleich auf zwei CDs zu hören, die man dem neueren Gesamt-Berliner Freejazz-Stil zuordnen kann: Axel Dörner (Trompete) und Tobias Delius (Tenorsax) sind die Bläser im Quartett Mrs Conception, während Alexander Beierbach im Trio BROM sein wunderbar kühl-gedämpftes Free-Saxophon bläst, meist über dynamisch verhaltenem Swing. Der Schlagzeuger Jörg Fischer wiederum ist nicht nur im Trio LURK LAB mit von der Partie, sondern präsentiert mit Spring Spleen And Twelve Other Pieces auch ein spannendes Perkussions-Soloprogramm, das von seinen witzigen klanglichen Innovationen lebt: „snare with tuned metal bars“, „small instruments on drum skins“, „special plinky-plonky setup“. Der renommierte griechische Keyboarder Antonis Anissegos, der für gligg Records bereits John-Cage-Aufnahmen verantwortete, bildet mit Thymios Atzakas (Gitarre, Oud) und Shoji Hano (Schlagzeug, Stimme) das höchst erfrischende Improvisations-Trio ω-ΣΩΜΑ und mit dem Schlagzeuger Oliver Steidle das experimentelle, virtuose, hyperaktive Elektronik-Gespann ddaA.

 

Zu den schönsten Produktionen in der Box gehört das Album Shots & Coups: Saxophonist Frank Paul Schubert (Tenor und Sopran) und Pianist Uwe Oberg finden sich hier zum hochsensiblen Improvisations-Duo. Ihre klangschönen Erkundungen leben weniger von Gegensätzen als vom gemeinsamen Fluss. Da gibt es klar umrissene Improvisations-Ideen, überzeugende Entwicklungslinien, stimmige Soundkonzepte. Freie Musik zwar, ganz ohne Klischees, aber von einer berührenden Schönheit.

Eine besondere Überraschung schließlich bietet das Album Discoboys des Trios UHL. Gitarrist Johannes Schmitz und seine Mitstreiter Lukas Reidenbach (Bass) und Martial Frenzel (Drums) verblüffen mit einer Mixtur aus elektrischem Jazz, Fusion, Metal und Punk. Aufgeschlossene Headbanger werden hier restlos glücklich. John Zorn lässt grüßen.

 

gligg box 03 enthält diese 12 Alben:

ddaA: Killed by Candies

Hubweber / dj sniff: No Litter

Jörg Fischer: Spring Spleen

Kaufmann/Gratkowski/de Joode: Geäder

lurk lab: Lurk Lab

Mrs Conception: Back In A Minute …

ω-ΣΩΜΑ: Playing With Light

Schubert / Oberg: Shots & Coups

Simon Camatta: Me

UHL: Discoboys

Undertone / Volker Sieben: Not Yet

BROM: There.

 

Inzwischen gibt es eine gligg box 04. Näheres auf

www.gliggrecords.com

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 11 (1/2014)

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