Basteleien mit Folgen – Über die Geschichte des Drumcomputers

 

Wie experimentierfreudige Tüftler beinahe die Schlagzeuger arbeitslos machten – eine Spurensuche

Bilder: Roger Linn Design, Roland Corporation, US Patent and Trademark Office, Creative Commons, WEA Records/Warner Music Group

 

Es war gar keine Absicht! Ein paar Tüftler versuchen Mitte des 20. Jahrhunderts zeitversetzt und unabhängig voneinander, der zeitgenössischen Elektronik (Röhren!) Musik im Allgemeinen und schlagzeugähnliche Klänge im Speziellen zu entlocken. Dass ein Drumcomputer einst einen echten Schlagzeuger aus Fleisch und Blut ersetzen könnte, war in den Anfangstagen der Rhythmusgeräte noch nicht zu ahnen: Drumcomputer rangierten erst einmal ganz unten in der Hierarchie der Instrumente, zumeist fristeten sie ihr Dasein als Rhythmusknechte in elektronischen Orgeln. Ihr Aufstieg begann sich erst in den 1970ern abzuzeichnen, sie wurden nun stilprägend für die elektronische Musik und drückten in den 1980ern gar den Charts ihren Stempel auf.

Die ersten Rhythmusgeräte waren geprägt von elektronischem Pioniergeist. Einer der Innovatoren war der russische Physiker Leon Theremin (1896–1993), der im Jahre 1931 auf Anforderung des Komponisten Henry Cowell (1897–1965) das Rhythmicon konstruierte, eine Maschine mit 16 Tasten, bei der die erste Taste einen Grundton mit Rhythmus liefert und die weiteren Tasten jeweils in Tonhöhe und Rhythmus Vielfache der Obertonreihe abbilden. Beim Betätigen der zweiten Taste verdoppeln sich Tonhöhe und Rhythmus, bei der dritten Taste verdreifachen sich Tonhöhe und Ryhthmus usw.

Schade, dass Papier nicht klingt, denn so etwas muss man gehört haben. Abhilfe kann aber ein Blick ins weltweite Netz schaffen – hier einfach nach „Rhythmicon“ suchen und staunen. Das wirkt wahrlich avantgardistisch: eine geradezu irreguläre Rhythmik, deren sprödem Charme man sich kaum entziehen kann. Mit dem Klang eines Drumcomputers, wie ihn sich der gemeine Musikhörer vorstellt, hatte das allerdings noch nichts zu tun.

 

Rhythmus in Endlosschleife

Das änderte sich mit dem Rhythmate des Kaliforniers Harry Chamberlin aus dem Jahr 1957 – das erste Rhythmusgerät, so wie wir es heute verstehen.

Wurlitzer

Ein Wurlitzer-Drumcomputer von innen

Das Gerät war mit 14 Viertelzoll-Endlosbändern ausgestattet, mit einem langen Schieberegler konnte jedes von ihnen angesteuert werden. Die Bänder waren mit den angesagten Rhythmuspatterns der Mittfünfziger bestückt, die mit einem „echten“, also akustischen Jazz-Drumset aufgenommen waren. Vervollständigt wurde das Alleinunterhalterglück durch eine Eingangsbuchse für Mikrofon, E-Gitarre oder ein anderes Instrument. Wir nähern uns bei unserem selektiven Streifzug durch die Musikgeschichte also der Neuzeit – auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Während vom Rhythmate nur etwa hundert Stück gebaut wurden, darf der zwei Jahre später präsentierte Wurlitzer Sideman getrost als die erste kommerziell erfolgreiche Rhythmusmaschine betrachtet werden.

Wurlitzer, jener Hersteller, der mit der Jukebox eine Ikone der US-amerikanischen Popkultur schuf, stellte zu dieser Zeit auch elektronische Orgeln her und konzipierte den Sideman, wie es der Name schon vermuten lässt, als Beistellgerät für die E-Orgeln. Zwölf verschiedene Rhythmen wurden mittels eines Prinzips hörbar gemacht, das dem der Spieluhr ähnelt: Auf einer Scheibe waren in bestimmten Abständen winzige Metallnasen aufgebracht, die von einem rotierenden, mit Metallzungen bestückten Lesekopf abgefahren und durch eine Verstärkereinheit auf Röhrenbasis als perkussive Klänge ausgegeben wurden. Auf diese Weise produzierte der Sideman zwölf verschiedene Rhythmen. Er konnte sogar ferngesteuert werden, denn der Orgler von Format hat idealerweise beide Hände am Manual.

 

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Raymond Scott – Soothing Sounds For Baby (1964)

Findige Köpfe

Der gebürtige New Yorker Raymond Scott (1908– 1994) hatte nicht nur einen immensen kompositorischen Output vorzuweisen, er war auch in technischer Hinsicht sehr innovativ. Seine kuriosen Musikmaschinen hatten so humorvolle Bezeichnungen wie „Orchestra Machine“, „Talking Alarm Clock“, „Karloff “ (Prototyp eines Samplers), „Clavivox“ (in Zusammenarbeit mit dem jungen Robert Moog entstanden), „Videola“ (zum Synchronisieren von Bewegtbild und Musik), „Electronium“ (sehr frühe Form eines Synthesizers), „Bassline Generator“, „Voice Modulator“ oder „Melody Maker“. Vor allem aber der Rhythm Synthesizer und der Bandito the Bongo Artist – ja, das Gerät hieß wirklich so – lieferten in den Jahren 1960 und 1963 einen Vorgeschmack dessen, wie Rhythmus bei Künstlern wie Jean Michel Jarre oder Kraftwerk etwa 15 Jahre später klingen würde. Dass er damit die Zukunft vorausnahm, ist auf der Dreiteiler-LP Soothing Sounds For Baby aus dem Jahr 1964 eindrucksvoll zu hören. Ursprünglich als Einschlafhilfe für die Allerkleinsten gedacht, entpuppte sich dieses Werk als heimlicher Vorläufer von Ambient und Minimal Music. Ein weiterer Anspieltipp, dem Sie unbedingt nachgehen sollten, ist die 2-CD-Compilation Manhattan Research Inc., die einen umfassenden Überblick über das Schaffen von Raymond Scott bietet und von dem Betreiber seiner Website, dem Musikproduzenten und -historiker Jeff E. Winner, aufgelegt wurde.

Kraftwerk

An der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine operierend: Kraftwerk in Kiew

Der Heimorgel-Hersteller Gulbransen ging in Kooperation mit dem Jukebox-Fabrikanten Seeburg in die Vollen, als er 1964 den Rhythm Prince ablieferte. Nur drei Jahre später legte er mit dem Select-A-Rhythm nach. Transistortechnik war es zu danken, dass die Gerätschaften von Seeburg/Gulbransen nicht mal mehr halb so groß daherkamen wie die Vorgänger der Konkurrenz.

Und dann war da noch ein findiger Japaner namens Ikutaro Kakehashi. Er ging 1964 mit seinem Ace Tone an den Start, kooperierte für einige Jahre sogar mit dem Orgel-Giganten Hammond, um 1972 die Roland Corporation zu gründen, die längst zu einem Instrumenten-Imperium von Weltruf aufgestiegen ist. Im gleichen Jahr legten die Italiener von EKO den ComputeRhythm in einer Kleinstserie von nur 20 Stück auf. Einen davon sicherte sich der Franzose Jean Michel Jarre, der zu den ganz großen Pionieren der elektronischen Musik zählt – und diese auch äußerst gewinnbringend zu vermarkten wusste: Rund 80 Millionen verkaufte Tonträger sprechen eine deutliche Sprache. Jarres Oxygène (1976) und Equinoxe (1978) sind Meilensteine des Genres.

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EKO ComputeRhythm: Jean Michel Jarre schrieb damit Popgeschichte

Der ComputeRhythm war übrigens der erste programmierbare Drumcomputer, sprich: Er spielte genau das, was man ihm eintippte. Bis dahin konnten Rhythmusmaschinen zwar im Tempo veränderbare, aber doch nur vorgefertigte Rhythmuspatterns abspielen. Und nichts anderes.

 

Die können sogar Musik

Die Geschichte der Drumcomputer war nicht nur ein technischer Wettstreit, auch wenn es bis hierher so scheinen mag. Nein, es wurde richtiggehend Musik mit diesen Kisten gemacht!

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Robin Gibbs “Saved By The Bell” gilt als erstes kommerziell erfolgreiches Stück mit Drumcomputerunterstützung

Der erste im größeren Stil kommerziell erfolgreiche Song, auf dem neben normalem Schlagzeug auch künstliches Schlagwerk zu hören ist, wurde von Robin Gibb (Bee Gees) 1969 veröffentlicht: „Saved By The Bell“. Man möchte es kaum glauben, aber auch Sly & The Family Stone, die man gemeinhin mit Soul, einer sehr emotionalen Musik, in Verbindung bringt, bedienten sich 1971 auf dem Album There’s A Riot Going On elektronischer Unterstützung. Ob die Drum Machine allerdings die Musik der Krautrocker Can auf dem Album Tago Mago (1971) aufwertete? Ich habe da meine Zweifel. Krautrock halt.

Auch einige der ganz Großen, wie etwa Pink Floyd bei ihrem Werk Obscured By Clouds, ließen sich rhythmisch unter die Arme greifen. Das Album Journey der Psychedelic-Rocker Kingdom Come war das erste in der Musikgeschichte, auf dem der Schlagzeuger vollständig durch eine Drum-Maschine ersetzt wurde. Verwendet wurde ein Bentley Rhythm Ace, ehemals nur „Ryhthm Ace“ benannt.

Léo Ferré, einer der großen französischen Poeten und Chansonniers, schuf in dem Song „Je t’aimais bien, tu sais …“ (1974) mit den frei gestalteten Gesangsphrasierungen gegen die leise im Hintergrund vor sich hinblubbernde ostinate Rhythmusfigur eine faszinierende Mischung. Ein tolles Beispiel dafür, dass elektronische Helfer nicht zwingend maschinenhaft und kalt klingen müssen – es kommt, wie so oft, darauf an, was man draus macht.

In den 70er Jahren verbreiteten sich die elektronischen Rhythmushelfer stetig, dennoch blieb der Aktionsradius vornehmlich auf elektronische Musik, gewisse Krautrocker in Deutschland und ein paar experimentelle Exoten beschränkt. Von der Ende des Jahrzehnts einsetzenden Discowelle hätte man zu Recht annehmen dürfen, dass die einfachen, oft monoton wirkenden Grooves maschinenbasiert sind. Dem ist aber nicht so. Selbst hier war der Löwenanteil der Rhythmusarbeit noch handgefertigt; die ganz große Welle maschineller Ryhthmen sollte erst noch kommen.

Linn

Linn LM-1: Mit dieser Maschine hielten synthetische Schlagzeugklänge Einzug in die Charts

Im Jahr 1980 erschien der LM-1 von Linn – wobei es sich hierbei keineswegs um ein Erzeugnis der bekannten schottischen HiFi-Schmiede handelt, sondern um den ersten Schlagzeugcomputer von Roger Linn, einem kalifornischen Gitarristen. Er sollte mit seinen Produkten zusammen mit einem weiteren Konkurrenten den Sound einer ganzen Popmusik-Ära bestimmen. Die Linn LM-1, Einstandspreis damals geradezu exorbitante 5000 Dollar, und das Nachfolgegerät aus dem Jahr 1982, die LinnDrum für etwas freundlichere 3000 Dollar, sind auf zahlreichen Hits der Dekade zu hören.

Linn

LinnDrum: Ohne sie wäre die Popmusik der 80er undenkbar

Eingesetzt wurden sie unter anderem von Alphaville, Billy Idol, Billy Ocean, Bronski Beat, The Cars, Cyndi Lauper, Devo, Diana Ross, Don Henley, Frankie Goes To Hollywood, Freddie Mercury, Gary Numan, Giorgio Moroder, Harold Faltermeyer, Human League, Jan Hammer, Madonna, Miami Sound Machine, Mr. Mister, Pat Benatar, Peter Gabriel, Prince, Queen, Tears for Fears, Vangelis und Wham! Von der LM-1 und der LinnDrum wurden übrigens zusammen gerade mal 5500 Stück gebaut.

 

 

 

Die Konkurrenz schläft nicht

Neben Linn wird in Musikerkreisen noch ein anderer Drumcomputer als regelrechte Blaupause für die Instrumentengattung angesehen: der Roland TR-808. Der Einstandspreis betrug zur Premiere 1980 gerade mal knapp ein Fünftel des Preises einer Linn LM-1. Sicherlich war das auch ein Grund für die große Popularität der TR-808, wenngleich heute Sammlerpreise um die 3000 Euro durchaus angesagt sind. Denn mehr als dreißig Jahre nach ihrem Erscheinen genießt die TR-808 absoluten Kultstatus, vor allem unter den Kreativen in den Sektoren HipHop, Dance, House, Techno und R&B.

Roland

Längst Kult: Drumcomputer Roland TR-808

Die damaligen Drum Machines aus dem Hause Linn sind hingegen praktisch von der Bildfläche verschwunden und bleiben als Pioniertat der Popmusik in Erinnerung. Der Fairness halber muss aber auch erwähnt werden, dass Roger Linn mit seiner Firma, die jetzt auf den Namen „Roger Linn Design“ hört, nach wie vor sehr kreativ und erfolgreich elektronische Spielzeuge für Musiker herstellt.

 

Der erste große Hit, auf dem die TR-808 prominent wahrzunehmen war, ist „Sexual Healing“ von Marvin Gaye. Andere prominente Anwender waren beispielsweise Phil Collins („In The Air Tonight“), Beastie Boys, Cocteau Twins, Depeche Mode, Duran Duran, Faithless, Ice Cube, LL Cool J, Michael Jackson, Outkast, Paul Hardcastle, Paul Young, The Prodigy, The Sisters of Mercy und Whitney Houston. Auch New Order benutzten gern eine TR-808, doch auf ihrem Monsterhit „Blue Monday“ (gilt als meistverkauft e Maxisingle der Musikgeschichte und Techno-Wegbereiter) gibt ausnahmsweise eine Oberheim DMX überaus dominant den Takt vor.

 

Linn

Roger Linn – Pionier der elektronischen Musik mit Humor

Alles beim Alten

Waren die 1980er Jahre die Heydays der Drumcomputer, so genießen Letztere heute nur noch Exotenstatus. Es gibt noch einige Hersteller wie Boss, Zoom, Korg oder Alesis, die Drumcomputer als Hardware-Gerät fertigen, diese dienen aber eher als rhythmischer Sparringpartner zum Üben für Instrumentalisten. Schlagzeugklänge aus der Dose, ob möglichst „echt“ oder bewusst synthetisch klingend, stehen in reichlicher Auswahl als Software zur Verfügung und können mühelos in den Produktionsprozess am Rechner mit einer DAW („Digital Audio Workstation“, Oberbegriff für Musiksequenzerprogramme) eingebunden werden. Natürlich stehen in diesem Umfeld auch die Klassiker TR-808 und Linn virtuell als Software-Plug-in bereit. Zu den absoluten Hochzeiten der Drumcomputer schien es, als würde es schon bald keine real arbeitenden Schlagzeuger mehr geben. Diese Befürchtung hat sich mittlerweile in Wohlwollen aufgelöst. In einem amerikanischen Schlagzeugforum war zu diesem Thema beispielsweise zu lesen: „Nichts, worüber man sich Sorgen machen müsste. Das Argument, dass sie (die Drumcomputer, Anm. d. Autors) Drummer ersetzen würden, stammt aus den 80ern. Das ist dreißig Jahre her, und nichts davon ist eingetroffen.“

Als ich mich bei meiner Recherche an Roger Linn wandte, hat er mir zur damaligen Situation von Schlagzeugern ein aufschlussreiches Statement geliefert: „Wenn man heute die Songs aus den 80ern hört, klingt der Drumpart oft etwas minderwertig im Vergleich zu einem echten Schlagzeuger, denn ein Mensch besitzt die Fähigkeit zuzuhören und auf die anderen Musiker zu reagieren, was eine Maschine eben nicht kann.“

Das dürfte wohl auch einer der Gründe sein, warum selbst bekennende „Musikmaschinisten“ wie Depeche Mode oder die Fantastischen Vier auf der Livebühne nicht auf einen echten, mit den musikalischen Kollegen interagierenden Schlagzeuger aus Fleisch und Blut verzichten wollen. Und mal ganz ehrlich, verehrte FIDELITY-Leserinnen und -Leser: Wollen Sie wirklich ein Schlagzeugsolo aus der Maschine hören?

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 8 (4/2013)

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