Audio Video Show Warschau 2016

Vom 4. – 6. November 2016 fand in Warschau die „Audio Video Show“ statt und FIDELITY war vor Ort.
Die Hauptstadt Polens ist bereits seit 20 (!) Jahren Austragungsort dieser Messe, die einst als „Audio Show“ begann. Erst 2015 wurde sie in „Audio Video Show“ umgetauft. Ok, in Warschau findet tatsächlich eine Audio Video Show statt, große Fernseher und Mehrkanalsound sind vertreten – aber nur als Randthema. Denn zum allergrößten Teil ist Warschau eine ausgemachte Audiomesse, die sämtliche Aspekte von HiFi und High End Audio sehr gut abdeckt. Mit knapp 11500 Besuchern im Jahr 2015 und ungebremstem Wachstum hat sich die Messe nahezu unbemerkt zur zweitgrößten Show dieser Art in Europa entwickelt. Dieses Jahr war wieder an allen drei Messetagen „full house“.

Rasante Location

Ursprünglich war die Audio Video Show eine reine Hotelmesse, wie wir sie wohl alle kennen: enge Flure, kleine Zimmer und wenn man Pech hat, auch noch fest installiertes, nicht entfernbares Mobiliar. So oder so ähnlich startete auch einst die Warschauer Messe, und zwar im Radisson Blu Hotel Sobieski nahe der Innenstadt. Als erste Erweiterung der Messe wurden – teils recht große – Konferenzräume im Hotel Golden Tulip hinzugebucht. Das Golden Tulip liegt sehr günstig direkt diagonal gegenüber dem Radisson Blu und ist problemlos zu Fuß erreichbar. Da die Messe von Jahr zu Jahr aber immer wuchs, musste schließlich eine Lösung gefunden werden, um die immer weiter steigende Zahl von Ausstellern und Besuchern angemessen zu beherbergen. Die Lösung ist so spektakulär, wie (fast) naheliegend: Als dritte Location kam das neugebaute Nationalstadion PGE Narodowy hinzu, eine riesige Vielzweck-Arena mit gut 58000 Sitzplätzen. Das Stadion wurde 2012 im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft eröffnet und wird seither auch für eine Vielzahl anderer Veranstaltungen genutzt.
Das Stadion bietet über zwei Etagen fast komplett umlaufende „Lounges“: Räume unterschiedlichster Größe, die teils schon vom Architekten akustisch behandelt worden sind. Die Lounges bieten allein schon durch ihren spektakulären Blick auf das Innere des Stadions eine ganz besondere Atmosphäre und eignen sich geradezu perfekt für eine solche Veranstaltung. Als angenehmer Nebeneffekt, dass das Stadion von vornherein für große Menschenmengen ausgelegt wurde, sind die Flure breit, alles ein bisschen größer und großzügiger als gewohnt, es gibt mehr als ausreichend Rolltreppen, Aufzüge und Parkplätze. Zudem hat der Veranstalter der Audio Video Show für einen kostenlosen Shuttleservice zwischen den Hotels und dem Stadion gesorgt. Perfekt organisiert geht es im Halbstundentakt hin und her – was will man mehr?

Echter Mehrwert

Die Audio Video Show ist mit Ihrer Bandbreite an Locations nicht mehr mit üblichen Hotelmessen zu vergleichen. Mit (wenn wir richtig gezählt haben) 179 Ausstellungsräumen plus vielen offenen Flächen für Verkäufer von Platten, Zubehör und Equipment zählt sie schon zu den riesigen Messen der Szene. Zu sehen gibt es in Warschau beinahe alles, was der Weltmarkt hergibt – plus viele polnische Firmen, von denen uns nur die wenigsten bekannt sind. Somit bekommt man in Warschau tatsächlich mehr zu sehen und hören als anderswo – eine hochinteressante Mischung.
Warum Warschau mittlerweile die zweitgrößte Messe in Europa geworden ist, kann wohl nicht so leicht beantwortet werden. Wir vermuten eine Vielzahl von Gründen dahinter. So stellt Polen das Bindeglied zwischen dem westlichen und östlichen Europa dar und ist somit ein Tor zwischen beiden Welten. Zum anderen bietet Polen einen vergleichsweise jungen, vergleichsweise hungrigen Markt, der noch nicht ganz „eingeschwungen“ zu sein scheint. Und nicht zuletzt hat das Thema HiFi und High End Audio in Polen einen spürbar höheren gesellschaftlichen Stellenwert, als in den uns bekannten Märkten. Das Thema nimmt hier offenbar eine gewisse Statusrolle ein, die in den westlichen Märkten zwischenzeitlich ein wenig verloren gegangen ist. Kurzum: HiFi und High End Audio ist in Polen deutlich „gesellschaftsfähiger“ als anderswo.
Des weiteren scheint es, als würden in Warschau mehr Nischen-Spezialisten in die Messe integriert, die natürlich auch mehr Interessen abdecken als anderswo. In Warschau finden sich neben den bekannten Produktpräsentationen und Verkaufsständen auch etliche Selbstbauer, HiFi-Clubs und die große Szene der Vintage-Audio-Freunde mit spannenden Klassikern in der Vorführung.
Auffallend ist in Warschau auch die Altersstruktur der Besucher. Diese sind mehrheitlich jung; auffällig viele Besucher sind (geschätzt) zwischen 25 und 40 Jahre alt. Die Audio Video Show in Warschau darf somit als ausgemacht „junge“ Messe gelten, die auch das weibliche Publikum anzieht. Darüber hinaus wird auch ein grundsätzlich großes Interesse und echte Begeisterung für dieses Hobby spürbar. Und – sehr angenehm! – es gibt nur wenige notorische Nörgler.
All das hat unserer Meinung nach dazu geführt, dass die Audio Video Show Warschau zur zweitgrößten Messe in Europa geworden ist. Und sie hat ganz klar das Potenzial, zur größten Show Europas aufzusteigen.

Top Five – und mehr

Was die Präsentationen der Hersteller angeht, wollen wir uns diesmal etwas kürzer fassen. Die Vorführungen waren, auf die jeweilige Preisklasse bezogen, auf hohem bis sehr hohem Niveau. Ganz grobe Aussetzer konnten wir de facto nicht feststellten. Dafür geht unsere interne Auszeichnung „Best of Show“ gleich an eine ganze Handvoll Aussteller.
1. Göbel High End mit Elektronik von CH Precision. Göbel High End war einer der Räume, die man betritt und unmittelbar resümieren kann: Ja, so geht das! Das ist richtig, richtig gut: keinerlei Schärfen, eine ungeheure Durchhörbarkeit, Selbstverständlichkeit und Plastizität – die Technik verschwindet akustisch komplett. Zurück bleibt Musik und nichts als Musik. Für uns alleroberstes Niveau!
2. Wilson Audio mit Elektronik von D’Agostino. Gleich drei Lautsprecher-Highlights von Wilson Audio gab es in Warschau zu hören: die große Alexx, die brandneue Yvette und die kleinere Sophia. Die mächtige Alexx entpuppte sich als gnadenloser Spaßgenerator und kam bestens mit dem wirklich großen Raum zurecht. Sie offenbart alle Sünden des Quellmaterials – oder umgekehrt: zeigt sofort, was eine grandiose Aufnahme auszeichnet, wie nah die Konserve an das Live-Erlebnis heranrückt. Mit der Alexx erfährt man die entspannte Lässigkeit, die nur ein wirklich großer Lautsprecher zaubern kann, in quasi multiplizierter Form. Ein weiteres Highlight von Wilson Audio war die neue Yvette, die wir bereits auf dem Rocky Mountain Audio Fest (RMAF) in Denver hören konnten. Wieder angesteuert von D’Agostino-Elektronik und einem Analoglaufwerk samt Tonarm von Acoustic Signature, zeigte die Yvette, dass die Entwicklung passiver Lautsprecher nicht auf der Stelle tritt. Die Yvette legte auch in Warschau eine Performance in Sachen Grob- und Feindynamik hin, die noch vor einigen Jahren nur ganz großen Lautsprechern vorbehalten war. Wie bereits auf FIDELITY online über die Show in Denver angemerkt, hat die Yvette schlicht vor nichts und niemandem Angst und kommt mit jedem Material allerbestens klar. Überhaupt scheinen Wilson-Audio-Lautsprecher in ihrer jeweiligen Größenklasse wieder einmal die Maßstäbe zu setzen.
3. FM Acoustics. Für seine herausragend gute Präsentation setzte Manuel Huber eine komplette FM-Acoustics-Kette ein, bestehend aus: Inspiration System III Lautsprecher, zwei Paar 111 Mono-Verstärker, 266 MkII RC Vorverstärker und 223 MC Vor-Vorverstärker. Als Quellen kamen ein Vertere RG-1 Laufwerk mit Referenz Tonarm und Phasemation PP 2000 MC, digital ein MSB Platinum DAC zum Einsatz. Geradezu ätherisch stand hier die Musik frei im Raum, losgelöst von allem Physischen und doch „greifbar“, insgesamt auf einem Niveau, bei dem eine Verbesserung kaum mehr vorstellbar ist. Einzig der Raum erschien uns ein wenig zu groß für die Lautsprecher.
4. Holophony Lautsprecher von Avatar Audio, einer polnischen Firma. Diese waren uns bereits auf den Norddeutschen HiFi Tagen 2015 in Hamburg aufgefallen. Holophony ist in der Tat etwas ganz Besonderes: Der Hersteller verwendet ausschließlich Vintage-Membranen und/oder Vintage-Chassis aus den 1950er und 1960er Jahren. So ist dann auch beispielsweise der Hochtöner ein Konus-Chassis, anstelle der sonst üblichen Kalotte. Holophony fertigt Zwei- und Drei-Wege Lautsprecher, deren emotionale Ansprache außergewöhnlich intensiv ist. Eine derart lebendige und farbstarke, dabei kontrollierte und präzise Wiedergabe dürfte in dieser Preisklasse anderswo nur schwer – wenn denn überhaupt – zu finden sein. Neben den Vintage-Membranen verwendet Holophony auch Vintage-Bauteile in seinen Frequenzweichen. Obwohl ein Mehrwege-Konzept, klingen die Holophonen eher wie ein extrem „reifes“ Breitbandchassis – für uns eine der Entdeckungen der Warschauer Messe.
5. Destination Audio mit komplettem SET-Röhren-Frontend und sagenhaften Hornlautsprechern, die ein wenig an die 2360 JBL Constant Directivity Hörner erinnerten. Anders als im Fall von FM Acoustics, wo der Raum für das gespielte Setup etwas zu groß erschien, war bei Destination Audio der Raum sicher zu klein für diese gewaltigen Hörner. Das tat dem Erlebnis aber nur wenig Abbruch. Destination Audio zeigte, was einen richtig guten Hornlautsprecher ausmacht, nämlich auch allerfeinste Details derart hörbar und erlebbar zu machen, dass man sich mitunter sogar fragen durfte, ob das nicht sogar über die Auflösung eines sehr guten Kopfhörers hinausgeht. Und weder war es eine uns bis dahin unbekannte polnische Firma, die uns zum Staunen brachte.

Und noch etwas: In Warschau wurden, für eine “Hotelmesse” eher unüblich, viele Firmeninhaber auch großer Marken gesichtet. Das scheint die Wichtigkeit dieser Messe zu unterstreichen. Sogar der Chef von T+A persönlich, Siegfried Amft,  ließ es sich nicht nehmen, selber aufzulegen.

Hobby neu entdeckt

Streckenweise hatten wir in Warschau angesichts der Vielzahl neuer unbekannter Produkte und Marken den Eindruck, als würden auch wir neu in unser Hobby eintauchen. Und: Genau wie in Denver war auch in Warschau der Klang in der Regel in denjenigen Räumen am besten, die akustisch präpariert waren.
Ein echter „Eye Opener“ war übrigens (erneut) die Präsentation von Louis Desjardins und seinem Kronos-Laufwerk. Das Kronos besitzt zwei gegenläufige Plattenteller, deren Kraftmomente sich perfekt aufheben. Für eine Demonstration hatte Louis Desjardins den unteren Teller „ausgeklinkt“, so dass dieser nicht mitlief. Der direkte Vergleich zwischen mitlaufendem und stehendem zweiten Teller ist gleichermaßen erhellend wie schockierend. Das klangliche Ergebnis fällt mit dem mitlaufenden zweiten Teller derart positiv aus, dass man sich fragt, warum dieses Prinzip nicht von mehr Herstellern umgesetzt wird. Mit dem Subteller spielt die Musik deutlich – und damit ist wirklich DEUTLICH gemeint – voller, relaxter, holografischer, zugeich ruhiger, geordneter und letzlich präziser, als ohne mitlaufenden Subteller. Wohl dem, der ein Kronos-Laufwerk sein eigen nennen kann; er dürfte das Thema Laufwerk ein für allemal abgehakt haben.

Auf geht’s!

Unser Fazit: Warschau ist eine rundherum gelungene Messe. Sie ist derzeit noch nicht die größte, wohl aber die spannendste HiFi-Messe in Europa. Hier ist für jeden etwas dabei. Selbst Vinyljäger können bei den vielen Plattenverkäufern in allen drei Locations noch echte Schnäppchen zu fairen Preisen machen.
Ob FIDELITY im nächsten Jahr wieder mit von der Partie ist?
Count us in!

 

www.audioshow.pl

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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