Fortschrittsglaube

In der Computerszene ist der technische Fortschritt allgegegenwärtig. Man könnte nun irrtümlicherweise glauben, das sei in allen technischen Bereichen der Fall.

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

Früher war entgegen landläufiger Meinung nicht alles besser. Autos zum Beispiel besaßen manuelle Türschlösser. Irgendwann hatte dann jemand die glorreiche Idee, das Schließsystem fernbedienbar zu machen, was zwar eine deutliche Steigerung der Bequemlichkeit mit sich brachte, aber auch ein Sicherheitsrisiko darstellte, da der Schließvorgang vorsätzlich gestört werden konnte.
Zur Zeit verbreitet sich in der Autowelt die nächste Entwicklungsstufe: Der Autoschlüssel sendet ständig ein Funksignal aus und betätigt das Schloss bei Annäherung selbsttätig. Kein Wunder, dass das Signal gern von bösen Buben aufgezeichnet und zum Autodiebstahl genutzt wird. Die dafür notwendige Technik kann im Internet frei erworben werden. Egal, im Fall der Fälle zahlt doch die Versicherung den Verlust des Fahrzeugs – und holt sich das Geld über steigende Prämien bei den Autofahrern wieder zurück. So verwandelte sich innerhalb weniger Jahre ein einfaches und gut funktionierendes System unter dem Beifall der geschädigten Autofahrer in ein ausgeprägtes Sicherheitsrisiko. Logischerweise müsste nun eigentlich das unverschließbare Auto folgen, natürlich als Sonderzubehör gegen einen saftigen Aufpreis.
Wir haben uns im Alltag so sehr an die fortschreitende Entwicklung der Technik gewöhnt, dass wir oft versäumen, diese auch zu hinterfragen. Stellt jede neue Generation eines technischen Systems tatsächlich immer eine Verbesserung dar? Mitnichten!
Auch uns Audiophilen werden oft Weiterentwicklungen verkauft, die sich im Nachhinein als nicht existent oder gar als Rückschritt herausstellen. Erinnern Sie sich noch an den angeblichen Entwicklungssprung bei Digital/Analog-Wandlern vom Mehrbit- zum Einbit-Prinzip? Oder an den „segensreichen“ Wegfall von Klangreglern bei Verstärkern? Es ist doch sehr zu bezweifeln, dass diese Entwicklungen primär durch den klanglichen Fortschritt motiviert waren, handelte es sich doch eher um blumig beworbene Kostenoptimierungen seitens der Industrie.
Ob eine neue Komponente tatsächlich besser klingt als ihre Vorgänger oder Produkte der Konkurrenz, lässt sich am einfachsten in einem Blindtest entscheiden. Unbedingte Voraussetzung für einen solchen Test ist ein penibler Pegelableich, da schon geringste Lautstärkeunterschiede das Ergebnis beeinflussen. Unabdingbar ist auch eine verlust- und verzögerungsfreie Umschaltmöglichkeit zwischen den Probanden durch eine neutrale Person. In der Praxis sind diese Randbedingungen nur schwer zu erfüllen.
Ein anderer Indikator für einen klanglichen Fortschritt ist die Langzeitzufriedenheit des Kunden. Verständlicherweise findet man kaum Händler, die einem die gewünschte Komponente vor dem Kauf für ein paar Monate testweise zur Verfügung stellen.
Bleibt also nur die klassische Wochenend-Hörsession: Vor einer Kaufentscheidung testen Sie jedes Gerät zu Hause und vertrauen dabei nur den eigenen Ohren. Eigentlich eine prima Idee – würde Ihre Psyche Ihnen nicht einen Strich durch die Rechnung machen, sobald Sie gefühlsmäßig involviert sind. Sie hören dann Unterschiede, weil Sie ganz einfach die Erwartung haben, dass Unterschiede existieren. Man kann also eine Menge Geld sparen, wenn man emotional unbeteiligte Personen in die kaufentscheidenden Hörtests einbezieht, um auf diese Weise vermeintliche Klangverbesserungen als Placeboeffekte entlarven zu können. Achten Sie bei der Musikauswahl darauf, dass sie allen Beteiligten gefällt.
Manches Zubehör scheint gar nicht von dieser Welt zu stammen, sofern man den Stand der irdischen Wissenschaften zugrunde legt. Da werden Eigenschaften beworben, für deren Nachweis man einen Nobelpreis erhalten könnte. Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, warum die Hersteller dies nicht tun? Vertrauen Sie vor einem Kauf Ihrem gesunden Menschenverstand! Denn ob Autotürschlösser oder Musikelektronik: Jeglicher Fortschritt muss sich in der Praxis beweisen.

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