The Wrecking Crew: Akkord-Arbeiter

 

Kaum jemand kennt den unglaublich talentierten Haufen von Topmusikern, der auf zigtausend Platten zu hören ist: The Wrecking Crew

Bilder: Denny Tedesco

 

Nicht immer ist das, was draufsteht, auch drin. Das gilt gleichermaßen für Lebensmittel wie für Tonträger. In der Musikbranche war es durchaus schon vor dem Milli-Vanilli-Aufreger Ende der 80er Jahre Usus, dass eine Aufnahme nicht vom Interpreten selbst, sondern passagenweise oder sogar komplett von Studiomusikern eingespielt wird. Die fleißigen Musikarbeiter unter Tage liefern auf Anforderung in höchster Qualität das, was der Produzent hören will oder der Song erfordert. Wahre Akkordarbeiter!

Die Szene der musikalischen Dienstleister im Studiobetrieb ist seit jeher ein echter „inner circle“. Offizielle Eintrittskarten gibt es nicht, das Motto heißt: „Don’t call us, we call you!“ Glücklich darf sich schätzen, wer weiterempfohlen wird, weil er die musikalischen Schubladen schneller und besser zieht als andere.

The Wrecking Crew

Warten auf das nächste Rotlicht: Mitglieder der Wrecking Crew während einer Aufnahmepause

 

Hits am Fließband

Im Studiobiotop der Entertainment-Welthauptstadt Los Angeles gedieh in den 60er Jahren eine ganz besonders formidable Clique von Studiomusikern. Die Jungs und Mädels – ja, mit Bassistin Carol Kaye gehörte sage und schreibe eine einzige Frau dem erlauchten Kreis an – berauschten sich und die ganze Szene für gut eine Dekade mit einer bis heute nicht mehr erreichten Kreativität und Produktivität. Sie spielten buchstäblich Hits am Fließband ein. Diese 30 bis 40 „working musicians“ waren in der Summe geschätzt an 40 000 Studioproduktionen beteiligt. Vierzigtausend! Diese immense Zahl umfasst nicht nur Chartbreaker, sondern auch sehr viel Soundtrack-Arbeit für Film und Fernsehen. Der Gitarrist Tommy Tedesco und der Schlagzeuger Hal Blaine haben hier für einsame Rekordmarken gesorgt. Letzterer war nach eigenen Angaben in seiner jahrzehntelangen Studiokarriere an 35 000 Titeln beteiligt, und er war es auch, der seiner Clique ihren Spitznamen „The Wrecking Crew“ verpasste – mehr dazu weiter unten.

Die Liste der Stars, für die sie gespielt haben, liest sich wie ein Who’s who des Popbusiness: The 5th Dimension, Herp Alpert, The Beach Boys, The Byrds, The Carpenters, Cher, Nat King Cole, Sam Cooke, Jan & Dean, Gary Lewis & the Playboys, The Mamas & the Papas, Dean Martin, Ricky Nelson, Elvis Presley, Righteous Brothers, The Ronettes, Simon & Garfunkel, Frank Sinatra, Ike & Tina Turner, The Ventures, Johnny Rivers, Ella Fitzgerald, Frank Zappa u. v. a.

Am Ende dieses Artikels finden Sie die Liste einiger Top-10-Hits, die nur ansatzweise wiedergeben kann, wie sehr diese Topmusiker, die nie alle gemeinsam aufgetreten sind, am musikalischen Erbe der Popkultur mitgewirkt haben.

 

Ruft das Abrisskommando!

Die Geschichte der Wrecking Crew beginnt etwa um 1960, als sich abzuzeichnen begann, dass ein radikal neuer Musikstil im Kommen war. Auch den alteingesessenen Studio-Haudegen in den Bigbands und Orchestern, die ihre „heydays“ in den 40er und 50er Jahren gehabt hatten, wurde allmählich klar, dass sie sich Sorgen machen mussten. Sie befürchteten zu Recht, dass diese aufstrebenden Jungspunde, von denen hier die Rede ist, ihr Geschäft ruinieren (engl.: „to wreck“) würden. Denn der Nachwuchs an „hired guns“ war stilistisch flexibler, schneller, konnte besser improvisieren und war kreativer, wenn aus dem Stand musikalische Arrangementbausteine abgeliefert werden sollten.

Es ging und geht in der U-Musik ja oft darum, nicht etwa komplett ausnotierte Arrangements herunterzuspielen, wie es bei Orchestern und Bigbands der Fall ist, sondern die instrumentale Begleitung eines Songs, die Riffs und Grooves, die Licks und Intros ad hoc zu improvisieren. Das geschieht immer in Anlehnung an die Vorgaben des sogenannten Lead Sheets, das auf ein, zwei Notenblättern die wichtigsten Informationen für einen Song bereithält: den Ablauf, das harmonische Grundgerüst in Form von Akkordsymbolen und, sofern vorhanden, die ausnotierte Gesangsmelodie.

Doch zurück nach Los Angeles, Anfang der 60er Jahre. Als wieder einmal ein Studiotermin mit einigen Mitgliedern der Gang anstand, soll der Legende nach Hal Blaine eine Sekretärin im Studio aufgefordert haben: „Rufen Sie die Wrecking Crew zusammen!“ Und schon hatte dieser besonders tüchtige und spielwütige Haufen von Studiomusikern seinen Namen weg.

 

The Wrecking Crew

Unübertroffen: Kein Gitarrist ist auf mehr Aufnahmen zu hören als Tommy Tedesco (Mitte)

Denny vs. The Big Four

Eines der prominentesten „Crew“-Mitglieder war Tommy Tedesco. Er ist nicht nur als meistaufgenommener Gitarrist in die Musikgeschichte eingegangen, sondern hat wirklich Spuren hinterlassen – und ein audiophiles Vermächtnis wie kein anderer Gitarrist. Wenn auch sein Name vermutlich nur unter Gitarren-Insidern ein Begriff sein dürfte, so haben ihn die allermeisten von uns schon gehört: Tommy Tedesco war es, der unter anderem den Soundtrack zu Bonanza und Kojak eingespielt hat.

Sein Sohn Denny begann das Leben des Vaters filmisch aufzuarbeiten, nachdem bei diesem 1995 Lungenkrebs diagnostiziert worden war. Tommy Tedesco starb 1997, und in diesen zwei Jahren hatte Denny Tedesco 14 Minuten Filmmaterial zusammen bekommen. Freunde waren begeistert, als sie diese Snippets sahen, und drängten ihn, den Film doch „auf Länge“ zu bringen. Doch der dazu notwendige Etat war nicht vorhanden – ein dokumentarischer Kurzfilm über ein echtes Special-Interest-Thema ist nicht unbedingt etwas, worum sich Investoren reißen.

Schließlich konnte der Film, wenn auch mit Jahren Verspätung, tatsächlich im Februar 2008 vollendet werden. Die größte Hürde war allerdings noch zu überwinden: Für jeden der 132 Ausschnitte aus Musiktiteln verlangten die Inhaber der Urheberrechte (meist die üblichen Verdächtigen: Universal, Sony, Warner, EMI – the Big Four) entsprechende Lizenzgebühren. Obwohl sich die Plattenfirmen kooperativ zeigten, war die Gesamtsumme mit etwa 300 000 USDollar immer noch beträchtlich. Zu viel für einen einzelnen Filmemacher.

Die letzten Jahre hat Denny Tedesco meist on the road verbracht, um den Film in sogenannten Screenings auf lokalen Filmfestivals quer durch die USA vorzuführen und über die Eintrittsgelder die Lizenzgebühren zusammenzukratzen. Aufgrund vertraglicher Vereinbarungen darf er den Film nicht „alleine“ auf Tour schicken und ist daher bei jeder Vorführung persönlich anwesend. Immerhin: Waren Anfang 2012 noch über 200 000 Dollar zu berappen, so konnte er die Schuldenlast bis Dezember 2012 deutlich unter 100 000 Dollar drücken. Die Reisen von einem Aufführungsort zum anderen werden jeweils von einem örtlichen Sponsor finanziert – dem Kino vor Ort, einem Schultheater, lokalen Radiostationen oder Musikgeschäften.

The Wrecking Crew

Carol Kaye, ausnahmsweise Gitarre spielend, und ihr Kollege Bill Pitmann

 

Ein teurer Spaß

Kent Hartman, der die Geschichte der Wrecking Crew in einem Buch festgehalten hat, ist irritiert, wie kurzsichtig die Plattenfirmen hier agierten: „Die Musiker der Wrecking Crew haben diese Songs zu Hits gemacht und brachten so den Plattenfirmen zig Millionen ein. Durch Dennys Film lassen sich die Verkäufe für diese Songs bestimmt noch einmal ankurbeln. Es ist Gratiswerbung, den Plattenfirmen entstehen dadurch keinerlei Kosten, aber Denny muss jetzt auch noch dafür bezahlen, diese Songs wiederzubeleben.“

Theoretisch könnte Tedesco jr. mit der journalistischen Arbeit und dem Bildungsauftrag seiner Doku argumentieren, denn dann wäre er berechtigt, auf eine urheberrechtliche Ausnahmeregelung in den Staaten zurückzugreifen. Aber selbst das ist juristisch nicht so recht tragfähig: „Zu dünnes Eis“, wie Claire Scanlon, eine der Cutterinnen und Koproduzentinnen des Films, anmerkt. „Es ist eine One-Man-Show und vor allem ein großer Liebesbeweis an seinen Vater. Dieser Film hat ihn fast an den Rand des finanziellen Ruins gebracht.“ Denny Tedesco selbst erklärt freimütig, er habe nicht nur einmal die Hypothek auf sein Haus aufgestockt und die Kreditkarten bis zum Anschlag ausgereizt. „Meine Frau und ich betrachten es als das teuerste Home Movie aller Zeiten.“

 

The Wrecking Crew (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Gitarre: Glen Campbell, Barney Kessel, Tommy Tedesco, Al Casey, Billy Strange, René Hall, James Burton, Jerry Cole, Ray Pohlman

Saxofon: Steve Douglas, Jay Migliori, Jim Horn, Plas Johnson, Nino Tempo

Trompete: Tony Terran, Ollie Mitchell, Chuck Findley

Posaune: Lou Blackburn, Richard Hyde, Lew McCreary

Keyboard: Leon Russell, Mac Rebennack, Don Randi, Larry Knechtel, Al De Lory, Mike Rubini

Bass: Carol Kaye, Joe Osborn, Max Bennett, Chuck Berghofer, Ray Pohlman, Larry Knechtel

Schlagzeug: Hal Blaine, Earl Palmer, Jim Gordon

Percussion: Sonny Bono

 

 

Hitliste (eine Auswahl)

„He’s A Rebel“, The Crystals, 1962

„Surfin’ USA“, The Beach Boys, 1963

„Da Doo Ron Ron“, The Crystals, 1963

„Be My Baby“, The Ronettes, 1963

„I Get Around“, The Beach Boys, 1964

„You’ve Lost That Lovin‘ Feelin’“, The Righteous Brothers, 1964

„Everybody Loves Somebody“, Dean Martin, 1964

„Help Me, Rhonda“, The Beach Boys, 1965

„Mr. Tambourine Man“, The Byrds, 1965

„California Dreamin’“, The Mamas & the Papas, 1965

„Eve Of Destruction“, Barry McGuire, 1965

„I Got You Babe“, Sonny & Cher, 1965

„Good Vibrations“, The Beach Boys, 1966

„Monday, Monday“, The Mamas & the Papas, 1966

„I Am A Rock“, Simon & Garfunkel, 1966

„Strangers In The Night“, Frank Sinatra, 1966

„These Boots Are Made For Walkin’“, Nancy Sinatra, 1966

„Up, Up And Away“, The 5th Dimension, 1967

„San Francisco“, Scott McKenzie, 1967

„Woman, Woman“, Gary Puckett and the Union Gap, 1967

„Him Or Me“, Paul Rivere & the Raiders, 1967

„Midnight Confessions“, The Grass Roots, 1968

„Mrs. Robinson“, Simon & Garfunkel, 1968

„Valeri“, The Monkees, 1968

„Holly Holy“, Neil Diamond, 1969

„Aquarius/Let The Sun Shine In“, The 5th Dimension, 1969

„Galveston“, Glenn Campbell, 1969

„The Boxer“, Simon & Garfunkel, 1969

„Close To You“, The Carpenters, 1970

„Cracklin’ Rosie“, Neil Diamond, 1970

„Arizona“, Mark Lindsay, 1970

„I Think I Love You“, The Partridge Family, 1970

„Rainy Days And Mondays“, The Carpenters, 1971

„Gypsies, Tramps And Thieves“, Cher, 1971

„Indian Reservation“, The Raiders, 1971

„It Never Rains In Southern California“, Albert Hammond, 1972

„Rockin’ Pneumonia And The Boogie Woogie Flu“, Johnny Rivers, 1972

„Mother And Child Reunion“, Paul Simon, 1972

 

 

www.wreckingcrew.tv

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 6 (2/2013)

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