Leonard Cohen (21.09.1934–7.11.2016)

 

Gralshüter der Melancholie

 

Was bleibt einem Dichter übrig, der mit dem Geschenk einer goldenen Stimme geboren wurde, als sie zu Markte zu tragen? Leonard Cohens musikalische Karriere begann, weil er wie alle, die 1967 im New Yorker Chelsea Hotel absteigen mussten, leere Taschen hatte, aber das Selbstvertrauen, dies zu ändern. Trotzdem besaß er einen Schatz, einen Schatz, der so wenig bezahl- wie greifbar war, einen Schatz aus Worten, der ihm durch die Finger floss, sich in Formen ergoss, die schon ewig waren, aber nur Gestalt annehmen, wenn man die Zaubersprüche kennt.

Leonard Cohen war der große Existenzialist der Rockmusik, der Jean-Paul Sartre des Songs, je tiefer man in sein Werk hineinleuchtet, umso düsterer wird es. Für Cohen gab es keinen Platz in den Billboard-Charts, auch in den Schlagzeilen nicht. Cohen war nicht der Main-Act in den Arenen, sondern wirkte in einer kleinen Kammer im Turm des Songs, wo Orangen und chinesischer Tee bereitstanden. Cohen sprach nie für eine Generation oder Bewegung, Cohen kannte keine Lösungen, er hatte nur Fragen. Auf die es keine Antworten gab. Aber er wies denen den Weg, die sich im Labyrinth des Individuums verirrt hatten, obwohl er selbst nie einen Ausweg fand. Im dunklen Bergwerk der Seele schürfte er nach dem spirituellen Kern der Existenz und förderte doch nur schwarze Löcher zu Tage. Die Songs von Leonard Cohen sind, weil sie sein müssen, nicht weil sie sein wollen.

Leonard Cohen

Leonard Cohens letztes Album “You Want It Darker” erschien am 21.10.2016 bei Sony Music

Leonard Cohens Geistwerdung wird eine Lücke in unser irdisches Dasein reißen, die nicht wieder gefüllt werden kann. Die Typologie der Rock-‘n’-Roll-Arena kennt keine Pietät, alle sind ersetzbar. So furchtbar das klingt, aber alle, die in diesem personalintensiven Jahr abberufen wurden, werden in neuer Gestalt wiederkehren. Die Rollen des exzentrischen Paradiesvogels, des störrischen Genies und des Rüpelrockers können neu ausgeschrieben und besetzt werden. Der Diener des ewig gültigen Wortes zu sein, ist dagegen keine Paraderolle, die man sich aussucht oder auf den Leib schreiben lässt, in die man schlüpft, um sie auszufüllen. Es ist eine Bürde, von der man sich nicht befreien kann.

Hoffentlich hat der strapaziöse Konzertmarathon seiner letzten Jahre Leonard Cohen ein paar Münzen in die Taschen gespielt, um dem Fährmann zum „Tower Of Song“ seinen Obulus zu entrichten. Hoffentlich kann Cohen die Miete für eine Kemenate ganze hundert Stockwerke unter der Hank Williams’ aufbringen und hoffentlich bekommt er vom Vater aller verlassenen Cowboys eine Antwort auf die drängendste Frage: Wie einsam kann es werden?

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