EnVogue Black Diamond und Nottingham Analogue Anna 10” – (Black) Diamonds are forever …

Nottingham Analogue ist bekannt für seine im besten Sinne preiswerten Plattenspieler. Das gilt trotz seines beachtlichen Verkaufspreises auch für den EnVogue Black Diamond.

Tom Fletcher, der 2011 verstorbene Gründer von Nottingham Analogue, war bereits seit seiner Jugendzeit an der Verbesserung der Schallplattenwiedergabe interessiert. Schon 1973 gründete er die Firma New Line Engineering (aus der später Nottingham Analogue hervorgehen sollte) und stellte der Öffentlichkeit seinen ersten Schallplattenspieler – den ursprünglichen The Dais – vor. Dieser revolutionierte in zweierlei Hinsicht den Plattenspielerbau. Er war nämlich eines der allerersten Masselaufwerke in einer Zeit, in der Subchassis- oder auch Direkttrieb-Plattenspieler das Maß der Dinge definierten. Es galt als gesichert, dass man den Abtastprozess nur durch Federkonstruktionen vor schädlichen Einflüssen von Luft- und Körperschall schützen oder dass nur ein möglichst starker Motor, wie er in Direkttrieblern zum Einsatz kommt, perfekten Gleichlauf garantieren könne. Tom Fletcher aber ging davon aus, dass sich eine große Masse (vor allem die des Tellers) nur schwer von außen anregen lasse und dass sich aufgrund ihrer Trägheit quasi von selbst gute Gleichlaufwerte einstellen würden. Ein schwacher Motor, mit dem Vorteil geringerer Eigenresonanz, somit ausreichend wäre.
Heute wissen wir: Der Mann hatte recht! Das beweist einerseits der anhaltende Erfolg des britischen Herstellers, andererseits aber auch die schiere Anzahl der am Markt verfügbaren Masselaufwerke. Indes scheint sich die Idee des „schwachen Antriebs“ nicht auf breiter Linie durchsetzen zu können. Mir ist mit dem Acoustic Masterpiece T-01 (FIDELITY Nr. 12, Ausgabe 2/2014) nur ein weiterer Anbieter vertraut, der ein ähnliches Konzept verfolgt.

Masse und Klasse

Dennoch ist es keineswegs so, dass es genügt, jede Menge Gewicht aufzutürmen, um einen wirklich guten Plattenspieler zu konstruieren. Ich musste im Laufe der Jahre leider immer wieder Masselaufwerke hören, deren Gleichlauf zwar ohne Fehl und Tadel war, die aber beim Musikhören keinen Spaß aufkommen ließen. Auch Tom Fletcher ist diese Gefahr wohl bewusst, denn seine verschiedenen Modelle unterscheiden sich keineswegs nur im immer größeren Gewicht. Vor allem an den Tellern kann man deutlich erkennen, dass ihrem Resonanzverhalten besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde – am eindrücklichsten nachvollziehbar bei Nottinghams größtem Modell Deco mit seinem spektakulären, sich in Stufen nach unten verjüngenden Teller. Ein Deco ist jedoch mit 27 000 Euro schon fast prohibitiv teuer und nur für sehr wenige Kunden erschwinglich.
Das dürfte auch Hans Obels vom rührigen deutschen Vertrieb von Nottingham Analogue bewusst gewesen sein, als er sich für seine eigene kleine Palette von ausschließlich für Deutschland unter dem Label EnVogue hergestellten Plattenspielern ein Spitzenmodell gewünscht hat. Zu dieser exklusiven Reihe gehören nicht nur der in FIDELITY Nr. 17 (Ausgabe 1/2015) vorgestellte und mir in bester Erinnerung gebliebene EnVogue Spacedeck mit seinem Tonarm AceSpace, sondern auch der von Cai Brockmann für gut befundene und schon deutlich größere Astra samt Anna-Arm (FIDELITY Nr. 8, Ausgabe 4/2013 und Nr. 10, Ausgabe 6/2013). Die Erfüllung dieses Wunsches ist der Black Diamond, der sich – wie es sich für ein Spitzenmodell geziemt – vom Deco ableitet, aber mit circa 17 000 Euro deutlich preiswerter ist.

Standfestigkeit gefragt

Wenn vor der Auslieferung des Black Diamond gleich zwei Pakete mit über dreißig Kilogramm Gewicht angekündigt werden, dann sollte man sich Gedanken machen, und zwar über eine geeignete Stellfläche. Der Black Diamond wiegt 47 Kilogramm. Das bedeutet, dass ein späteres Umstellen ernsthaft in Arbeit ausartet. Glücklicherweise reagiert der „schwarze Diamant“ vergleichsweise tolerant auf die Stellfläche, sodass dem Kunden eine breite Palette an Möglichkeiten offensteht. (Nicht nur!) Cai Brockmann schwört beispielsweise auf „Die Bank“ respektive auf den luftgelagerten TT-100 von LignoLab, ich empfehle für Plattenspieler generell ein solides Wandregal, das aber bitte vorher auch äußerst sorgfältig auf seine Stabilität hin überprüft werden sollte.


Doch was auch immer bevorzugt wird, die endgültige Entscheidung fällt besser vor dem Aufbau. Der Hinweis, dass die Stellfläche bereits von sich aus „im Wasser“ stehen sollte, erübrigt sich wohl von selbst. Zwar kann man den Black Diamond dank seiner höhenverstellbaren Standfüße sehr fein austarieren, aber die Erfahrung auch mit anderen Laufwerken lehrt, dass es keineswegs dem Klang abträglich ist, diese Option so wenig wie möglich zu bemühen.
Die Standfüße befinden sich unter dem Chassis, das aus zwei glänzend lackierten, circa zwei Zentimeter starken hochdichten Faserplatten (HDF) besteht, die über eine Bitumenmatte miteinander verklebt sind. Hierin unterscheidet sich der Black Diamond vom Nottingham Analogue Deco, dessen beide Basisplatten durch eine aufwendige Federkonstruktion voneinander getrennt sind, was ihn zu einer selten anzutreffenden Kombination aus Subchassis- und Masselaufwerk macht. Die untere der beiden Platten des Black Diamond hält das riesige Tellerlager, auf der oberen ist Platz für zwei Tonarmtürme. Man kann ihn demzufolge mit zwei Tonarmen ausrüsten. Die obere Basisplatte ist etwas größer und hat einen U-förmigen Ausschnitt, in dem die Motordose Platz findet. Um das Motorpulley auf die gleiche Höhe wie die Nuten am Teller zu bringen, die den Riemen aufnehmen sollen, wird die Dose auf eine kreisförmige Aluminiumplatte gestellt. Der Motor ist – typisch Nottingham Analogue – gerade stark genug, um den gewaltigen Teller auf Sollgeschwindigkeit zu halten. Will man diese von 33,3 Umdrehungen pro Minute auf 45 ändern, muss man nach alter Väter Sitte den Riemen von Hand umlegen.
Das aufwendige Netzteil von Nottingham Analogue namens PSU, das für kleinere Modelle gegen Aufpreis ebenfalls verfügbar ist, gehört beim Black Diamond zum serienmäßigen Lieferumfang. Seine Aufgabe besteht darin, die 230 Volt Wechselstrom aus der Steckdose zunächst in Gleichstrom umzuwandeln, um daraus anschließend wieder – jetzt allerdings absolut saubere – 230 Volt und 50 Hertz zu erzeugen. Auf der Rückseite befindet sich ein vollwertiger Ausschalter, damit man bei längerer Abwesenheit den Motor vollständig vom Netz trennen kann. Aber auch das Netzteil erspart einem nicht die „Mühe“ (Nottingham-Besitzer betrachten es meist als liebgewonnenes Ritual), den gewaltigen Teller vor dem Musikgenuss von Hand in Rotation zu versetzen. Wie bereits erwähnt, gehört der schwache Motor zum Konzept eines jeden Nottingham- bzw. EnVogue-Laufwerks. Kenner lassen den Teller einfach dauerhaft laufen, denn sie wissen aus Erfahrung: Kaputtgehen tut da nichts.

Heavy Metal

Das gilt insbesondere auch für den wirklich beeindruckend dimensionierten Teller und sein nicht minder eindrucksvolles Lager. Es besteht aus einer Bronzebuchse, in der als Lagerboden eine stählerne Querstrebe dient. Der Lagerdorn aus speziell gehärtetem Stahl (außen hart, innen weich) ist keine kugelförmige „Spitze“, vielmehr ein kleiner Kegelstumpf. Dadurch entsteht kein Auflagepunkt, sondern eine „Auflagelinie“. Sie bewirkt, dass ein wirklich minimaler, aber genau definierter Reibungswiderstand entsteht und so den Motor ein ganz kleines bisschen unter Last hält – auch dann, wenn sich der Teller bereits mit der gewünschten Geschwindigkeit dreht. Das verspricht noch weniger Vibrationen, da im Allgemeinen Motoren unter Last ruhiger laufen.
Doch kommen wir endlich zum Teller und damit zu dem in jeder Hinsicht dominierenden Stilelement. Seine einzigartige Form ist schwer zu beschreiben und erinnert eher an eine Skulptur denn an einen schnöden Plattenteller. Der große untere Teil wurde aus einem massiven Block einer Aluminiumlegierung gedreht und verdickt sich stufenweise nach oben. Nimmt man diesen auf dem Kopf stehenden Kegel vorsichtig (!) in die Hand und schnippt mit einem Finger gegen das Metall, stellt man fest, dass dieses Bauteil allem Anschein nach nicht zu Resonanzen neigt. Dies allein aber war den Entwicklern wohl noch nicht gut genug. Zum Teller gehört eine Bitumenmatte, auf der zusätzlich eine dicke Scheibe aus Carbon zu liegen kommt. Ebenfalls wieder typisch für Nottingham-Analogue-Laufwerke ist, dass der Teller an definierten Stellen von dicken Gummiriemen eingefasst wird. Aber der Löwenanteil der Resonanzarmut des gesamten Plattentellers dürfte bei dem aus dem Vollen gefrästen Aluminiumteil liegen, dessen Herstellung wohl auch maßgeblich für den Gesamtpreis des Black Diamond verantwortlich ist.

Dreamteam I

Dagegen wirkt der mitgelieferte zehnzöllige Anna-Arm mit knapp 2900 Euro regelrecht preisgünstig. Auf eine detaillierte Beschreibung möchte ich an dieser Stelle verzichten. Zum einen ist die Zwölfzoll-Version bereits von Cai Brockmann in FIDELITY Nr. 10 (Ausgabe 6/2013) gewürdigt worden; zum anderen entspricht der Anna-Arm in seiner Funktionalität genau dem AceSpace-Arm (FIDELITY Nr. 17, Ausgabe 1/2015). Nur so viel: Auch hier sind die Entwickler ihrer Maxime treu geblieben, den Abtastprozess möglichst unbeeinflusst zu lassen. Deshalb ist der Anna-Arm auf einem Punkt gelagert, die naturgemäß leichtgängigste Lagerkonstruktion. Dank der Seitenführungen fühlt er sich im täglichen Umgang aber eher wie ein kardanisch gelagerter Tonarm an. Als mittelschwerer Arm kommt er mit der absoluten Mehrheit aller verfügbaren Tonabnehmer zurecht. Das und die Tatsache, dass der Anna-Arm offenbar klanglich kaum zu überbieten ist, sind die Gründe, warum ich ihn nachdrücklich (nicht nur!) für den Black Diamond empfehle. Wenn man mit einem alternativen Tonarm liebäugelt, sollte man diesen lieber auf die zweite Basis montieren. Black Diamond und Anna-Arm gehören einfach zusammen. Punkt.

Dreamteam II

Ich habe ihn hauptsächlich mit dem wunderbaren EMT JSD 6 gehört. Diese Kombination ist schlichtweg ein Traum! Ohne Übertreibung: Der EnVogue Black Diamond gehört für mich ohne Einschränkung zu den besten Schallplattenspielern, die je mein Arbeitszimmer besucht haben! Dabei fällt es mir schwer, Einzelkriterien herauszugreifen, die das Erlebte adäquat in Worte fassen könnten. Versuchen wir es mit nur drei Klangbeispielen, die mir besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben sind.
Die räumliche Darstellung großer Klangkörper wie dem des London Symphony Orchestra unter der Leitung von Alexander Gibson (Jean Sibelius, Symphony No. 5 and Karelia Suite, LSC-2405) ist atemberaubend. Was aber beim Black Diamond hinzukommt, ist eine Extraportion Raum um einzelne Orchesterinstrumente, ohne den musikalischen Zusammenhang zu zerreißen. Stets hat man den Eindruck, dass ein einziger Klangkörper spielt und nicht eine große Gruppe hervorragender Solisten.
Dieser – nennen wir es – „Raumbonus“ verleiht auch puristischen Aufnahmen etwas beinahe Magisches. Hören Sie sich einmal die American Recordings IV – The Man Comes Around über den Black Diamond an. Wer von der fast zerbrechlich wirkenden Stimme Johnny Cashs nicht ergriffen ist, der sollte sich meines Erachtens nach wirklich fragen, ob er sich das richtige Hobby ausgesucht hat.
Aber auch weniger Feingeistiges wie Propellerheads Decksanddrumsandrockandroll stellt für den Black Diamond kein Problem dar. Es ist schon spektakulär, wie tief und zugleich sauber er in den Frequenzkeller hinabsteigt und immer wieder neue Klangstrukturen herausarbeitet. Rhythmusgefühl und „Groove“ bewegen sich auf Weltklassenniveau.

Glückwunsch

Sicher, der EnVogue Black Diamond ist kostspielig. Sehr kostspielig sogar. Sein Preis rechtfertigt sich jedoch nicht nur über das exorbitante musikalische Erleben, das er ermöglicht. In ihm steckt auch sehr, sehr viel Erfahrung, die die Engländer beim Bau von Schallplattenspielern im Laufe der Jahrzehnte gewonnen haben. Deshalb bekommt man für sein Geld nicht nur ein großes, sondern ein wirklich großartiges Klangerlebnis geliefert. Meinen Glückwunsch an denjenigen, der sich einen Black Diamond leisten kann!

 

Plattenspieler
EnVogue Black Diamond mit Tonarm Anna

Funktionsprinzip: riemengetriebenes Masselaufwerk
Geschwindigkeiten: 33, 45 U/min
Besonderheiten: externes PSU-Netzteil, extrem aufwendig gefertigter Teller
Maße (B/H/T): 51/27/48 cm
Gewicht: 47 kg
Garantiezeit: 10 Jahre
Preis (Laufwerk): 16 900 €

Tonarm
Nottingham Analogue Anna-Arm 10“

Funktionsprinzip: geführter einpunktgelagerter Drehtonarm
Effektive Länge: 10“
Effektive Masse: mittelschwer
Besonderheiten: durchgehende Verkabelung
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 2900 €

 

Envogue-24
Heideweg 80
41844 Wegberg
Telefon 02436 382850

www.envogue-24.de

 

Mitspieler

Plattenspieler: SME Model 10, Technics SL-1210 Mk2
Tonarme: SME M2-9R, SME Series V
Tonabnehmer: Audio Technica AT-20SLa Limited Edition, EMT JSD 6, Ortofon Quintet Black, Goldring G-2200
Vorverstärker: Bryston BP 25 MC
Endstufe: Bryston 3B SST
Lautsprecher: Spendor SP100R2
Rack: Music Tools Alica
Zubehör: Tonarmwaage Shure SFG-2, Anlegeblock Millenium Audio V/H 6035

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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