Töne so blau – Im Uptempo durch 75 Jahre Blue Note

 

„Für Blue Note muss man einfach besser spielen“, sagte einmal der Saxofonist Dexter Gordon. Viele Musiker haben für dieses Label ihre beste, ihre konzentrierteste Platte gemacht. Nun feiert die renommierte Jazzmarke bereits ihren 75. Geburtstag.

Blue Note

Alfred Lion, Frank Wolff

1939

Die blöden Deutschen brechen mal wieder einen Weltkrieg vom Zaun. Auch Alfred Lion startet in diesem Jahr eine folgenreiche Unternehmung – aber nicht in Berlin, seiner Heimatstadt, sondern in New York, wo er sich als Jude und Jazzfan gerade wesentlich sicherer fühlt. Am 6. Januar geht der Klavier-Enthusiast Lion dort mit zwei der besten Boogie-Pianisten in ein Aufnahmestudio. Er begegnet ihnen mit dem Respekt des Europäers vor dem Künstler und sorgt im Studio für Wohlfühlatmosphäre und ausreichend Whisky. Im Gegenzug erhält er von Albert Ammons und Meade „Lux“ Lewis 19 Solostücke und sogar zwei Duette. Lewis’ „Melancholy“ wird die A-Seite der 12-Inch-Schellackplatte mit der Bestellnummer BN 1 – Startauflage: 50 Stück. Es ist der Anfang der Plattenfirma Blue Note. Reich werden will Lion mit ihr nicht: Ihm, dem Fan, geht es um die Dokumentation des echten, kompromisslosen Jazz. Die kommerzialisierten Swing-Orchester sind nicht so sein Ding.

Blue Note

Alfred Lion, Dexter Gordon, Frank Wolff

Im Herbst, als in Europa der Krieg losgeht, erhält Alfred Lion Unterstützung. Sein Berliner Jugendfreund Frank Wolff kommt mit einem der letzten Passagierschiffe, die Deutschland noch verlassen können, nach New York. Er wird Lions Kompagnon – und außerdem der Finanzminister und Fotograf des Labels. „Die beiden nehmen nur auf, was ihnen gefällt“, heißt es bei den Musikern. Und was den beiden Ex-Berlinern gefällt, das ist weiterhin das Kompromisslose: echter Hot Jazz, echter Boogie, echte Swing-Combos – und immer öfter auch eine Mixtur aus all dem. Hauptsache, die Musiker improvisieren aus ganzer Seele und mit vollem Blues! In den Bands, die während der Kriegsjahre für Blue Note aufnehmen, treffen Ellington-Leute auf angehende Bebopper und E-Gitarren-Pioniere auf Dixieland-Bläser. Die Spezialität des Labels aber sind die sogenannten „Swingtets“ – kleine, kompakte Formationen, die verschiedene Jamsession-Experimente der 52. Straße auffangen. Es braut sich musikalisch etwas zusammen in New York – und Blue Note ist mitten drin.

Blue Note

Alfred Lion (l.), Thelonious Monk

Der Saxofonist Ike Quebec ist nicht nur Blue Notes erfolgreichster Musiker der „Swingtet“-Phase, sondern außerdem Alfred Lions „Talent Scout“. Quebec zieht für Blue Note durch die New Yorker Szene und weiß Großes zu berichten: Dem Bebop gehört die Zukunft! Im Bebop münden alle Experimente! Das Echte und Kompromisslose steckt jetzt im Bebop! Alfred Lion glaubt ihm – und das Label orientiert sich neu. Die Bandleader der Blue-Note-Sessions von 1947 heißen Babs Gonzales, Tadd Dameron, Thelonious Monk und Art Blakey – allesamt legendäre Pioniere des Bop. Vor allem die eigenwillig sperrige Klavierkunst Thelonious Monks hat es dem Piano-Fan Alfred Lion angetan. 14 Stücke nimmt Monk in seinem ersten Blue-Note-Jahr für ihn auf, darunter die Klassiker „Round Midnight“, „Ruby My Dear“ und „Well You Needn’t“. In den Folgejahren produziert Blue Note Leaderplatten weiterer Bop-Legenden wie Miles Davis, Fats Navarro, Bud Powell, Clifford Brown und J.J. Johnson. Blue Notes erster 12-Inch-Longplayer (BLP 1501) wird den Titel tragen: Miles Davis Vol. 1.

Blue Note

Horace Silver

Horace Silver, ein junger Bop-Pianist, macht für Blue Note 1955 seine erste Studio-LP mit eigenem Quintett. Dabei präsentiert er ein Stück namens „The Preacher“, das bewusst an die afroamerikanische Gospel- und Worksong-Tradition anknüpft. Produzent Alfred Lion akzeptiert das Stück nur widerwillig: Es ist ihm eigentlich zu primitiv, zu folkloristisch, zu wenig modern. Doch Silvers Gospel-Blues-Stil macht Furore: „The Preacher“ steigt zur Hymne auf und Silvers „funky“ Klavierspiel steckt alle Pianisten an. Plötzlich hat Blue Note seinen ganz eigenen Sound gefunden: den groovigen, funkigen Hardbop. Innerhalb weniger Monate kommen auch die anderen Zutaten zusammen, die den Nimbus des Labels bis heute ausmachen: das Engineering von Rudy Van Gelder („Jeden Mittwoch war Blue-Note-Tag“), die Schwarzweiß-Fotos des Label-Vizes Frank (Francis) Wolff (inzwischen Klassiker der Jazzfotografie) und die Covergrafik von Reid Miles („Francis hasste es, wenn ich auf seinen Fotos die Köpfe zerschnitt“). Alfred Lion und Frank Wolff können vom bluesigen, groovigen Hardbop jahrelang nicht genug bekommen: „Sie gingen ganz in dieser Musik auf“, erzählt Herbie Hancock. „Wenn im Studio die Post abging, konnte man Frank und Alfred selig lächelnd herumhüpfen und komische kleine Tänze vollführen sehen.“

 

Blue Note

Hank Mobley, Alfred Lion

1965

Die Hardbop-Mode ist über die Jahre zu einem großen Strom angewachsen. Mit Jimmy Smith kam das „funky“ Hammond-Fieber hinzu, später wurde der Hardbop zum Soul-Jazz. Junge Musiker wie Lee Morgan, Donald Byrd, Herbie Hancock sorgen ständig für Nachschub. Selbst Impulse des Free Jazz werden kreativ in den Blue-Note-Sound eingebaut. Das Label verzeichnet bis zu 70 Studiosessions im Jahr und kann längst nicht mehr alle Aufnahmen veröffentlichen. Mit Horace Silvers Song For My Father und besonders Lee Morgans The Sidewinder kommt 1964 überraschend der große kommerzielle Erfolg. Das Label gerät plötzlich unter Expansionsdruck. Alfred Lion – mehr Fan als Geschäftsmann – will diese Verantwortung nicht. Er verkauft Blue Note an den Plattenkonzern Liberty und glaubt tatsächlich, unter dessen Dach ungestört weiterproduzieren zu können: Es ist der Anfang einer 20 Jahre dauernden Blue-Note-Krise. Schon 1967 steigt Lion resigniert aus, Wolff macht weiter und stirbt 1971 mit nur 63 Jahren. Der Liberty-Konzern wird von United Artists gekauft. Auf Blue Note erscheinen noch kommerzielle Black-Funk-Produktionen. Dann irgendwann nichts mehr.

 

1985

Blue Note

Stanley Jordan – Magic Touch

Seit einigen Jahren schon regt sich neues Interesse am swingenden, akustischen Modern Jazz. Junge Leute tanzen zu alten Hardbop-Platten. Junge Grafiker lassen sich von alten Blue-Note-Covers inspirieren. Junge Musiker wie Wynton Marsalis spielen alten Jazz. Art Blakeys Jazz Messengers gelten sogar wieder als die Talentschule der Szene. Lizenzausgaben längst verschwundener Blue-Note-Alben erscheinen auf Mosaic und EMI-Toshiba. Schließlich wagt der Konzern EMI, der 1979 United Artists Records geschluckt hat, den Relaunch. Bruce Lundvall – vormals Entdecker von Wynton Marsalis und Gründer des Jazzlabels Elektra Asylum – wird der Chef der neuen, alten Firma Blue Note. Nach 20 Jahren Krise wird unterm Dach von EMI ein Jazzmythos neu belebt. Zur Relaunch-Party erscheint sogar Alfred Lion leibhaftig. Gleich das erste Album auf dem wieder erstandenen Kult-Label ist ein Debüt: Stanley Jordan heißt der junge Mann und beherrscht auf seiner Gitarre eine im Jahr 1985 noch neuartige und als sensationell empfundene Tap- & Touch-Technik. Das Album Magic Touch verkauft sich auf Anhieb 500.000 Mal.

Blue Note

US3 – Hand On The Torch

Das neue Blue Note versucht, an das große Renommee von früher anzuknüpfen. Reihenweise werden ehemalige Blue-Note-Helden verpflichtet – von Kenny Burrell und Dexter Gordon bis Stanley Turrentine und Tony Williams. Auch der Saxofonist Joe Henderson nimmt schon 1985 wieder für „sein“ altes Label auf: Seine Live-Einspielung The State Of The Tenor wird von Alfred Lion persönlich zur besten Blue-Note-Platte aller Zeiten erklärt. Noch umfassender verläuft die Wiederbelebung des gewaltigen Backkatalogs – nun auf CD. Unzählige Bonustracks und etliche einst unveröffentlichte Sessions erscheinen sogar erstmals auf Tonträger. Die Vermarktung der Blue-Note-Legenden galoppiert. „Sogar eine Hank-Mobley-Aufnahme läuft heute besser als je zu seinen Lebzeiten“, sagt Blue Notes Reissue-Spezialist Michael Cuscuna. Auch Jazz-DJs dürfen sich beim Backkatalog bedienen, präsentieren Remixe und Compilations für den Dancefloor. Der bis dahin größte kommerzielle Erfolg der Blue-Note-Geschichte ist 1993 das Album Hand On The Torch der britischen Jazz-Rap-Band US3. Ihre Blue-Note-Remixe – besonders „Cantaloop“ nach dem Herbie-Hancock-Klassiker – erobern als Tanz-, Werbe- und Erkennungsmelodien den ganzen Globus. „Es war eine schwierige Entscheidung, diese Platte zu machen“, erinnert sich Bruce Lundvall. „Ich war überzeugt, Alfred würde sich im Grab umdrehen.“

Blue Note

Norah Jones – Come Away With Me

Das wieder erstandene Blue Note ist anders. Zum Beispiel spielen von Anfang an Jazz-Vokalisten eine große Rolle – ein Genre, das Lion und Wolff einst scheuten wie die Nazis den Swing. Bobby McFerrin, Dianne Reeves, Mose Allison, Lou Rawls und Cassandra Wilson gehören schon in den ersten Jahren nach der Neugründung dazu. Weil in der Pop-Welt die stilistischen Grenzen zwischen Country, Blues und Singer/Songwriter-Stoff immer durchlässiger werden, erscheint 2003 schließlich auch bei Blue Note ein Album, „das bei jedem modernen Poplabel hätte erscheinen können“, wie der Jazzkritiker Richard Cook schreibt. Das Debütalbum von Norah Jones, Come Away With Me, ergattert sieben (!) Grammys (keinen in der Kategorie Jazz) und verkauft sich über 20 Millionen Mal. „Ich hatte höchstens 100.000 Exemplare erwartet“, gibt Bruce Lundvall zu. Seit Norah Jones ist bei Blue Note alles möglich. Immerhin: Millionenseller machen es wahrscheinlicher, dass das Geld zur Pflege des swingenden Backkatalogs nie ausgeht.

 

 

Blue Note Records 75th Anniversary Vinyl Initiative

Zum „75th Anniversary“ hat Blue Note Records eine Vinyl-Initiative gestartet. Seit März 2014 erscheinen jeden Monat fünf Blue-Note-Klassiker als remasterte 180-g-Vinyl-Editionen. Don Was, der aktuelle Präsident von Blue Note, sagt dazu: „Unser Katalog ist so umfangreich, dass wir auf viele Jahre hinaus gewissenhaft fünf Alben im Monat veröffentlichen werden.“

 

Zum Einstieg empfohlen:

Sonny Clark: Cool Struttin’ (1958)

Cannonball Adderley: Somethin’ Else (1958)

Kenny Burrell: Midnight Blue (1963)

Horace Silver: Song For My Father (1964)

Eric Dolphy: Out To Lunch (1964)

 

www.bluenote.com

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 16 (6/2014)

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