Lamentieren gilt nicht: Wer als empfindsamer Ohrenmensch die IFA besucht, um dort exklusives High-End-Audio zu erleben, ist auf der falschen Veranstaltung.

Natürlich haut einem die Internationale Funkausstellung auch 2016 wieder reichlich Blingbling, Ta-daah und „Onnz-onnz-onnz“ um die Ohren, aber hey, das ist halt die IFA, eine echte Show. Doch neben all den besonders auffälligen Spektakeln – etwa dem martialischen, verdammt lauten „Thunder-Truck“ von Teufel – bietet die Berliner Großveranstaltung immer noch genug Gelegenheiten, sich zwischendurch und mittendrin von wirklich gutem Klang und feinen, leisen Tönen überraschen zu lassen.

Sogar Teufel pflegt neuerdings die ganz feine Ansprache, nicht nur akustisch: Teufels Schwesterfirma Raumfeld präsentierte in Zusammenarbeit mit Rosenthal, dem Porzellanspezialisten, einen Aktivlautsprecher der besonderen Art. Der mit einem Koaxialtreiber bestückte Lautsprecher ist elegant gestaltet wie eine umgekehrte Vase und kann, zart von einem Stahlgestell getragen, auch bei Ästheten punkten. Darüber hinaus klingt die Soundskulptur ausgesprochen ausgewogen und kultiviert.
AKG versuchte es im Kleinen ganz groß: Die neuen In-Ear-Hörer N40 lassen sich mit auswechselbaren Filtern klanglich trimmen. Wem die klangliche „Referenz“ nicht zusagt, kann die Geschmacksrichtungen „High“ und „Bass“ ausprobieren. Dass der Sound grundsätzlich hervorragend zu sein hat, dafür verbürgen sich das Traditionsunternehmen AKG, der dahinterstehende Harman-Konzern sowie ein nicht allzu kleines Preisschild.
Bei Heco betätigte sich die neue 3-Wege-Box der Direkt-Serie mit sportlichen Rallyestreifen und satter Bestückung als Publikumsmagnet. Ob’s am Schlagzeugtrack gelegen hat, das hier in Originallautstärke in heavy rotation lief? Geschadet hat’s jedenfalls nicht, vielmehr mächtig Spaß gemacht.
Audeze hatte zwar den Thron zu Hause gelassen, dafür war aber „The King“ um so präsenter, der amtierende König von Kopfhörerverstärkerland. Entwickelt von Bascom King, regiert der röhrenbestückte Headphone-Amp auch die anspruchsvollsten Untertanen mit leichter Hand. Darunter auch den weltersten „In-Ear“-Magnetostaten von Audeze, der trotz seiner Rubrizierung auch als markanter Ohrenschmuck durchgehen könnte. Nach dem weltweiten Erfolg der Marke in der audiophilen Szene darf man gespannt sein, wie sich der kleine(re) Ableger behaupten wird.
Echte In-Ears der Sonderklasse boten beispielsweise JBL und RHA. Während RHA seinen bildhübschen und wohlklingenden In-Ears einen portablen Soundbooster mit exzellentem DAC im iPhone-Format zur Seite stellte, besitzt das sportive JBL-Set einen zusätzlichen Abgriff, mit dem der Puls seines Benutzers gemessen und per App auf einem Display dargestellt werden kann. Wer also zum Joggen mit entspanntem Jazz einzuschlafen droht, kann sich unmittelbar die (hoffentlich) positiven Auswirkungen von EDM oder auch Rock’n’Roll auf seine Vitalfunktionen direkt anzeigen lassen.
Apropos Rock’n’Roll: Marshall, der Standardausstatter der harten Bühnenjungs, hatte wieder neue Lifestyle-Produkte am Start, die auch in Bus und Bahn und Designerlofts eine gute, nämlich kräftige Klangkulisse garantieren, vom Aktivlautsprecher bis zur geschmackssicheren Schallmütze. Alles natürlich nur echt mit dem markanten Schriftzug von good old Jim Marshall. So geht urbaner Chic mit zarter Rebellionsattitüde!
Bang & Olufsen wiederum präsentierte mit den Modellen BeoSound 1 und BeoSound 2 neue Netzwerklautsprecher im Doppelpack, die nicht nur in gewohnt betörender B&O-Optik, sondern auch mit hochseriösem Rundum-Klang begeistern konnten. Noch mehr Surround-Sound boten diverse Heimkino-Vorführungen mit Dolby Atmos, zum Beispiel bei Magnat, wo sich die Zuschauer wohlig schauernd mitten in der actiongeladenen Flugzeug-Szenerie wähnten – extrem beeindruckend.
Noch mehr Live geht dann nur wirklich live: Bei Block Audio wurde alle halbe Stunde der polternde Motor (ein V2-Block) eines extradicken Motorrads angeworfen, um die sodann herbeiströmenden Besucher geschickt auf das eigentliche Hauptthema am Block-Audio-Stand zu lenken: das vernetzte Haus – am liebsten natürlich mit zahlreichen Produkten des deutschen Herstellers. Michael Block und sein Team freuten sich ganz nebenbei auch über die wiederholte Auszeichnung als „Topmarke des Jahres“.


In punkto „Live-Performance“ ging es bei Technics (Panasonic) etwas subtiler zu. Insgesamt bot Technics eine herausragende Präsentation, zeigte vom Urmodell bis zur Neuinterpretation des berühmten 1210er Plattenspielers natürlich auch das ständig erweiterte Portfolio, etwa einen neuen, schicken Musikserver und einen fantastischen Kopfhörer. Technics ist tatsächlich auf dem besten Wege zurück zu alter Größe und wegweisender Technikkompetenz.
An anderer Stelle hatte ein japanisches Traditionsunternehmen einen echten Flügel positioniert und zum Klingen gebracht: Yamaha verknüpft mit dem „Disklavier Enspire“ eine erstklassige Stereoanlage mit einem speziellen Klavier, das beispielsweise den Pianopart zu einem Beatles-Stück locker-flockig, fehlerfrei und vollautomatisch intonierte – eine ganz neue Klangerfahrung, die klassisches HiFi um ein echtes Instrument erweitert. Das Klavier lässt sich selbstredend auch ohne Tricks und Tracks „live“ bedienen, während etwa die Hausvernetzung – auch bei Yamaha das große Thema der IFA – an anderer Stelle des Refugiums für Musik sorgt. Ein ebenfalls ausgestelltes Motorrad von Yamaha blieb übrigens mucksmäuschenstill, ebenso die E-Gitarren-Anlage des Ausstellers.
Angenehm leise war es auf dem Stand von Beyerdynamic. Das Heilbronner Unternehmen präsentierte einen kabellosen Prototyp für audiophile Kopf-Hörer: ein Over-Ear-Modell mit derart herausragendem Langzeithörpotenzial, dass es sogar Musikfreunde (möglicherweise sogar HiFi-Journalisten) geben soll, die inmitten des Messetrubels ein komplettes Phil-Collins-Album (Face Value) am Stück durchgehört haben – und zwar mit Begeisterung, wie nachher zu vernehmen war.
Sony wiederum zeigte sogar eine ganze Reihe hochwertiger Neuheiten bis ins kleinste Detail in bester „Explosions“-Manier – eine echte Augenweide für die Fans und ein überzeugendes Argument, warum so manche Sony-Neuheit nicht nur satt in der Hand liegt, sondern auch satte Summen vom Konto abzieht. Was derart liebevoll und hochwertig gefertigt wird, kann eigentlich nur toll klingen, oder etwa nicht? Wir haben jedenfalls Lust bekommen, all den neuen Kopfschmuck und passende Edel-Zuspieler auszuprobieren, welche die Tradition des guten alten Walkman in die digitale High-Res-Jetztzeit transportieren.
Noch edler ging es fast nur noch bei Sennheiser zu. Die Niedersachsen trauten sich zur diesjährigen IFA, das schon bei seiner Präsentation zur Legende erhobenen Orpheus-System – Kostenpunkt: schlanke 50000 € fürs Kopfhörer/Verstärker-Set – auszustellen. Einmal Transformation in den High-End-Himmel und (nie) wieder zurück, bitte!


Den ganz normalen HiFi-Wahnsinn ahmte zum Beispiel Audio Technica nach, bei denen man in einer Wohnzimmerkulisse – hinter Glas! – entspannt mit Experten fachsimpeln konnte. Auch bei Klipsch pflegte man den gediegenen Auftritt und hatte kurzerhand die komplette Palette aufgereiht; ein umfangreiches Vergnügen, das seinen Ursprung beim großen HiFi-Rauhbein Paul Wilbur Klipsch hatte.
Deutlich farbenprächtiger und ebenso kultverdächtig ging es bei TEAC zu. Neben einem absolut erstklassig restaurierten VW-Bus der ersten Serie in der gesuchten „Samba“-Ausstattung wurden auch diverse farbenfrohe Plattenspieler sowie ELAC-Lautsprecher in Quietschorange gezeigt. Vermutlich fühlte sich Pro-Ject-Boss Heinz Lichtenegger in diesem Umfeld gut genug getarnt, um auch hier unauffällig nach dem Rechten zu schauen. Wir haben ihn trotz knallgelbem Beinkleid sofort erkannt …
Vielleicht hat er später noch eine Runde bei Harman gedreht, wer weiß. Dort jedenfalls quoll der Stand vor Neuheiten aus der mobilen, bezahlbaren Spaß-&Sound-Liga geradezu über.
Nach jedem knallbunten Messetag bot nicht nur die Hauptstadt an sich, sondern auch der obligatorische Besuch beim Currywurst-Stand – nur echt mit Warteschlange und dummen Sprüchen – eine willkommene Erholung. Und ein Hund auf einem Longboard ist dann keine optische Täuschung, sondern Teil des Selbstverständnisses von Berlin. Wie die alljährliche IFA unterm Funkturm.

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