Sennheiser Orpheus – Lyrik aus dem Labor

Wenn Wissenschaftler und Ingenieure ins Schwärmen geraten, werden auch schon mal Fledermäuse mit Elefanten gekreuzt.

Kopfhörer, Mikrofone, drahtlose Übertragungstechnik? Sennheiser ist in einigen Bereichen unangefochtener Weltmarktführer. Das wird im Gespräch mit Firmenrepräsentanten aber nie groß herausposaunt. In Wedemark bei Hannover pflegt man niedersächsische Umgangsformen: eher nüchtern als überschäumend, und gefreut wird sich vor allem nach innen.
Das ist beim Orpheus anders. Der neue Referenz-Kopfhörer scheint die sonst so bodenständigen Tüftler geradezu übermütig zu machen. Von „Monumenten des Klangs“ ist da die Rede, vom „Raum aus perfekter Stille“ – und von Michelangelo. Dessen „ewige Skulpturen“ liefern die Steilvorlage, warum für das Verstärkergehäuse ein ganz bestimmter Carrara-Marmor verwendet wird.
Selbstverständlich versucht das technologiebasierte Unternehmen mit Hightech und Absolutheitsanspruch zu rechtfertigen, warum der neue Orpheus so dermaßen teuer ist. Dennoch darf vermutet werden, dass ein Systempreis von voraussichtlich 50 000 Euro nicht unbedingt mit der ganz spitzen Feder berechnet, sondern (auch) aus markenpolitischen Gründen „gerundet“ wird. Immerhin ist Orpheus ein Prestigeprojekt allerersten Ranges.


Vergleiche mit dem gleichnamigen Präzedenzfall von 1991 sind ausdrücklich erlaubt: Schon der Ur-Orpheus (HE90/HEV90) – aus der Taufe gehoben von Dr. Burkhardt Schwäbe, heute Chef von EternalArts – bestand aus einem elektrostatischen Kopfhörer und einem spektakulär gestalteten Röhrenverstärker. Und Orpheus schlug hohe Wellen unter Audiophilen: Konzept, Optik, Preis, aber eben auch Klang befanden sich auf einem bis dato unbekannten Niveau. 300 Sets wurden gefertigt und auch verkauft, heute ist der klassische Orpheus ein gesuchtes Sammlerstück.
Mittlerweile sind 25 Jahre vergangen, der Markt für anspruchsvolle High-End-Kopfhörer boomt, und eine ganze Reihe von Mitbewerbern versucht sich an immer neuen Topmodellen. Doch die dritte Generation der Sennheiser-Familie, die sich schon den 70. Firmengeburtstag im Jahre 2015 mit dem neuen Topmodell versüßt hatte, wagt sich mit dem neuen Orpheus am weitesten nach vorn.
Das darf man ruhig wörtlich nehmen – dazu gleich mehr. Zuvor will ich den Orpheus noch kurz im Standby-Modus betrachten. Die Luxushülle aus Marmor, Glas und mattem Chrom wirkt zugleich kühl und streng geometrisch, aber auch ein bisschen, na ja, märchenhaft. Der unter Glas ruhende Kopfhörer erinnert mich jedenfalls an …
Damit ist’s auf Knopfdruck vorbei. Eine spezielle Warm-up-Choreografie verwandelt Michelangelos Schneewittchensarg in einen fidelen Transformer. Gemächlich schieben sich die vier Drehknöpfe aus der Marmorfront. Auf der rechten Oberseite fährt ein Gläser-Oktett aus der Versenkung des schwarzen Alu-Blocks und betritt die Orpheus-Bühne in bester Theater-Manier. Schließlich öffnet sich linkerhand die gläserne Klappe und gibt Schneewittchen, den staubgeschützten Kopfhörer, frei. Was für ein Schauspiel! Diese Art der „Entfaltung“ darf man, je nach persönlichem Temperament, faszinierend oder irritierend finden. Angemessen für das, was jetzt zu hören sein wird, ist es allemal. (Mehr dazu im Technik-Kasten.)
Welche Zuspieler sind würdig genug für den frisch gekrönten King of Kopfhörer? Beginnen wir mit dem großen Multiplayer aus der 3000HV-Serie von T+A. Gefüttert mit anständigen Silberscheiben, enthüllt der Orpheus schon in den ersten Minuten, dass wirklich Spektakuläres oft erst einmal unspektakulär wirkt. Weil er keine Verzerrungen produziert, nichts hinzuaddiert. So zielstrebig beamt mich der Orpheus direkt in die jeweiligen Scheiben hinein, dass ich gar nicht weiß, auf welche klanglichen Disziplinen ich zuerst nicht achten soll Diese unfassbare Klarheit und Durchhörbarkeit, diese vollkommen selbstverständliche Artikulation aller aufnahmetechnischen Schichten enthüllt dabei absolut selbstverständlich so manches Detail, das mir bisher einfach entgangen war: Intonationstrübungen bei Streichinstrumenten, Klappengeräusche bei Holzbläsern oder auch die strapazierten Stimmbänder einer bejahrten Operndiva – das gehört hier einfach dazu. Das Beste an dieser Enthüllungstour ist nämlich, dass die Quasi-Neuentdeckung bekannter Scheiben für noch mehr Interesse am Weiterhören sorgt. Der Orpheus klingt hyperpräzise, aber nicht gnadenlos. Wenn die Musik stimmt.
Dann wird es Zeit für eine Musikquelle, die mich von jeher fasziniert und die Qualitäten von Orpheus noch deutlicher darstellt: eine analoge Nagra-Bandmaschine, bestückt mit einer Masterbandkopie von Paul Kuhn live. Die Aufnahme kenne ich sehr gut – und sie swingt über den Orpheus derart vollendet, groß, lebendig und mitreißend, dass ich kaum genug davon bekommen kann. Was für eine tolle Live-Atmosphäre! Was für ein unglaublich klarer, tiefer Bass! Diese Dynamik, völlig ungebremst … der reine Stoff! Die herausragend gute Klangqualität des analogen Bandmaterials schlüsselt der neue Orpheus derart selbstverständlich auf, dass wirklich gar keine Fragen mehr offen bleiben. Näher dran an „live“ war ich bisher tatsächlich nur live vor Ort.


Dieses klangliche Erlebnis hatte ich ehrlich gesagt zwar erhofft, aber nicht unbedingt auch in diesem Ausmaß erwartet. Der neue Orpheus ist in seiner grandiosen Klarheit ein zeitgemäßes Traumprodukt für echte Kenner und Genießer. Er ist aber auch, da mache ich mir nix vor, ein Sammelobjekt für die Ich-frage-nie-nach-dem-Preis-Fraktion. Alle anderen beantworten die entscheidenden Fragen, ob es sich hier tatsächlich um den besten Kopfhörer der Welt handelt und ob der wohl seinen Preis auch wert ist, mit „ja“ und „natürlich nicht!“ Das macht die audiophilen Fieberträume eines Normalverdienenden erträglicher, wenngleich nicht wahrer. Denn echte Träume waren noch nie in Heller und Pfennig zu berechnen. Wie teuer ist Schneewittchen, bitte?
So bleibt der Orpheus auch für mich eine klangliche Offenbarung, von der ich mich nur schwer wieder losreißen kann. Da hilft dann wirklich nur kalter Entzug durch Ausschalten. Beim geordneten Rückzug von Knöpfchen-Quartett, Röhren-Oktett und Schallwandler-Solist gelange ich zur persönlichen Erkenntnis: Danke für dieses im doppelten Sinne unbezahlbare Hörvergnügen.

 

Die Technik des Sennheiser Orpheus (HE1060/HEV1060)

Sennheiser Orpheus HE1060 und HEV1060Der Orpheus besteht aus zwei minutiös aufeinander abgestimmten Komponenten. Der elektrostatische Kopfhörer HE1060 und der Röhrenverstärker HEV1060 können nur zusammen betrieben werden: Sie teilen sich die Signalverarbeitung auf eine völlig neuartige Art und Weise.
Für die bestmögliche Impulsverarbeitung des eingehenden Musiksignals bestückt Sennheiser das Verstärkerteil mit acht streng selektierten Röhren vom Typ SE803S. Um die bei Elektrostaten übliche Spannungsumladung für das Verbindungskabel auf ein absolutes Minimum zu bringen, baut Sennheiser die nachfolgende Hochvolt-Verstärkerstufe mit MOSFET-Transistoren direkt in den Kopfhörer ein. Mit nur etwa fünf Volt wird das Musiksignal über ein symmetrisches Verbindungskabel zur patentierten Schaltung in „Cool Class A“ übertragen; winzige „Kühlrippen“ oben auf den Hörmuscheln haben mehr symbolischen Charakter als echte Funktion. Da der neue Orpheus die notwendige Spannung für die elektrostatischen Wandlerelemente direkt vor Ort erzeugt, muss das Signal zwischen Hochvolt-Verstärkerstufe und Membran weniger als einen Zentimeter zurücklegen.
Angesichts des Systempreises versteht es sich von selbst, dass praktisch alle verwendeten Bauteile (insgesamt mehr als 6000) von allerhöchster Qualität sind, viele davon sind für den Orpheus maßgeschneidert worden und entstehen unter Reinraumbedingungen. Beispielsweise werden die speziell entwickelten Keramikelektroden des Kopfhörers mit Gold bedampft, die mit 2,4 µm Stärke optimal dimensionierten Membranen mit Platin. Die versenkbaren Knöpfe auf der Front des HEV1060 wiederum werden aus massivem Messing gedreht und mit mattem Chrom beschichtet. Einzig die Kunststoff-Formmulde zur Aufnahme des Kopfhörers sowie das 08/15-Netzkabel entsprechen (beim Vorserienmodell noch) keinen ultra-audiophilen Ansprüchen.
Besonderen Wert legte Sennheiser beim Röhrenverstärker auf möglichst störarme Arbeitsbedingungen. So wird jede Röhre von einem eigenen Quarzglaskolben umhüllt und vor Luftschall geschützt, während das komplette Gehäuse des HEV1060 aus einem Block resonanzarmem Carrara-Marmor herausgefräst wurde. Dass es zudem schwingend aufgehängt und von seiner Stellfläche entkoppelt ist, kommt auch anderen Baugruppen zugute, etwa der integrierten Digitalabteilung, die mit acht DAC-Chips des Typs ESS Sabre ES9018 bestückt ist.
Das Ergebnis all dieser konstruktiven und fertigungstechnischen Anstrengungen ist nicht nur hör-, sondern auch messbar: Der neue Orpheus erzeugt bei 1 kHz und einem Schalldruckpegel von 100 dB gerade einmal 0,01 % Verzerrungen – der niedrigste jemals bei einem Klangwiedergabesystem gemessene Klirrfaktor. Hinzu kommt ein extrem ausgedehnter Frequenzgang von acht bis über 100 000 Hz, der an beiden Frequenzextremen weit über das menschliche Hörvermögen hinausreicht. Hier könnten, so Sennheiser überraschend scherzhaft, die kombinierten Hörfähigkeiten von Elefanten und Fledermäusen weiterhelfen. Den meisten Orpheus-Besitzern wird ein musikbegeisterter Mithörer lieber sein: Auf der Rückseite des HEV1060 ist ein zweiter Ausgang für einen zusätzlichen Kopfhörer vorhanden. Das muss dann natürlich ein HE1060 sein.

Cai Brockmann

Sennheiser Orpheus HE1060 und HEV1060 Navigator

 

Kopfhörer + Kopfhörerverstärker
Sennheiser Orpheus (HE1060/HEV1060)

Funktionsprinzip: Klangwiedergabesystem mit elektrostatischem Kopfhörer und Röhren-Kopfhörerverstärker
Eingänge analog: symmetrisch (XLR), unsymmetrisch
Eingänge digital: USB, koaxial, optisch
Ausgänge: 2 x Kopfhörer HE1060, Bypass symmetrisch (XLR), asymmetrisch (Cinch)
Röhrenbestückung: 8 x SE803S
DAC-Bestückung: 8 x ESS Sabre ES9018
Spielbare Formate: PCM 16Bit/44kHz bis 32Bit/384kHz, DSD64 bis DSD256
Besonderheiten: kinetische Transformierung nach dem Einschalten
Ausführung: Carrara-Marmor, Aluminium schwarz, mattchromiertes Messing; individuelle Ausführungen gegen Aufpreis
Maße HEV1060 geschlossen (B/H/T): 43/15/35 cm
Gewicht HEV1060: 24 kg
Gewicht HE1060: ca. 600 g
Preis: ca. 50 000 €

 

Sennheiser electronic GmbH & Co. KG, Am Labor 1, 30900 Wedemark, Telefon 05130 6000,

www.sennheiser.com

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