Rockidelity: Dante – November Red

 

Gegen die Langeweile

Wofür ein Konzert von Dream Theater doch gut sein kann! 2006 besuchten die Schulfreunde Markus Maichel und Markus Berger gemeinsam einen Auftritt der sensationellen Progrocker aus New York. Danach gab es für die beiden Augsburger nur noch eines: Songs schreiben, gute Rockmusik machen, und zwar selber! „Natürlich bekennen wir uns dazu, eine Prog-Band zu sein“, sagt Keyboarder Maichel. „Ich langweile mich einfach bei den allermeisten Pop- und Rocksongs, weil sie so kurz sind. Prog gibt uns die formalen Möglichkeiten, einen Song oder einen Teil des Songs so komplex, lang, episch, hart, zerbrechlich sein zu lassen, wie wir das wollen, egal ob das jetzt fünf oder 20 Minuten sind.“

Dante

Dante – November Red
CD/Massacre

Die Stücke auf November Red, dem dritten Album ihrer Band Dante, sind durchschnittlich fast neun Minuten lang. Da kann man sich auf einiges gefasst machen: Staubtrockene Metal-Riffs wechseln sich ab mit verspielten Keyboard-Arpeggien, aber auch melodische Gitarrenmotive, romantische Klavierepisoden, falsche Streicherklänge und virtuose Soli sind mit dabei. Dabei wird die stilistische Brüchigkeit nie zum Selbstzweck: „Im Zentrum steht immer die Melodie“, erklärte Dante-Mitbegründer Markus Berger einmal. „Zentrale Teile und Melodien, vor allem die Refrains, müssen im Prinzip auch mit der Klampfe am Lagerfeuer funktionieren.“

Und wirklich gibt es auf November Red Stücke, bei denen man sich etwas Lagerfeuer-Beleuchtung gut vorstellen kann. Die Ballade „Beautifully Broken“ zum Beispiel, bei der sogar eine Frauenstimme sirenenhaft mittönt, oder der stimmungsvolle Groover „Allan“. Sänger Alexander Göhs – auch er ein ehemaliger Schulfreund der beiden Bandgründer – kann’s nicht nur krude oder pathetisch, sondern auch leise und mit Gefühl. Ziemlich deutsch klingt er trotzdem, aber das kommt ja auf dem internationalen Markt inzwischen ganz gut an und wird sogar im fernen Kalifornien imitiert. Dort entstand 2006 übrigens ebenfalls eine Rockband mit dem Namen „Dante“. Der Flirt mit dem Inferno ist offenbar internationaler Rock-Standard.

Dass Melancholie das vorherrschende Thema der Augsburger „Prog-Hoffnung“ sei, wusste man schon vor Jahren. Die Melancholie wird Dante aber auch zukünftig nicht verlassen. Anfang 2013, noch vor Erscheinen des neuen Albums, starb nach schwerer Krankheit der Dante-Mitbegründer Markus Berger. Zwei große Gitarrensoli hat er noch auf dem neuen Album. Die Band traf dieser Verlust – im metalmäßigen Jargon – „wie ein Vorschlaghammer“.

 

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr.: 9 (5/2013)

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