Jazzidelity: Tom Timmler Quartett – Dedication

 

Der Unerschütterliche

Der Name Tom Timmler klingt wie einem Roman entsprungen. Aber den Mann gibt es wirklich, er hatte sich nur jahrelang gut versteckt, irgendwo hinterm tiefsten Schwarzwald. Dort schrieb er Film- und Theatermusik, unterrichtete Saxofonspiel, Improvisation und Harmonielehre, spielte in Bigbands und Sinfonieorchestern, jammte mit dem und jenem. Jetzt, mit 52 Jahren, legt der Freiburger Lokalmatador sein Debütalbum vor, natürlich auf einem Schwarzwälder Label. Die Plattenfirma HGBS ist benannt nach Hans Georg Brunner-Schwer, dem legendären Chef der legendären Marke MPS. Aufgenommen wurde das Album im historischen MPS-Studio in Villingen-Schwenningen.

Tom Timmler Quartett

Tom Timmler Quartett – Dedication
CD/HGBS

Wenn das Klangresultat des edlen Aufnahmegeschirrs nicht völlig täuscht, verfügt Timmler über einen Tenorsound, der härter ist als Angela Merkel in der Euro-Frage und lauter als ein startender Airbus. Eine so granitene Unerschütterlichkeit haben selbst Booker Ervin, Bob Berg oder Gary Thomas nicht jeden Tag erreicht. Wahrscheinlich könnte es Timmlers stahlhartes Tenorsax locker mit einem kompletten Zurna-Orchester aus Nordafrika aufnehmen. Aber ebenso entschlossen wie sein Sound scheint seine Auffassung des modernen Jazz zu sein: sachlich, offensiv, technikorientiert, geradezu humorlos orthodox – so wie man es noch von mancher SteepleChase-Platte aus den Achtzigern kennt. Seine Themen und Improvisationen sprechen die Sprache des modernen Neo-Bop, als wäre es der alltägliche Freiburger Lokaldialekt.

Timmler und sein Quartett werden darüber aber nie langweilig. Bei aller No-Nonsense-Direktheit bleibt immer Platz für originelle Haken, persönliche Ösen und mitreißende Vamps. Tatsächlich besitzt jedes der Widmungs-Stücke auf Dedication (HGBS 20029 CD) seine ganz eigene, überraschende, lehrreiche Note – ob der beboppige Blues für Gary Barone, die erdige Ballade für Joe Bülow, das modale „Afro“ für Elvin Jones oder die „Giant Steps“-Variationen für John Coltrane, Timmlers großes Idol. Möglicherweise wollte hier ein erfahrener Schwarzwälder Saxofon-Pädagoge auch einfach mal ein didaktisches Exempel statuieren. Die vom Vergessen bedrohten Tugenden des Modern Jazz – Swing, Groove, Bop, Originalität, Virtuosität, Temperament – lassen sich jedenfalls kaum nachdrücklicher in Erinnerung bringen als mit diesem Album. So mögen denn seine Schüler den Lehrer durch nacheifernde Bemühung zahlreich beglücken!

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 6 (2/2013)

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