Jazzidelity: Sonic Drei – Paralelepipedo

 

Intime Inszenierung

Das Altsaxophon steht im Jazz immer ein wenig im Schatten seines größeren Bruders, des männlichen, kraftvollen, rauen oder rauchigen, auf jeden Fall erotischen Tenorsaxophons. In der Tat besitzt das Altsaxophon andere Qualitäten: Es klingt ansteckend vergnügt in der Höhe, ist in der Mitte von vertrauensvoller, mütterlicher Strenge und hat in der Tiefe dieses sanfte, selbstbewusste Räuspern. Kein Blasinstrument flattert so weich wie das Altsaxophon durch die Intervalle, zaubert ein so charmantes Portamento, lässt die Töne so rührend zärtlich verklingen. Wer all das nachprüfen möchte, greife zu einer Platte von Art Pepper oder Greg Osby oder gleich zu Paralelepipedo, der Debüt-CD des Trios Sonic Drei.

Sonic Drei

Sonic Drei – Paralelepipedo
CD/Unit Records

Florian Riedl hat sein feines Gespür für Klangwirkungen schon oft bewiesen. Der Münchner Saxophonist und Klarinettist schreibt erfolgreiche Filmmusik, etwa für Doris Dörrie, und lieferte den imaginativen Sound für etliche Produktwerbungen. Natürlich weiß er auch sein neues Kammer-Jazz-Trio fantasievoll zu inszenieren: Obwohl eine harmonisch unterversorgte Besetzung aus Altsaxophon, Bass und Schlagzeug etwas recht Lakonisches und Intimes an sich hat, verliert die Musik von Sonic Drei niemals an Spannung. Da gibt es boppig sprudelnde Uptempos ebenso wie verhaltenabgründige Melancholie. Da gibt es einen langsamen Blues, dessen faszinierende Melodie ein wenig an Eric Dolphy erinnert („In And Out“), und ein Stück im Fünfvierteltakt, das fast suitenartig verschiedene Instrumentierungen durchläuft („Zero Gravity“). Für die vitale Dichte und die geheimnisvollen Stimmungen in der Musik sorgt dabei der Schlagzeuger Martin Kolb, ein Meister der tanzenden Tom-Toms. Aufs Schlagzeug verzichtet wurde dagegen in den ergreifenden Duo-Balladen „Kung-Fu Panda lebt“ und dem Schlussstück „Little Odessa“, in dem Klarinette und Bass – wieder in fünf Vierteln – andeutungsweise Östliches beschwören. Beide Balladen stammen von Peter Cudek, dem slowakischen Bassisten mit dem großen, melodischen Groove.

Dass das Trio rund um Riedls charmantes, magisches Altsax so traumhaft geschlossen wirkt, verdankt sich auch ein wenig der Aufnahmetechnik. Im Berliner Studio P4, einem großen Aufnahmesaal des ehemaligen DDR-Rundfunks, wurde bewusst mit „Vintage“-Technik gearbeitet, mit Röhren- und Bändchenmikrofonen und Röhren-Vorverstärkern, ganz ohne Kopfhörer, Kabinen oder Trennwände. Das macht auch klanglich den Eindruck perfekt, dass man hier unvermutet einem zeitlosen Klassiker des modernen Jazz begegnet.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 5 (1/2013)

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