Reportage AVID HiFi Ltd. – Plattenspieler, Rennsport und Wünschelruten

And now for something completely different…

Der Boss taucht auf, wünscht uns einen guten Morgen und serviert frischen Kaffee. Und schon eine Minute später ist Sharon Mas wieder in ihrem Büro nebenan. Sie kümmert sich um das Geschäftliche bei AVID HiFi und hat viel zu tun. Daran ist vor allem derjenige schuld, der gerade noch behauptet hat, sie sei hier der Boss. Hinter den Kulissen mag das ja durchaus so sein. In der Öffentlichkeit jedoch repräsentiert nicht Sharon, sondern ihr Ehemann die Firma: Conrad Mas heißt der „sichtbare“ Chef von AVID HiFi.
Reportage AVID HiFi Ltd.1962 als Sohn einer Spanierin und eines Australiers geboren, findet der sportlich-juvenile Brite auch außerhalb des Jobs noch Zeit für die verschiedensten Aktivitäten. Wenn es das Wetter erlaubt, fährt er die 15 Kilometer von zu Hause in die Firma quer durch das ländlich-hügelige Cambridgeshire mit dem Rennrad. In Kimbolton, Huntingdon, angekommen, parkt er das Bike am liebsten mitten in der Lieferzone, direkt unter dem „Porsche parking only“-Schild. Klar, der Chef darf das, schließlich befindet sich hier der Parkplatz für seinen gelben Sportwagen aus Stuttgart. Na ja, zumindest theoretisch, sagt Mas mit einem Anflug von Augenzwinkern. Denn erstens gibt es eigentlich fast immer etwas zu transportieren, und das funktioniert mit dem dicken Diesel-Kombi (ebenfalls aus Stuttgart) ohnehin viel besser. Und der parkt korrekt vorne am Haupteingang. Zweitens geht AVID allmählich der Platz aus. Das Unternehmen wächst seit Jahren beständig und nutzt schon jetzt die knapp 500 Quadratmeter Fläche komplett. Da müssen die privaten Grillen des Chefs hintanstehen.
Doch eine deutliche Besserung der Platz- und Produktionsverhältnisse ist in Sicht. Im kommenden Jahr wird der Chef (oder doch der Boss?) ein Grundstück samt 1100-Quadratmeter-Gebäude kaufen. Im neuen AVID-Domizil wird dann auch wieder Platz für ein ordentliches Hörstudio sein. Das jetzige ist derzeit nicht betriebsbereit, weil mit „stuff“ belegt. Zum Beispiel mit einem Rennrad.
Doch auch ohne funktionierenden Hörraum strahlt Conrad Mas Zufriedenheit aus. Für ihn ist das stete Wachstum von AVID die fast schon logische Folge einer langfristig angelegten, kompromisslos kunden- und qualitätsorientierten Geschäftspolitik, die sich zwar schon von Anfang an, aber niemals ausschließlich um Plattenspieler drehte. Allerdings ist nicht zu übersehen, dass Analogtechnik und alles, was mit Plattenspielern zu tun hat, für Mas ganz oben an stehen. Er nennt Plattenspieler bis zum heutigen Tag sein „liebstes Hobby“. Ein nicht nur gewinnbringendes, sondern auch zeitloses Hobby, füge ich in Gedanken hinzu. Der Mann steckt immerhin schon rund vier Jahrzehnte im Thema. Nachdem er als musikbegeisterter Teenager in den Siebzigern von einem monströsen Selbstbau-Laufwerk bitter enttäuscht worden war, hatte er fast 20 Jahre lang sein „Lieblingshobby“ intensiv erforscht, hatte in Universitätsbibliotheken praktisch alles studiert, was jemals zum Thema Plattenspieler veröffentlicht worden war. Dank familiärer Verbindungen bereits in der Prä-Internet-Ära gut vernetzt, pflegte er gute Kontakte zu Wissenschaft und Hightech-Handwerk. Sogar ein Uni-Labor samt Hochleistungsrechner konnte er für seine Zwecke nutzen. Dort unterfütterte er seine Untersuchungen zum Hauptthema der Analogtechnik – die Vermeidung und gezielte Ableitung von Resonanzen – mit belastbaren Messungen.


Mitte der neunziger Jahre hatte der smarte Brite mit akribischer Gründlichkeit ein enormes Wissen angesammelt und zu jedem Detail eines Plattenspielers eine schlüssige, belegbare Antwort parat. 1995 war die Zeit reif, um AVID HIFI Ltd zu gründen. Da besaß er übrigens schon einen kleinen, aber ausgesuchten Maschinenpark, mit dem er OEM-Präzisionsteile für die unterschiedlichsten Industriekunden anfertigte und die neue Firma vom Start weg finanzieren konnte.
An der ausgeprägten Dienstleistungsmentalität hat sich bis heute nichts geändert: Nach wie vor entwickelt, produziert und veredelt AVID Präzisionsteile für Unternehmen aus der Medizin- und Militärtechnik, für Highend-Audio- und Automobilfirmen. Das zehnköpfige Team war zuvor auch schon für Musical Fidelity, QUAD und Wharfedale tätig. AVID hat Canon und Nikon mit Zubehörteilen beliefert, aber auch einen Tonarmschlitten für den Naim Audio Aro im Programm, den „Naim Slide“. Man fertigt zudem das Topmodell der Decca/London-Tonabnehmerserie, das „Reference“, komplett; lediglich die winzigen Spulen werden zugeliefert. Man ist mit diversen Spezialteilen an einem elektrischen Supersportwagen-Konzept namens Lightning GT beteiligt, baut aber auch ein nahezu komplettes Hornlautsprechersystem, über das man nicht konkret sprechen darf. Und dann thront da noch ein knallgelbes AVID-Laufwerk auf einem hauseigenen Isorak-Möbel, das im Zuge eines kurzzeitigen Kooperationsangebots durch Aston Martin entstand. Zwei Glasvitrinen im anderen Zimmereck zeigen viele weitere Delikatessen der Feinmechanik, Teile von Wünschelruten und Klebepistolen etwa, aber auch die vielgerühmten Plattenklemmen für die hauseigenen Laufwerke.
Womit wir wieder beim vermeintlich spannendsten Thema sind: Die bekanntesten AVID-Produkte innerhalb der HiFi-Szene sind die Plattenspieler. Und der Chef, der natürlich um die Qualitäten seiner Laufwerke weiß, schafft es durchaus wortgewandt, jedem Interessierten deren Besonderheiten bis ins sprichwörtlich kleinste Detail nahezubringen. Um wirklich überzeugend zu klingen, braucht der Mann nicht einmal einen Hörraum.


Mas reklamiert für jedes Produkt, das den AVID-Schriftzug trägt, nichts weniger als die „klangliche Wahrheit“; das erklärte Ziel sei ein möglichst neutraler Klang. Ein typisches AVID-Produkt soll ein Werkzeug sein, das allen anderen Komponenten einer Kette beste Grundvoraussetzungen für eine optimale Performance bieten soll. Das Credo „Earth the vibrations!” mag Assoziationen in Richtung Blitzableiter aufkommen lassen, bezieht sich aber auf die Plattenspieler-Feinmechanik und ist der Grund, weshalb beispielsweise alle AVID-Laufwerke ein Chassis in pfeilähnlicher Form besitzen. Ein solches aus grobkörnigem Aluminium gegossenes Chassis ist relativ leicht, dank exakter Berechnung supersteif und zeigt auch schon ohne weitere Behandlung ein ausgesprochen resonanzarmes Schwingungsverhalten. Zusätzlich wird es noch von einer eigens von BASF für AVID entwickelten, sündteuren Speziallackierung linear bedämpft. Dieses aufwendige und kostspielige Verfahren sei für ihn klanglich ohne Alternative, erklärt Conrad Mas. Überhaupt erlaube man sich keine Kompromisse an all jenen Stellen, die für den Klang entscheidend sind. Keine Frage, nicht nur die Laufwerke als Ganzes, sondern auch Tellerlager, Stromversorgungen und die schon erwähnten Plattenklemmen des Hauses dürfen als vorbildlich gelten.
Üblicherweise bleibt jedes Modell über Jahre hinweg im Programm. Kleinere Modifikationen fließen unsichtbar in die laufende Produktion ein, größere sind in aller Regel problemlos nachrüstbar, eher selten entsteht daraus ein neues Modell. Insbesondere bei Plattenspielern, so Conrad Mas entspannt, müsse ja keineswegs das Rad jedes Jahr aufs Neue erfunden werden. Seiner Meinung nach ist beispielsweise die bei der Konstruktion übliche Erhöhung von Masse und Material nicht immer sinnvoll. Vielmehr entstehen daraus doch wieder ganz neue Probleme, die es dann zu lösen gilt, so der stets nachdenkliche Analogexperte. Er hält es für schlauer, von Anfang an konsequent „das Richtige“ zu tun, und das dann mit höchster Präzision, bitteschön. Großen Wert legt Mas deshalb besonders auf die Fehlervermeidung innerhalb des Produktionsprozesses; die Mitarbeiter sind entsprechend geschult. Dank akribischer Überwachung jedes Produktionsschrittes garantiert AVID allerhöchste Serienkonstanz, die Fehlerquote bei fertigen Produkten soll de facto bei null Prozent liegen.
Wie ein solcher Traumwert in der Praxis entsteht, können wir nun bei einem kleinen Rundgang erfahren. Wir huschen rasch beim „Boss“ Sharon vorbei und über die Treppe hinab ins Erdgeschoss, und schon stehen wir in einem mittelgroßen Raum zwischen einer Charge auslieferungsreifer Laufwerke im Probelauf, einem Bestückungsautomaten und Bauteilregalen mit offenbar sauber sortiertem Inhalt. Hier treffen wir auch auf Bill „Golden Ears“ Clare, dessen Spitzname nicht von ungefähr kommt: Er ist der bevorzugte Kollege, wenn Conrad Mas betriebsintern zum kritischen Hören und Beurteilen einlädt. Bill erklärt und demonstriert mit der Ruhe des Könners, wie man die unterschiedlichen Laufwerke in Nullkommanix auf den Punkt justierten kann, warum in allen Modellen das identische, nicht weiter optimierbare Tellerlager steckt und dass er eigentlich gerade an der AVID-Zukunft schraubt.
Die im nächsten Raum zu sehen ist. Oder auch nicht. Denn eine tolle Platine und einige superexklusive Bauteile lassen noch kein bildhaftes 3D-Modell vor dem geistigen Auge entstehen; das wird erst später als Rendering im typischen AVID-Design auf einem Monitor sichtbar. Zumindest aber wird klar, dass AVID nach der erfolgreichen Erweiterung seiner Präzisionsmechanik (Laufwerke, Phonomöbel) um adäquate Elektronik (Plattenspielernetzteile, Phonoentzerrer) diese Linie weiter ausbauen wird. Die erste Kombination aus Vor- und Endstufe steht unmittelbar vor der Tür. Wie bei AVID üblich, feiert man die Premiere eines neuen Gerätetyps mit Cost-no-Object-Produkten, die ohne jeden Kostendruck schlicht „das Beste des Weltmarktes“ bieten sollen.
Die schrittweise Ausweitung des Portfolios findet seit zwei Jahrzehnten konstant, aber auch in aller Ruhe statt. Selbstverständlich dürfen weitere Überraschungen für die kommenden Jahre erwartet werden. Ein paar aufsehenerregende Studien entstehen derzeit auf PC-Festplatte und als Vormodelle, werden aber nur vertraulich gezeigt. Nur so viel: Es bleibt spannend.
Spannend ist aber auch das, was all die feinen Maschinen produzieren, die wir nun in der großen Halle besuchen werden. Herrscher des Maschinenparks ist Gary Cooper, der nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem gleichnamigen Hollywoodstar aufweist (sondern eher mit dem jungen John Belushi). Gary trägt Schutzbrille und Gehörschutz und genießt den Ruf eines ebenso schweigsamen wie hochtalentierten Meisters des Setups. Er war zuvor unter anderem bei QUAD, die nur wenige Kilometer entfernt residieren, als Produktionsleiter tätig und wirkt, als könne ihn grundsätzlich nichts aus der Ruhe bringen.


Ebenfalls schweigsam und konzentriert sitzt im Nebenraum ein junger Mann an seinem Tageswerk. George Brydon lötet und baut heute eine Kleinserie von Phonoentzerrern zusammen, da wollen wir nicht lange stören und verdrücken uns wieder, schlängeln uns zwischen Schwerlastregalen voller Netzteile und einer zweiten Werkbank hindurch; es geht zurück in die Halle. Dort umrunden wir diverse Lagen von IsoTek-Frontplatten – auch die Netzfilterexperten lassen bei AVID Teile fertigen – und beäugen frisch gefräste Werkstücke, die bis zum endgültigen Edel-Finish noch ordentlich poliert werden müssen. Jetzt noch kurz eine Treppe hinauf, an weiteren gut gefüllten Lagerregalen vorbei, und quasi durch die Hintertür kehren wir zurück zu den leeren Kaffeetassen im Besprechungsraum.
Und damit auch zurück zu Simon Rae. Der Entwicklungsleiter, so Conrad Mas, sei ein wahrer „3D-Design-Virtuose und Datenzauberer“ und mittlerweile seine „rechte Hand“ für die Produktentwicklung. Simon, der erst kürzlich von Tannoy zu AVID stieß, scheint sich auch jetzt überhaupt nicht daran zu stören, dass wir „seinen“ Raum wieder mit Unruhe und Geräusch füllen. Vielleicht ist er aber auch nur sehr höflich. Oder überaus konzentriert. Auf jeden Fall ist er so leise, dass ich ihn vorhin hinter seiner Wand aus Flachbildschirmen praktisch gar nicht wahrgenommen hatte. Irgendwie erhoffe ich zumindest für Simon Rae, dass das neue große Firmengebäude neben einem frischen 90-Quadratmeter-Hörraum auch einen separaten Konferenzraum zu bieten hat …

Reportage AVID HiFi Ltd.
Eine Frage liegt mir noch auf der Zunge: Wofür steht eigentlich das Kürzel AVID? Conrad Mas verrät im Brustton der Überzeugung und auch auf dreifache Nachfrage ohne erkennbare Ironie, dass die vier Buchstaben für „ A Very Interesting Design“ stünden. Zu vorgerückter Stunde sei es allerdings durchaus erlaubt, „Interesting“ einfach durch „Ingenious“ zu ersetzen. Hauptsache, „AVID“. Da das Wort aber auch als Adjektiv mit „begeistert“, „begierig“ oder „eifrig“ ins Deutsche übersetzt werden darf, lasse ich die Begriffs(v)erklärung noch ein wenig im Hirn nachschwingen und befinde später: Ja, das passt beides.
Im Verlaufe des nachfolgenden Abends werden noch viele weitere Themen angerissen und leidenschaftlich diskutiert. Über die Details haben Conrad Mas und ich dann aber doch Stillschweigen vereinbart. Nur so viel: Highend-Wünschelruten, Sorbothan-Muffins und gewisse Plattenspieler, die sogar auf Subwoofern perfekt funktionieren – das alles hat nix mit HiFi zu tun. Aber: AVID kann’s herstellen.

 

www.avidhifi.com

www.idc-klaassen.com

 

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