Classidelity: Das Beste der 50er, 60er und 80er Jahre

 

In stetiger Fleißarbeit holt der rührige Vertrieb Speakers Corner große Interpretationen aus der goldenen Vinyl-Ära ans Tageslicht. Dank feinster Pressqualität auf schwerem 180-Gramm-Vinyl erstrahlen sie in neuem Glanz. Höchste Zeit für einen kleinen Überblick

 

Johann Sebastian Bach: Partite Nr. 1 in h-Moll (BWV 1002) und Nr. 2 in d-Moll (BWV 1004)  

Florin Paul (v)

Es gibt Platten, die klingen nach Kassettenrekorder-Mitschnitt aus dem 3. Rang, und ich könnte trotzdem nicht ohne sie leben. Die Aufzeichnung des Konzerts zum 50. Bühnenjubiläum des in diesem Jahr verstorbenen großen Geigers Ruggiero Ricci gehört dazu. Mit Martha Argerich in der Carnegie Hall! Eine größere Diskrepanz zwischen Klangqualität und musikalischer Botschaft ist kaum denkbar.

florin paul

Johann Sebastian Bach: Partite Nr. 1 in h-Moll (BWV 1002) und Nr. 2 in d-Moll (BWV 1004) – Florin Paul (v)
LP/Tacet, Speakers Corner

Die Tacet-LP mit der Katalognummer L10 als genaues Gegenstück zu bezeichnen, täte dem großartigen Violin-Virtuosen Florin Paul arg Unrecht. Bloß, er spielt auf dieser 1989 entstandenen, jetzt auf Vinyl wiederveröffentlichten Aufnahme Bach. Und das so, wie man ihn 1989 eben spielte: mit süffigem Ton, jede Note vibratoschwer, rein melodisch interpretierend – Romantik pur. Aber was soll’s, hier macht der Klang die Musik. Tacet-Chef Andreas Spreer wählte als Aufnahmeort eine kleine Kirche nahe Nizza, stellte dort allerfeinste Neumann-Röhrenmikrofone des Typs U47 auf, und Florin Paul, seinerzeit Konzertmeister der Münchner Philharmoniker, durfte eine eigens leihweise zur Verfügung gestellte Stradivari zum Singen bringen.

Das Resultat ist ein Violinklangrausch sondergleichen. Anspieltipp: Die berühmte Chaconne aus der Partita d-Moll BWV 1004. Da ist Pauls Spiel freier als bei den rhythmisch streng genommenen kürzeren Sätzen, er beginnt eine Geschichte zu erzählen und entlockt dabei der Stradivari eine betörende Palette nobelster Klangschattierungen. Wie das strahlt und glitzert und seidig lockt! Eine echte Klang-Kult-Platte.

 

Maurice Ravel: Shéhérazade

Hector Berlioz: Les Nuits d’Eté  

Régine Crespin und das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Ernest Ansermet

regine crespin

Maurice Ravel: Shéhérazade
Hector Berlioz: Les Nuits d’Eté
Régine Crespin und das Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Ernest Ansermet
LP/Decca, Speakers Corner

Ach, Asien. So fern, so geheimnisvoll. Gäben wir nicht einiges, nur um wieder mit dem Blick des 19. Jahrhunderts gen Osten schauen zu können, als das Wort „Globalisierung“ noch nicht einmal erfunden war? Wenn Régine Crespin den dreifachen Ruf „Asie“ zu Beginn von Maurice Ravels Orchesterliederzyklus Shéhérazade erschallen lässt, weckt ihr gleichsam opiumschwer verdunkelter Sopran auf einen Schlag sämtliche romantische Orient-Klischees. Damit ist der Ton dieser Platte vorgegeben, auf der Crespin, begleitet vom Orchestre de la Suisse Romande unter Ernest Ansermet, auch den Gesangspart in Hector Berlioz’ Nuits d’été übernimmt. Die sechs Lieder der „Sommernächte“ erweitern den Exotizismus um eine düster-morbide Note, erkunden sie doch das Thema Liebe besonders unter dem Aspekt ihres Verlustes. Die große französische Wagner-Sängerin Régine Crespin tat sich leicht mit beiden Werken, ihre Stimme besaß von Haus aus ein sämiges, warm abgetöntes Timbre, das hervorragend zu beiden Werken passt und sich trotz allem mühelos vom Orchester absetzt. Denn, Achtung, wir haben es mit einer Decca-Aufnahme von 1963 zu tun, und da mikrofonierte man mit dem legendären „Decca-Tree“, einer Anordnung von nur drei Hauptmikrofonen. Die resultierende Platte SXL 6081 ist ein exzellentes Beispiel für die außerordentliche Klangqualität, die sich damit erreichen ließ. Der Aufnahmeort Victoria Hall in Genf breitet sich in voller Pracht vor dem Hörer aus, der tendenziell direkte Sound erinnert aufs Allerangenehmste an einen kompetent aufgezeichneten Livemitschnitt. Aus audiophiler wie musikalischer Sicht ein Highlight.

 

Kirsten Flagstad

Sibelius Song Recital: versch. Werke von Jean Sibelius – Kirsten Flagstad (voc) und das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Øivin Fjeldstad
LP/Decca, Speakers Corner

Sibelius Song Recital: versch. Werke von Jean Sibelius  

Kirsten Flagstad (voc) und das London Symphony Orchestra unter der Leitung von Øivin Fjeldstad

Auch eine Wagner-Sängerin, vielleicht die Wagner-Sängerin: Kirsten Flagstad. Auf Decca SXL 2030 ist sie mit Liedern von Jean Sibelius zu hören, begleitet vom London Symphony Orchestra unter Øivin Fjeldstad. Das ist nun ein ganz anderer Ton, verglichen mit Wagner sowieso, aber auch im Verhältnis zu den opulent spätromantisch bis impressionistisch orchesterkolorierten Ravel- und Berlioz-Liedern. Kantiger, expressiver, in der Orchestrierung scheinbar reduzierter, obwohl auch hier der volle sinfonische Apparat zum Einsatz kommt. Aus den Liedern, mögen sie nun die Natur oder die Liebe zum Thema haben, klingt bisweilen eine Askese, die an den Satz des britischen Komponisten Arnold Bax erinnert, Sibelius’ Musik vermittle „das Gefühl, er habe nie in seinem Leben gelacht und sei dazu auch nicht in der Lage“. Kirsten Flagstad ist eine kongeniale Sibelius-Interpretin, sie verkörpert perfekt die skandinavische Strenge der fast durchweg in dramatischem Moll gehaltenen Lieder. Ein Ereignis, besonders wegen Flagstad, deren Stimme hier alle Facetten vom stählernen Gleißen bis zum gedämpften Beinah-Murmeln auf engstem Raum nebeneinanderstellt.

 

i musici

I Musici – Barber/Respighi/Britten/Bartók
LP/Philips, Speakers Corner

I Musici – Barber/Respighi/Britten/Bartók

Augen zu. Ein Streichorchester. Kleine Besetzung, nur elf Musiker. Ihr Spiel ist wie aus einem Guss, traumwandlerisch sicher greift ein Rädchen ins andere. Der Klang: vollmundig, einladend, in den Höhen sanft abgerundet, aber das könnte auch die alte Aufnahme sein. I Musici? Jawohl, und zwar, und da hat Speakers Corner eine echte Perle aus dem Philips-Katalog gefischt: kein Vivaldi, keine Vier Jahreszeiten, sondern Werke des frühen 20. Jahrhunderts – Respighi, Barber, Bartók, Britten. Also nicht das gefällig musizierte Barockrepertoire, mit dem das Ensemble in den 1960er und 70er Jahren weltberühmt geworden ist und Platin-Schallplatten gesammelt hat, bevor in den 80ern die mit Macht aufkommende Originalklangbewegung das Ruder übernahm. So lohnt der Kauf dieser LP schon allein wegen der Repertoirewahl: Samuel Barbers populäres Adagio for strings etwa, oder Benjamin Brittens unterhaltsame Simple Symphony. Außerdem feiern I Musici derzeit das 60. Jubiläum ihres Bestehens, und auch das ist doch ein Grund, die feine 180-Gramm-Pressung mit der Katalognummer Philips 835096 AY aufzulegen. Und schließlich ist diese Platte eine veritable akustische Zeitreise zum warmen Streicherklang der Sixties. Sollte man sich gönnen.

 

Beethoven: Sonaten für Piano und Violoncello Nr. 1-5  

Mstislav Rostropowitsch (vc) und Swjatoslaw Richter (p)

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Beethoven: Sonaten für Piano und Violoncello Nr. 1-5 – Mstislav Rostropowitsch (vc) und Swjatoslaw Richter (p)
LP/Philips, Speakers Corner

Bei Philips stand auch Swjatoslaw Richter unter Vertrag, dem Speakers Corner in schöner Regelmäßigkeit Vinyl-Wiederveröffentlichungen gönnt. Dass er sich mit dem Jahrhundertcellisten Mstislaw Rostropowitsch zu einem über Jahre aktiven Duo zusammenschloss, kann nur als Glücksfall bezeichnet werden – jede Aufnahme der beiden ist allein aus musikhistorischen Gründen hörens- und sammelnswert. Zum Beispiel jene Produktion aus den Jahren 1961/62, in der sie die fünf Cellosonaten von Ludwig van Beethoven eingespielt haben (Philips PHS 2-920, Doppel-LP). Als Original-Box erzielt das Vinyl mittlerweile erstaunliche Preise. Für die Wiederauflage wählte Speakers Corner anstelle des farbenfrohen Coverdesigns der niederländischen Ur-Pressung eine edle Alternative mit Schwarz-Weiß-Fotos der Musiker. Beim Klang überrascht zunächst die intime Perspektive, es herrscht fast Wohnzimmeratmosphäre, die Instrumente sind zum Greifen nah. Nicht weniger überraschend: wie bescheiden, fast demütig der Musik dienend musiziert wird. Das ist kein Star-Vehikel, das sind Zwiegespräche zweier kluger Menschen über fünf der großartigsten Kompositionen für Cello und Klavier. Muss man haben? Aber sicher!

 

Bruckner: Symphonie Nr. 5

Mozart: Symphonie Nr. 36 („Linzer“)

Das Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung von Eugen Jochum

bruckner

Bruckner: Symphonie Nr. 5
Mozart: Symphonie Nr. 36 („Linzer“)
Das Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter der Leitung von Eugen Jochum
LP/Philips, Speakers Corner

Dass die maximale Spieldauer der CD seinerzeit auf 74 Minuten festgelegt wurde, damit Beethovens Neunte in Gänze auf einer Scheibe Platz hätte, ist eine hübsche Legende. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat oder nicht – für die 75 Minuten dauernde Liveaufnahme von Bruckners Sinfonie Nr. 5 auf Philips PHS 2-991 müsste es schon die auf 80 Minuten Spielzeit erweiterte Digitalscheibe neuerer Spezifikation sein. Auf Vinyl dürfte sich das Riesenwerk gerne auf vier Plattenseiten ausbreiten. Was Philips dazu bewogen haben mag, der Sinfonie nur drei Seiten zu gönnen und den verbleibenden Platz Mozarts Sinfonie Nr. 36, der sogenannten „Linzer“, zu widmen? Der Begleittext zieht Parallelen zwischen Orten, spannt einen gedanklichen Bogen vom klassischen Beginn zum romantischen Ende der Gattung Sinfonie. Das alles ist schlüssig begründet – aber dann ist da der mittendrin unterbrochene Adagio-Satz bei Bruckner, auf dass man die Platte wende, und schlagartig ist wieder klar, warum die Compact Disc mit der LP so leichtes Spiel hatte.

Noch etwas lehrt uns dieses Reissue: Dass es höchste Eisenbahn und eher fünf nach als fünf vor zwölf ist, wenn es um die Wiederauflage historischer Aufnahmen in audiophiler Pressqualität geht. Der Grund: Kopiereffekte bei den alten Masterbändern. Wenn sich im typisch Bruckner’schen Wechselspiel von flüsterleisen Passagen, Generalpausen und Fortissimo-Ausbrüchen Letztere schon lautstark als Vorechos in den Pausen ankündigen, zerstört das jegliche Dramaturgie der Interpretation. Wir werden in Zukunft wohl verstärkt den Zahn der Zeit mithören.

Und damit zur Musik. Der Livemitschnitt der Bruckner-Sinfonie fand vor bemerkenswert ruhigem Publikum in der Benediktinerabtei Ottobeuren statt. Dafür ist das Klangbild erstaunlich direkt und unterscheidet sich so erfreulich wenig von jenem der Mozart-Aufnahme, die meines Wissens eine „normale“ Studioproduktion war. Beide Werke gehen das Orchester des Concertgebouw Amsterdam und sein langjähriger Chefdirigent Eugen Jochum mit großer Souveränität an. Gefühlsausbrüchen legt Jochum straffe Zügel an, was bei Bruckner besser funktioniert als bei Mozart, wo das allgegenwärtige Tänzerische stellenweise überreguliert wirkt. Doch die Homogenität beider Werke beeindruckt, es ist alles immer an seinem Platz und wohldurchdacht. Auch wenn gerade in jüngerer Vergangenheit besonders Mozart ganz anders gespielt wird. Hätte das Philips-Team Bruckner doch vier Seiten gegönnt …

 

Dmitri Schostakowitsch: 6 Präludien und Fugen aus Op. 87 

Swjatoslaw Richter (p)

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Dmitri Schostakowitsch: 6 Präludien und Fugen aus Op. 87 – Swjatoslaw Richter (p)
LP/Philips, Speakers Corner

Auf einem weiteren Reissue ist Swjatoslaw Richter solo zu hören. Philips 835 204 AY enthält sechs der insgesamt 24 Präludien und Fugen op. 87 von Dmitri Schostakowitsch. Ein Jammer, dass Richter nicht den ganzen Zyklus eingespielt hat! Immerhin ein Viertel des Ganzen nahm der Russe 1963 in Paris auf. Schostakowitsch orientierte sich hier kompositorisch unüberhörbar an J. S. Bach, genauer gesagt an dessen ebenfalls systematisch die Tonarten durchmessenden Wohltemperierten Klavier. Richters Spiel betört wie schon bei der Beethoven-Produktion mit Nuancenreichtum. Aus manchem Satz ließen sich wunderbar Funken schlagen, doch Richter geht den Weg der Introspektion, und wer sich als Hörer auf diese intime Klangzauberei einlässt, der wird reichlich belohnt. Leider ist die Wiederauflage aus audiophiler Sicht nicht perfekt, zumindest das Testmuster wies stellenweise hörbare Tonhöhenschwankungen auf. In Ermangelung einer Originalpressung oder einer CD-Version ließ sich nicht feststellen, ob da schon das Ausgangsmaterial schuld war. Ich vermute: der Zahn der Zeit.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELTIY Nr. 4 (6/2012)

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