KEF Refrence 1 – Blade Runner

Seit mehr als vier Jahrzehnten steht der Name „Reference“ beim englischen Lautsprecher-Spezialisten KEF für „State Of The Art“ in Sachen Klang, Technik und Finish. Die kompakte Reference 1 setzt diese Familientradition konsequent fort.

Bei FIDELITY ist es eigentlich eher die Ausnahme, dass man als Autor klare Vorgaben erhält, welchen inhaltlichen Schwerpunkt ein Text haben sollte. Bei der neuen KEF Reference 1 jedoch ließ FIDELITY-Käptn Cai Brockmann keinen Zweifel daran, wie er sich meinen Test vorstellt: „Mach’ mal nicht soviel Technik, wie du sonst immer schreibst. Messguru Anselm Goertz dreht die KEF sowieso noch seitenlang auf links. Also geh’ eher mal in Richtung Historie und auch einige hübsche Klangbeispiele können nicht schaden.“ Na ja, ganz unbegründet ist dieser Seitenhieb sicher nicht. Doch hätte CB das bestimmt nicht so gesagt, hätte er gewusst, dass mir ein KEF-Entwicklungsingenieur bei einem früheren Redaktionsbesuch freundlicherweise das Engineering White Book der neuen Reference-Serie überließ. Sie sehen, ich kann gar nicht anders, als mich diesem Schallwandler über die KEF-Design-Philosophie zu nähern. Doch ich fasse mich so kurz wie möglich, versprochen.


Damit wären wir denn auch gleich bei der Historie: Es gehörte unzweifelhaft zu den Pioniertaten von KEF-Gründer und HiFi-Visionär Raymond Cooke, die damalige „Kent Engineering and Foundry“ bereits zu Beginn der 1970er-Jahre mit hochkarätiger Hewlett-Packard-Computertechnik zu Forschungs- und Fertigungszwecken auszustatten. Das hatte weitreichende Folgen – nicht nur, dass KEF schon sehr früh Lautsprecherchassis „matchen“ (paarweise abstimmen) und damit optimale Stereo-Eigenschaften garantieren konnte. Auch waren die Briten aus Maidstone in der Grafschaft Kent damals bereits in der Lage, phasen- und übertragungsoptimierte Frequenzweichen für ihre Chassis zu entwickeln. Ganz zu schweigen von ausgiebigen Schwingungsanalysen der Chassis, die dabei halfen, klangschädliche Partialschwingungen ihrer Membranen oder den Einflüssen der Korbbefestigungen während des Betriebes auf die Schliche zu kommen. Auch bei den aussagekräftigen Auskling-Spektren, den sogenannten Wasserfall-Diagrammen, hatte KEF die Nase vorn. Für mich als ehemaligen, passionierten Lautsprecherbauer gehörten damals KEF-Chassis zum Nonplusultra. Was keineswegs unbegründet war, denn berühmte Konstruktionen wie beispielsweise die Boxenlegende LS 3/5a waren ebenfalls mit KEF-Chassis bestückt.

KEF Reference 1Das versammelte Know-how gelangte natürlich nicht nur bei den Chassis von KEF, sondern auch bei den hauseigenen Lautsprechern zum Einsatz. In konsequentester Form geschah das zuallererst bei der Reference 104 aus dem Jahre 1973, die sich einige Jahre später mit ähnlicher Bestückung, aber in etwas modernerem Outfit, als KEF Calinda präsentierte. Sie gehört noch heute zu meinen Vintage-Lautsprecherlieblingen.
Es ist aber nun keineswegs notwendig, an dieser Stelle die komplette, immerhin sieben Generationen umfassende „Reference“-Ahnenreihe abzuhandeln, um zur hier vorgestellten Reference 1 zu gelangen. Vielmehr weisen alle Reference-Modelle von KEF von Anbeginn eine gemeinsame Konstruktionsprämisse auf: die Forderung nämlich, den ursprünglichen Klangeindruck des Aufnahmeraums (was den am Mischpult erschaffenen, künstlichen Raum ausdrücklich miteinbezieht) möglichst originalgetreu in den Hörraum oder das Wohnzimmer zu transferieren. Ein hehres Ziel, ist es doch leicht nachvollziehbar, dass da der Hörraum mit seinem eigenen, komplexen Reflexionsgewitter akustisch erheblich dazwischenfunkt.
Allerdings fanden die cleveren KEF-Ingenieure heraus, dass es weniger die Reflexionen an sich sind, die den Klang beinträchtigen, sondern vielmehr ihre Klangfärbung – und die wiederum wird im Wesentlichen von den Lautsprechern selbst geprägt. Bekanntermaßen gilt ja: Wie der Lautsprecher in den Hörraum hineinruft, so schallt der wieder heraus. Darum nützt es nur wenig, wenn ein Lautsprecher einzig auf seiner akustischen Achse einen ausgeglichenen Amplitudenfrequenzgang aufweist – eine authentische Abbildung der Aufnahme-Räumlichkeit ist nur mit solchen Lautsprechern möglich, bei deren die gesamte in den Raum abgestrahlte akustische Energie möglichst gleichmäßig über das Frequenzspektrum verteilt ist – oder technisch ausgedrückt: die ein möglichst frequenzunabhängiges Abstrahlverhalten besitzen.
Das lässt sich am kompromisslosesten mit koaxial aufgebauten Schallwandlern erzielen, da sich deren Abstrahlverhalten nicht nur weitgehend frequenzkonstant, sondern darüber hinaus auch unabhängig vom Abstrahlwinkel gestalten lässt. Auch kennen sie nicht die bei herkömmlichen Mehrwegesystemem häufig auftretenden, akustisch wandernden Richtkeulen und Pegeleinbrüche, die durch Phasendrehungen der Frequenzweichenfilter im Übernahmebereich der Chassis entstehen.
So wundert es nicht, dass bei KEF koaxiale Schallwandler schon seit mehr als 25 Jahren zum Einsatz gelangen – ihren Einstand gab die „Uni-Q“ genannte Technologie 1989 in der Reference 105/3. Seitdem haben die Briten Uni-Q beständig weiterentwickelt, zuletzt für die KEF-Topmodelle Blade und Blade Two: Diese jüngste Generation der Koaxialtreiber kombiniert einen 125-Millimeter-Alumembran-Mitteltöner mit einer 25-Millimeter-Aluminium-Kalotte. Besonders ausgefuchst finde ich dabei das „Tangerine Waveguide“ genannte Gitter über der Hochtonkalotte, das den durch ihre Krümmung bedingten Geschwindigkeitsabfall zum Rand hin kompensiert – aber Moment, ich soll ja nicht soviel über Technik schreiben … 😉


Eben genau diesen exklusiven Koaxialtreiber aus der Blade verwendet nun auch die Reference 1 und kombiniert ihn mit einem 16-Zentimeter-Basstreiber, der es ebenfalls in sich hat. Augenfälligstes Merkmal ist dabei seine leicht konkav geformte Aluminiummembran. Dadurch weist der Tieftöner auf der Schallwand eine geringe Profiltiefe auf, sodass das Abstrahlverhalten des benachbarten Koaxialstahlers nicht negativ beeinflusst wird. Die mechanische Verbindung von Membran und Schwingspule erfolgt dabei über einen leichten „Korb“ („Vented Coupler“), der ebenfalls in der Blade erstmalig zum Einsatz kam. Diese Lösung in Verbindung mit einer Polkernbohrung von großem Durchmesser verhindert wirkungsvoll Membrantaumeln durch Luftwirbel, was einen niedrigen Klirrgrad bewirkt. Interessant auch der Magnetantrieb des Tieftöners mit einer recht langen Schwingspule bei kurzem Luftspalt: Das stellt eine hohe thermische Belastbarkeit sicher, wobei die elektrischen Kennwerte auch bei sehr großen Auslenkungen stabil bleiben.
KEF Reference 1Als stabile Basis für Koaxialstrahler und Tieftöner dient der Reference 1 eine Sandwich-Schallwand aus hochqualitativen Aluminumplatten mit dämpfendem Layer aus Harzkomposit. Das Ganze ist elastisch mit dem Boxengehäuse verbunden, was die Übertragung von Körperschall wirkungsvoll unterbinden hilft. Ein echter Hingucker ist dabei die eingefräste, ebenfalls leicht konkave Schallführung (Waveguide) für den Koaxialstrahler, die sein Bündelungmaß im Übergangsbereich an den Tieftöner anpasst. Generell besticht die Reference 1 durch eine wirklich piekfeine Verarbeitung (made in England), die sich auch in einem sportlichen Preis niederschlägt, sowie etliche ausgeklügelte Detaillösungen. So kommt beispielsweise das robuste Bi-Wiring-Terminal ohne lästige Drahtbrücken aus: Die Verbindungen lassen sich durch einfaches Auf- oder Zuschrauben separater Klemmkontakte trennen oder schließen. Ausgesprochen praktisch auch die variable Bassreflexöffnung, die sich mit kurzem oder langem Weichgummi-Einsatz akustisch an unterschiedliche Aufstellungsbedingungen anpassen lässt. Meine Ausführungen beziehen sich in erster Linie auf die “kurze” Variante des Bassreflexrohrs, das für einen etwas steileren Abfall zu sehr tiefen Frequenzen hin sorgt, dafür im Grundton etwas fülliger/satter aufspielt, was mir bei einer freien Aufstellung im Raum besser “schmeckt”. Sie ahnen richtig: Welche Rohrbestückung man bevorzugt, ist tatsächlich zu einem guten Teil Geschmackssache – und leicht herauszufinden: Der Wechsel von einem zum anderen Rohr ist mit wenigen Handgriffen erledigt.
Nun zum Klang: Die KEF-Lautsprecher vorheriger Generationen mit Uni-Q-Koaxialtreibern habe ich allesamt in guter klanglicher Erinnerung. Allerdings zeigten sie sich für mich im oberen Mitten- und Präsenzbereich bei allen Qualitäten stets etwas zurückhaltend abgestimmt. Mit dieser, wohlwollend ausgedrückt, betont “unaufdringlichen” Spielweise hat die Reference 1 nun nichts mehr am Hut. Sie kommt deutlich ausgewogener, direkter und frischer daher und musiziert ungemein griffig, konturiert, sauber durchzeichnend, aber auch „tonfüllend“ und homogen. Zudem ist sie auch noch tonal ausgewogen. Dabei verteilt sich Ihr Klangbild nicht wie bei den meisten Mehrwege-Lautsprechern auf mehrere, vertikal übereinander getürmte Ebenen, was ein räumlich besonders ausgeprägtes Klangbild vorgaukelt. Vielmehr spielt “die kleine große” KEF absolut geschmeidig und bruchlos über den gesamten Frequenzbereich aus ihrer akustischen Mitte heraus. Angenehm auffällig hierbei, dass sie sich in Sachen Bündelung nicht wie Horn-Koax-Lautsprecher auf den Hörplatz-Sweetspot beschränkt, sondern homogen ein relativ großes Hörfeld ausleuchtet.
Naturgemäß ist die Reference 1 mit ihrem 16-Zentimeter-Tieftöner nicht der ultra-pegelfesteste Schallwandler der Welt, dennoch gelingt es ihr überraschend mühelos, den gut 30 Quadratmeter großen FIDELITY-Hörraum auch im Bassbereich mit standesgemäßen Pegeln zu füllen. Erstaunlich auch ihr Differenzierungsvermögen in tiefen Lagen. So schafft sie es beispielsweise, beim wunderbar filigranen „Song For Olabi“ der dänischen Formation Bliss herauszuarbeiten, dass der tiefe Bass kein einzelner, sondern ein gleitender Ton ist. Oder auch, dass im Intro von Kyrstyn Pixtons „Bead On The Wind“ zwei unterschiedlich tief gestimmte Bass-Drums den Beat vorantreiben. Sehr schön dabei auch ihr trockener, aber trotzdem praller „Slam“. In puncto Antrieb sollte nur dafür gesorgt sein, dass der angeschlossene Verstärker genug Leistung bereitstellen kann, dann passt alles. Und die bombenfeste Verschraubung mit ihrem optionalen Ständer ist ebenfalls sehr empfehlenswert.


Persönlich imponiert mir übrigens die Konturenschärfe der Reference 1 am meisten, dicht gefolgt von der räumlich kompakten Verpackung des Klangbildes, die dennoch bei Diffusschall wie Raumhall oder gewollten „Phasenspielchen“ erlebbare Raumfülle offenbart. Wunderbar auch das vollreife Klangfarbenbouquet wie bei „Swoon“ vom exzellent klingenden Album „Soul Visions“ der amerikanischen Formation Rising Appalachia & The Human Experience.
Kurzum: Die KEF Reference 1 ist ein durchaus kostspieliger, aber auch trotz bescheidener Größe ein in jeder Hinsicht feiner und “gewichtiger” Lautsprecher. Sie verbindet Wärme, Fülle und Präzision aufs Feinste und besitzt zudem wahre Monitor-Qualitäten. Mit einem potenten Leistungslieferanten an ihrer Seite beweist sie eindrucksvoll, dass sie nicht nur ihren Familiennamen, sondern auch den legendären KEF-Adelstitel “Reference” zu Recht trägt. State of the art? Yes, indeed.

 

KEF Reference 1
Kompaktlautsprecher

Prinzip: 3-Wege-Bassreflex mit koaxialem Mittelhochtöner
Nennimpedanz: 8 Ω (min. 3,2 Ω)
Wirkungsgrad (2,83V/1m), Herstellerangabe: 85 dB
Bestückung: 165-mm-Tieftöner mit Aluminiummembran, 125-mm-Koaxialtreiber mit Aluminium-Membran und 25-mm-Aluminiumkalotte
Besonderheiten: “Uni-Q driver array”, “Tangerine Waveguide”, Bi-Wiring-Terminal mit integrierter, zu- oder wegschaltbarer Brückung; integrierte Gewindebuchsen für fixe Montage auf optionalen Stativen (1200 €/Paar)
Ausführungen: Sandwich-Schallwand in titanfarbenem Aluminium, Gehäuse in Deep Piano Black oder Satin American Walnut, Luxury Gloss Rosewood (Aufpreis 600 €/Paar)
Garantiezeit: 5 Jahre
Gewicht: 18,2 kg
Maße (B/H/T inkl. Terminals): 20,5/44/43 cm
Paarpreis: 6000 €

 

GP Acoustics GmbH
Kruppstraße 82–100
45145 Essen
Telefon 0201/17039-130

 

www.gpaeu.com

 

Sämtliche Messungen zur KEF Reference 1 finden Sie hier:

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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