Jazzidelity: Besaxung – Hotzenwald

 

Alarmstufe Rot

Besaxung

Besaxung – Hotzenwald
CD/double moon

An den Namen muss man sich erst mal gewöhnen. „Besaxung“ – das klingt nach Besatzung, Beschallung, Besamung, Behexung, Bescherung, jedenfalls nach einer ziemlich einseitigen Angelegenheit. Und obendrein sind wir es, die Hörer, die hier mit dem Album Hotzenwald gnadenlos beschallt und besaxt werden. Gleich in „Viskovic“, geht es los und ab, heftig und wild und anarchisch wie einstmals bei Jackie McLean oder Thomas Chapin selig. Der da seine saxophonistische Spur neben so gewaltige Fußstapfen setzt, heißt Philipp Gerschlauer, ist 25 Jahre alt und kommt aus Laubach in Mittelhessen. Auf dem Papier ist das Quartett des jungen Altsaxophonisten eigentlich eine ganz konventionelle Jazzband – mit Piano, Bass und Schlagzeug dabei. Doch der packende, freie, aufgebrochene Swing von Besaxung hat so gar nichts Gemütlich-Nostalgisches, nichts von gediegenem Supper Club Jazz und gesetztem Mainstream. Diese Musik ist vielmehr dringlich, gegenwärtig, frech, überraschend und unabweisbar. „Red Alert!“, ruft sie in jedem Takt: „Alarmstufe Rot!“ Der Groove dieser Formation – o ja, die grooven: mal kräftig, mal raffiniert, mal subtil, mal versteckt – lullt niemals ein, sondern hält wach und in Atem. Das ist gut und richtig so, denn in diesen neun Stücken gibt es für den aufgeweckten Hörer in der Tat viel zu hören und zu bestaunen: verwinkelte, dolphyesk angeschrägte Motive, Sirenenklänge à la Lounge Lizards, Glissandi wie beim legendären Johnny Hodges. Und wenn Saxophonist Gerschlauer mal pausiert, dann halten Pianist Felix Roßkopf, Bassist Oliver Lutz und Drummer Thomas Sauerborn den Spannungsbogen auf geheimnisvolle Weise am Vibrieren. Der heftig besaxte Hörer saugt atemlos jede freche Phrase auf. Ganz offenbar haben diese vier jungen Musiker hier etwas wiederentdeckt, was im Jazz-Alltag schon fast verloren schien: die fesselnde Magie des vorwärtspreschenden Augenblicks. Chromatik und Dissonanz sind ihnen dabei Stilmittel der Spannung, Vamps und Pausen dienen als dramatische Effekte. Selbst die ruhigen Stücke – die überwiegen sogar! – bieten keine Verschnaufpause, sondern verlagern das Geheimnis nur auf eine andere dynamische Ebene; Hochspannung und Herzklopfen garantiert. Hier kann man es wieder lernen: Die Macht des Jazz kommt aus der Vermeidung der Konvention, nicht aus ihrer Bestätigung. Und wenn Jazz dabei so clever swingt, zaubert und fesselt wie bei Besaxung, wird ihm auch im 21. Jahrhundert die Luft so schnell nicht ausgehen.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 3 (5/2012)

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.