Audiolab 8300A – Zurück in die Zukunft

Eine Legende kehrt zurück: Nach über drei Jahrzehnten schickt Audiolab mit dem Vollverstärker 8300A den legitimen Nachfolger des Camtech ins Rennen.

Wir schreiben das Jahr 1983. Thriller von Michael Jackson hat Platz eins der US-Charts für sich gepachtet. Deutschland hat mit Nena ein neues Fräuleinwunder („Nur geträumt“), im Rockpalast auf der Loreley spielt neben Joe Cocker, Steve Miller, Dave Edmunds und den Stray Cats eine Band mit einem erklärungsbedürftigen Namen, deren Song „Sunday Bloody Sunday“ hierzulande kaum jemand kennt. Auf den Musikmessen stellt unterdessen die Firma Yamaha ein Gerät mit der Bezeichnung DX7 vor. Noch ahnt niemand, dass dieser Synthesizer und Horden von jungen Leuten mit Gelfrisuren den Sound der Popmusik für immer verändern werden.


Der Rest ist Geschichte – und man darf mit Fug und Recht annehmen, dass ein beträchtlicher Teil dieser Geschichte vielfach über eine Komponente in die Wohnstuben hineinverstärkt wurde: Im gleichen Jahr erblickte nämlich die Firma Audiolab das Licht der Welt. Mit ihrem ersten Gerät, dem integrierten Verstärker 8000A, erschuf sie nicht weniger als eine Legende des britischen Verstärkerbaus: saugut, nicht zu teuer, die perfekte Wahl für jemanden, der sich etwas Vernünftiges zulegen will, ohne gleich das Eigenheim zu verpfänden. Der 8000A war anspruchslos genug, sich in nahezu beliebige Geräteparks einzufügen, und anspruchsvoll genug, highendige Bühnen zu projizieren und sich tonal neutral zu verhalten. Ein unaufgeregtes Gerät ohne Allüren, das anstandslos Musik machte: Einsteigeranlagen hievte es auf das nächste Level, in audiophiler Geräteumgebung wuchs es über sich hinaus. 14 Jahre wurde das in Deutschland unter dem Markennamen Camtech verkaufte Gerät gebaut, auf Ebay trifft es auf anhaltendes Interesse und erzielt anständige Preise. Denn robust und haltbar war die Kiste aus Cambridgeshire auch noch.
Mehr als 30 Jahre später erscheint nun mit dem Audiolab 8300A der erste von Grund auf neu entwickelte Nachfolger. Folgte das Modell 8200A im Wesentlichen noch dem Schaltungsdesign des Vorgängers, so hat man nun buchstäblich von vorne angefangen: Am Anfang war das Display, hinter dem man den Verstärker vollständig neu aufbaute. Vorbei ist es nun mit den rastenden Schaltern, die den Vorgänger fast so japanisch aussehen ließen wie den DX7 von Yamaha und in der elitären Welt der Highender für das obligate Naserümpfen sorgten. Auch Klangregler sucht man nun vergeblich – die neue Optik ist schlicht, spartanisch und edel, ganz wie es sich für eine exklusive Audiokomponente gehört. Das ovale OLED-Display in der Mitte nimmt die Rundungen der drei Endlos-Shuttleräder mit angenehmen Rastpunkten anmutig auf und gibt in einem satten Blau Auskunft über Quelle und Lautstärkeeinstellung in ganzen und halben Dezibel-Schritten sowie über den Betriebsmodus: Der 8300A kann wahlweise als Vollverstärker, Endstufe oder Preamp eingesetzt werden. Sämtliche Einstellungen werden über das Display vorgenommen, was beeindruckend leicht von der Hand geht. Ein schöner Kniff: Ein kurzer Druck auf den Pegelsteller versetzt den Verstärker in die Mute-Einstellung – praktisch, wenn das Telefon klingelt und der Nachbar sich über zu starken nächtlichen Schalldruck beschwert.
Und so etwas kann durchaus vorkommen: Mit 75 Watt pro Kanal ist der Neuling mit mehr Power gesegnet als seine Ahnen. Drinnen wacht ein Prozessor darüber, dass nichts anbrennt: Er unterscheidet, ob es sich um einen kurzzeitigen Peak von plötzlich einsetzenden Pauken und Trompeten oder Dauer-Disco handelt und regelt den Amp bei Bedarf mittels „Protection Mode“ ab.
Ein kluger Mann hat mal gesagt, dass ein perfekter Verstärker im Grunde genommen aus nichts weiter als einem Stück Draht besteht – einem Stück Draht, das auf geheimnisvolle Weise an einem Ende höheren Output aufweist, als an seinem anderen als Input anliegt. Beim Audiolab 8300A sind es gewissermaßen zwei Drähte. Jan Ertner, für Eingeweihte kein Unbekannter in Sachen Verstärkerschaltung, hat dem 8300A ein Dual-Mono-Design verpasst. Zwar gibt es nur einen Netzstecker, danach aber geht der Strom getrennte Wege: Für links und rechts wurden im Leistungsverstärker neben der separaten Stromversorgung Doppelstrukturen aufgebaut und im Sinne einer möglichst vollständigen Kanaltrennung weitestgehend voneinander entfernt gehalten. Der 8300A arbeitet für gewöhnlich in AB-Betriebsart. Auch hier wurde nichts unversucht gelassen, Übernahmeverzerrungen im Dienste der Linearität zu minimieren. Und die Schaltung schaltet und waltet auf die coole Tour: Richtig heiß wird er nie.
Nehmen wir den Audiolab also auf als Mitglied der Wiedergabekette: Neben fünf unsymmetrischen Line-Eingängen gibt es auf der Rückseite auch ein Paar XLR-Buchsen sowie Anschlussmöglichkeiten, um den Verstärker wahlweise durch einen externen Preamp beschicken zu lassen oder ihn Monoblöcke oder Subwoofer befeuern zu lassen. Auch ein Plattenspieler lässt sich mittels Cinch als Quelle anschließen. Mit einem leichten Druck auf den Mode-Regler kann man die Phonosektion zwischen MM und MC umschalten.


Empfangen wir den 8300A nun würdig mit einem musikalischen Gruß aus dem Jahr 1983, als die Welt noch in Ordnung war: „Michael Jackson ist ein leuchtendes Beispiel dafür“, so sollte Ronald Reagan bei einer Laudation im Weißen Haus sagen, „was man mit einem Lebenswandel fern von Alkohol- oder Drogenmissbrauch alles erreichen kann.“ Damals fand nämlich die Single Beat It vom Thriller-Album Verwendung in einer Gesundheitskampagne für junge Leute. Das Stück öffnet die Pforten der Wahrnehmung tatsächlich statt mit LSD mit den markerschütternden Gong-Sounds des Synclaviers, die der Audiolab schon mal höchst amtlich in den Raum stellt. In dem dann beginnenden Song wird einiges geboten: Es kracht und knallt, rasselt und zischt. Die programmierten Percussion-Layer entwirrt der 8300A mühelos, und auch das Klopfgeräusch – just before Eddie van Halen in sein wohl berühmtestes Gitarrensolo einsteigt – ist in der beeindruckend aufgeschichteten „Wall of Sound“ deutlich zu vernehmen. Man kann den Achtzigern ja vieles vorwerfen – aber Angst vor Überproduktion hatte damals wirklich niemand. Die Produzenten der damaligen Zeit, so will es scheinen, setzten beim Publikum offenbar selbstverständlich den Besitz einer entsprechend hochwertigen Wiedergabekette voraus.
Hören wir im Vergleich, wie Musik heute produziert wird. Jack White tut ja gern so, als wäre er eine Art Quincy Jones der Jetztzeit. Seine Produktionen klingen stets ganz besonders authentisch und rückwärtsgewandt, man möchte glauben, er hätte das alles mit einem hübschen Stereomikrofon in einer hochromantischen Südstaatengarage aufgenommen. Ein Beispiel hierfür ist Van Lear Rose, das vielbeachtete Comeback der Country-Ikone Loretta Lynn. Es braucht schon eine ziemlich schonungslose Wiedergabe, um auf das Sounddesign nicht hereinzufallen. Der 8300A legt alles gnadenlos offen: Statt einer Aufnahme nach historischem Vorbild ist doch alles nur fauler Protools-Zauber: Das Schlagzeug ist kein Schlagzeug, sondern eher ein Loop; die Gitarre wurde nicht über ein altes Röhrenradio verstärkt, sondern wohl eher durch ein entsprechendes Plug-in gejagt … nun ja: Der 8300A ist ja nicht dafür zuständig, Musikproduktionen zu veredeln. Er soll ja nur das verstärken, was da ist.
Ob das Geschrei von Slayers God Hates Us All oder die fein ziselierten Läufe von John Patitucci auf One More Angel, die Hallfahnen auf „Back To Light“ von Bomb The Bass oder die Baritonstimme von Herzog Blaubart in der Bártok-Oper A Kékszakállú Herceg Vára: Nein, musikalische Vorlieben hat der Audiolab 8300A wahrlich nicht. Satte Bässe pumpt er in den Raum, wenn sie da sind, crispe Höhen stellt er strahlend dar, wenn das Material sie hergibt. Dabei klingt er nicht so nüchtern und gläsern wie der vergleichsweise herangezogene Creek, dessen Zurückhaltung bisweilen ins Kristallin-Blutleere lappt. Der Audiolab musiziert deutlich musikalischer und räumlicher. Insbesondere auf Langstrecke überzeugt er: Er spielt sich nie in den Vordergrund, lässt die Musik Musik sein – und doch erweckt er den Eindruck von Verve und Esprit. Ein alltagstaugliches Gerät, an dem man lange Freude haben wird – wenn er es seinem Ahnen gleichtut, sogar die nächsten Jahrzehnte …

Audiolab 8300A Vollverstärker Navigator

Audiolab 8300A

Funktionsprinzip: Stereo-Vollverstärker
Ausgangsleistung (8 Ω): 2 x 75 W
Eingänge: 6 x Line (5 x Cinch, 1 x XLR), 1 x Phono MM/MC (Cinch), 1 x Vorstufeneingang (Cinch)
Ausgänge: 2 Paar Lautsprecher, 2 x Vorstufenausgang (Cinch)
Besonderheiten: Dual-Mono-Aufbau, Systemfernbedienung
Ausführungen: Aluminium (schwarz, silber)
Maße (B/H/T): 44/8/33 cm
Gewicht: 7,8 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 1400 €

 

IAD GmbH, Johann-Georg-Halske-Str. 11, 41352 Korschenbroich Telefon 02161 617830

 

www.audiolab-deutschland.de

 

Mitspieler
CD-Player: Creek Evo 2
Verstärker: Creek Evo IA
Lautsprecher: Neat Momentum 4i, Inklang Advanced Line 13.4, Bryston Mini A

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.