Jazzidelity: Georg Breinschmid – Fire

 

Wiener Kabarett-Humor

Zu den bekanntesten Jazz-Errungenschaften aus Wien gehörte einmal das Vienna Art Orchestra (VAO). 33 Jahre lang stand dieses Ensemble für eine pointierte Mixtur aus verschärftem Jazz, fortgeschrittener Parodie und Wiener Schmäh. Der Kontrabassist Georg Breinschmid, der von 1999 bis 2006 selbst dem VAO angehörte, scheint das 2010 aufgelöste Ensemble auf seine Art beerben zu wollen. Dafür allerdings trägt er die VAO-Rezepte von der Bigband-Bühne ins Club-Kabarett-Format, übersetzt sie aus dem Orchestral-Komplexen ins Handfest-Kleinformatige. Im Trio mit den Brüdern Roman und Frantisek Janoska (Violine und Piano) und im Duo mit Thomas Gansch (Trompete) versteht er es, ein Jazzpublikum ebenso virtuos wie urkomisch zu unterhalten. Dabei galoppiert das Trio, „Brein’s Café“ genannt, unwiderstehlich durch Jazz, Samba, Walzer, Polka, Csárdás und Musette – spieltechnisch begeisternd und zugleich durchsetzt mit parodistischen Übertreibungen und humorvollen Bruchstellen. Das Duo mit Gansch (ebenfalls ex-VAO) schlägt dagegen eine direkte und natürliche Brücke zwischen improvisiertem Kammerjazz und satirischem Kabarettsong – so als wäre der Swing direkt aus dem Wienerlied geboren.

georg breinschmid

Georg Breinschmid – Fire
CD/Preiser Records

Wenn Georg Breinschmid – einst ein Wiener Philharmoniker – den Jazzbass zupft, vermisst man eigentlich kein weiteres Instrument: brillante Technik, unwiderstehlicher Groove, und das sogar im 7/4-Takt, seinem „ungeraden Lieblingsmetrum“. Und ebenso selbstverständlich, wie sich andere auf Gitarre oder Piano begleiten, begleitet „Brein“ seinen Gesangsvortrag einfach mit dem Bass. Mit Thomas Gansch, dem Trompeter, swingt er mühelos um die Wette, teilt mit ihm aber auch das Talent zur Komik. Ihr „Herbert Schnitzler“ ist ein jazziger Song in der Art der deutschen Nachkriegsschlager – mit witzigem Duettgesang und einem unvergesslichen Refrain: „Vorübergehender Gedächtnisverlust / Partielle Amnesie“. Das singt sich übrigens ganz wunderbar. In den knappen, ironischen „Jazz-Gstanzln“ behandeln „Brein“ und Gansch im Dialekt-Traditionsstil gar die Befindlichkeit des Wiener Jazzmusikers, eingeklemmt zwischen Konservatorium und Grundsicherung, zwischen Dixieland-Mucke und Avantgarde-Förderung. Absolut preisverdächtig sind dabei Reime wie „Die fesche Resi / Die steht auf Count Basie“ oder „Wann ich so spielen könnt wie der Michael Brecker / Dann schichtete ich nicht Regale beim Schlecker“.

Sparsam instrumentiert ist die Musik auf Fire, Kleinbühnenmusik ohne Drums, aber entschlossen swingt und fetzt sie los und bleibt immer ein Stück weit unberechenbar. In den Songs reagieren die Musiker laufend auf den Text, zitieren Klischees, auch dissonante, und setzen Widersprüche. Stilistisch übergangslos verwandelt sich Thomas Gansch von einem Louis Armstrong in einen Lester Bowie und wieder zurück. Bravourös zitieren die Janoska-Brüder ergreifende Kaffeehaus-Sentimentalitäten, reißerische Instrumentaltechnik oder halsbrecherische Tzigan-Effekte. Und haben dann kein Problem damit, all das im nächsten Moment selbstironisch ins Extrem zu treiben oder improvisierend aufzulösen in etwas ganz anderes. Bebop und Samba, Scat-Gesang und Geigen-Pizzicato: Auf der Wiener Humor-Ebene kommen sie alle zusammen.

Seine kleinen Songs beschreibt Georg Breinschmid im Booklet als „hochdramatisches Meisterwerk“ oder „leuchtende Beispiele abendländischer Dichtkunst“. Das ist natürlich pure Ironie. Das Album Fire erfindet nichts neu. Es entwickelt weder unbekannte Harmoniesysteme noch innovative Techniken der Improvisation oder andere jazzgeschichtlich bedeutsame Neuerungen. Aber es macht eine kleine Entdeckung: dass inspirierter Virtuosen-Jazz und scherzhafte Kabarett-Unterhaltung wunderbar zusammenpassen. Dieser Jazz ist Publikumsmusik, Rampenmusik, Gebrauchsmusik auf höchstem Spielniveau. Nicht Kleinkunst, sondern: Mehrkunst. Denn Breinschmid bietet mehr als nur Jazz, er bietet ein Surplus. Jetzt muss das ernsthafte Jazzpublikum nur noch lernen, gleichzeitig fachmännisch mit der Zunge zu schnalzen und dabei – lauthals zu lachen.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 1 (3/2012)

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