Jazzidelity: Louis Sclavis Atlas Trio – Sources

 

Die Stunde Null

Eine Symbolfigur des europäischen Jazz ist er lange schon: Der heute 59-jährige Klarinettist und Saxofonist Louis Sclavis machte in der französischen Free-Jazz-Szene der Siebzigerjahre erstmals von sich reden. Sclavis gehörte auch zu den Aktivkräften der „Folklore Imaginaire“ der späten Achtziger, einer Spielart improvisierter Musik, die nicht auf amerikanischen Traditionen beruhte, sondern sich europäische und mediterrane Anregungen suchte. Elemente der Neuen Musik, der Folklore, der Renaissance – oder auch Balkan-, Afrika- und Orient-Einflüsse – schießen in Sclavis’ Musik auf raffinierte Art zusammen und bringen ultimative Improvisationen zur Zündung. Auch wenn Amerikanismen wie Blues und Swing kaum eine Bedeutung bei ihm haben, ist Sclavis’ Spiel immer von der Abenteuerlust des Jazz beseelt. „Wenn du mich hörst, weißt du, dass ich ein Jazzmusiker bin“, sagt er. „Die Art, wie ich arbeite, ist die Jazz-Art.“ Und er arbeitet unentwegt: „Ich habe immer die Hände in der Schmiere. Ich gönne mir nicht den Luxus, Seelenzustände zu haben. Eine Auszeit nehmen, Abstand gewinnen, sich über die einzuschlagende Richtung klar werden – das ist nicht mein Ding. Ich mache Sachen. Das ist meine Art voranzukommen.“ So stapelt Louis Sclavis, Europas großer Musik-Visionär und genialer Improvisator, seit vielen Jahren ein Projekt aufs andere – und überrascht sich und seine Hörer dabei immer wieder. Vielleicht hat nicht jedes seiner Projekte die Grundmauern unseres Musik-Erlebens vollkommen erschüttert. Aber ein berechenbares, ein durchschnittliches Album hat Sclavis noch nie gemacht.

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Louis Sclavis Atlas Trio – Sources
CD/ECM

Die neue CD „Sources“ gehört in die oberste, die epochale Kategorie. Sie ist wohl Sclavis’ bedeutendstes Album seit einem Jahrzehnt oder länger. Auf drei Musiker – er nennt sie das Atlas Trio – hat er seine neue Band hier beschränkt: Da ist er selbst an Bassklarinette und Klarinette, Benjamin Moussay an Klavier, E-Piano und elektronischen Keyboards und Gilles Coronado an der E-Gitarre. Kein Saxofon diesmal, kein Bass, kein Schlagzeug. Ebenso unkonventionell und konzentriert wie diese Trio-Besetzung ist die Musik: Ausgedehnte Themen von rasanter Virtuosität verbinden sich mit pulsierenden Grooves; rockige und elektronische Sounds schaffen geheimnisvolle Ereignisräume; minimalistische, punktuell versetzte Muster steigern sich ins Ekstatische – und münden zuweilen in überraschenden Klangwelten. Sclavis’ Kompositionen sind in der Regel abstrakt, chromatisch, wild zerklüftet. Aber: Sie verlieren dabei nie ihren musikantischen, rhythmusbetonten Schwung. Und der wiederum speist die unerhörten Aktionen aller drei Musiker: Völlig unberechenbar, völlig genial stoßen die drei in die Räume und Texturen vor, entwickeln Improvisationen mit- und gegeneinander, bilden Vernetzungen von frappierender Überzeugungskraft, erfüllen die Konstruktionen mit körperlicher Wirklichkeit, entfalten – losgelöst von traditionellen Rollen – den elementaren Reiz ihrer Instrumente und zaubern eine Art Kammermusik des Augenblicks. „Ich habe Dinge für dieses Projekt geschrieben, die mich in Regionen führten, die ich nie zuvor bereist habe“, sagt Sclavis. „Im Kollektiv nahm die Musik neue Gestalt an. Es ist Musik, die für diese Gruppe konzipiert wurde und nicht existieren konnte, bevor wir sie spielten. Sie erinnert an nichts anderes.“ In der Tat möchte man für sie beinahe eine neue Genre-Bezeichnung erfinden – vielleicht: Atlas-Musik. Die Heldentat dreier Titanen, die das klingende Himmelsgewölbe für uns hochstemmen – mit neuer Energie und neuen Ideen. Denn „Sources“ ist Musik von unbedingter Originalität, unkonventionell, unberechenbar. Dabei streng gedacht, fantasievoll umgesetzt, weiträumig ausschwingend, voller Groove, spannend in jeder Sekunde, überwältigend in der Summe, ganz im Jetzt – die Stunde Null. Vielleicht die Stunde Null eines neuen Jazz.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 3 (5/2012)

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