Auf „ganz fest“ folgt „ganz lose“.

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

Kann das sein? Hat der mich jetzt tatsächlich gebeten, die Schuhe auszuziehen? Das war doch bestimmt ein Scherz – obwohl, er lächelt gar nicht. Hat der denn keine Angst vor den möglichen Folgen für seinen olfaktorischen Wahrnehmungsapparat, wenn am Ende eines bewegungsreichen Arbeitstages das im Inneren meiner Schuhe hermetisch veschlossene Kleinbiotop plötzlich mit der sauberen Innenluft seines Hauses in Konflikt gerät? In einem solchen Fall setzt sich immer das aggressivere Medium durch, das weiß man doch. Da ist die Stimmung schon im Eimer, bevor der Abend begonnen hat. Meine Schuhe sind sauber, daran kann es nicht liegen.
Er lächelt immer noch nicht, also meint er es wohl bitterernst. Soll ich wieder gehen? Er scheint ja ganz nett zu sein – ich denke, ich bleibe. Anscheinend hat er gemerkt, dass ich mit mir kämpfe. Im ganzen Haus sei heller Teppichboden verlegt, der sei sehr empfindlich! Und ich? Vielleicht bin ich ja auch empfindlich, wenn ich mich vor fremden Menschen entkleiden soll. Dann hätte der Teppichboden eben nicht Teppichboden werden dürfen, wenn er keine Schuhe verträgt. Augen auf bei der Berufswahl! Nun denn, geben wir uns einen Ruck und dem Abend die Würze, die er verdient. Glück gehabt, die Luftverschmutzung hält sich in Grenzen, aber ich fühle mich ohne Schuhe echt unwohl, wie nackt irgendwie, was ja auch stimmt irgendwie. Doch nun: Auf ins Hobbyzimmer!
Jetzt wird mir einiges klar. Alles Ton in Ton, wie in der Ausstellung eines Möbelhauses oder im Operationssaal eines Krankenhauses. Über Geschmack kann man bekanntlich streiten, zumindest wenn es da etwas gibt, über das es sich zu streiten lohnt. Dass es überhaupt so viele verschiedene Weißtöne gibt. Wer stellt eigentlich all die Komponenten einer Musikanlage in Weiß her? Klar, welche Farbe auch das Sofa hat, aber bei allem Zuvorkommen meinerseits: Meine Hose lasse ich an. Es gibt Grenzen! Nichts liegt herum, nichts ist undekoriert, alles ist tot. Das Zimmer wirkt wie unbewohnt. Mir ist schon langweilig, bevor überhaupt die erste Platte läuft. Daran ändern auch die sorgsam eingefügten güldenen Farbtupfer nichts. Weiß und Gold – ein Synonym für Ambiente.
Jetzt spielt endlich Musik, endlich kann ich etwas entspannen. Das tönt ja gar nicht mal so schlecht, aber noch überwiegt Pessimismus, was den weiteren Verlauf des Abends anbelangt. Augen zu, Ambiente ausblenden – das macht ja richtig Spaß. Die lange Anfahrt war vielleicht doch nicht umsonst. Warum springt der denn jetzt auf? Verzerrungen? Ich habe keine vernommen, aber wenn er meint, soll er den VTA am Plattenspieler eben „kurz einstellen“. Sorgfalt ist schließlich wichtig, denn die war die Grundlage für den Erfolg von „Made in Germany“. Man kann aber auch alles übertreiben. Und wie wir das können! In keinem anderen Land werden die Holzapplikationen der Autoarmaturen dermaßen perfekt lackiert, dass sie nachher wie Kunststoff aussehen. Autoschrauber kennen das: Nach „ganz fest“ kommt „ganz lose“. Jetzt stellt der auch noch die Auflagekraft ein. Hallo, das ist Freizeit, genieße sie, entspann dich, lass dich fallen. Das gelingt dem Armen aber nicht, da ist der eigene Schatten zu lang, um darüber hinwegzuspringen. Irgendwie tut er mir ja leid in seinem Hamsterrad ohne Ausstieg.
Ah, jetzt geht es weiter, mit anderer Musik. Warum das denn? Die letzte Aufnahme war ihm nicht gut genug produziert. Dafür war die Musik klasse im Gegensatz zu der Aneinanderreihung selbstverliebter Klänge, die ich jetzt ertragen muss. Hätte ich Schuhe an, würde ich weglaufen. Glücklicherweise dauert das verkopfte Gezirpe nur wenige Minuten, dann folgt eine Ansprache über die segensreiche Wirkung der eingesetzten Tonabnehmerverkabelung, gefolgt von der salbungsvollen Reinigung der Abtastnadel. Mein Blutdruck steigt, ich werde nervös und bekomme Kopfschmerzen, die mir endlich den Anlass liefern, um diesen grauenvollen Ort vorzeitig zu verlassen. O Gott, jetzt hätte ich doch fast meine Schuhe vergessen …

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