Jazzidelity: Die Enttäuschung – Vier Halbe

 

Die Schönheit der Unschärfe

Bei den ersten Platten von Ornette Coleman konnte man noch annehmen, die Bläser hätten einfach schlecht intoniert oder zu wenig geübt. Als dann aber Archie Shepp die Szene betrat und den brüchigen, heiseren, hohlen, verschmierten, verblassenden, verhuschenden Saxofonton zu seinem zentralen Ausdrucksmittel machte, kapierte es auch der Letzte: Der neue, freie Jazz der sechziger Jahre hatte die Schönheit der Unschärfe entdeckt. Nach dem kühl-exakten, technisch perfekten Jazz der späten fünfziger Jahre war das der eigentliche Schock. Die Bläser der Free-Schule haben das Verschmierte und Verschattete bald geradezu kultiviert, arbeiteten mit falschen Griffen, falschem Blasansatz oder gelockerten Saxofonblättchen, erkundeten Tontrauben, Klangblöcke, Multiphonics. Larry Ochs oder Heinz Sauer sind Virtuosen dieser kunstvollen Brüchigkeit des Saxofonspiels. Hört man aus heutigem Abstand die frühen Ornette-Coleman-Aufnahmen, könnte man sie vielleicht streckenweise tatsächlich noch für eine Art von Cool Jazz halten – wäre da eben nicht diese verschmierte Intonation.

Vier Halbe

Die Enttäuschung – Vier Halbe
CD/Intakt

Bei Die Enttäuschung ist das Verhuschte und Brüchige der beiden Bläser längst zum kultigen, liebgewordenen Markenzeichen geworden: dieses ungenaue Zusammenspiel, dieses souveräne „So-in-etwa“, dieses rumpelige „Nicht-so-wichtig“. An keinen Band-Sound der Jazzgeschichte erinnert Die Enttäuschung stärker als eben an den des frühen Ornette-Coleman-Quartetts. Nur dass Rudi Mahall – er schrieb rund die Hälfte der Stücke auf Vier Halbe – Bassklarinette und Baritonsax spielt und nicht Altsaxofon wie Ornette. Bekannt geworden sind die vier Originale aus Berlin einst durch hemdsärmelige Verbiegungen des schrillen Oeuvres von Thelonious Monk. Auf Vier Halbe dagegen findet sich nur Eigenes: 21 kompakte Stücke, selten mal über vier Minuten lang, mit definitiven, kürzelhaften Themen, die aber ins Ungefähre abdrehen, indem die Bläser eben nur annähernd dasselbe intonieren und dabei freiwillig-unfreiwillig in einen brüchig-falschen Kontrapunkt stolpern. Gleichzeitig wird hier frenetisch geswingt, fröhlich geboppt und fantasievoll gefreet. Der „Jitterbug Five“ erfindet Fats Wallers Walzer neu im Fünfvierteltakt, und das Stück „Gekannt“ definiert mal eben den Kosmos aller möglichen Jazz-Tempi. Eine „Enttäuschung“ wie diese ist ein Gewinn, denn sie sorgt für Klarsicht, den Verlust der Illusionen, das Ende aller billigen Tricks. Unterm Strich bleibt eine ungeschönte, täuschungsfreie, brüchig-stolze, würdevoll verschmierte Wahrheit. Große, verhuschte Kunst.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 6 (2/2013)

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