Die unvollendete Geschichte

Von der mesopotamischen Hochkultur nach Woodstock und noch weiter. Der lange Weg des populärsten Instruments der Gegenwart, der Gitarre

 

Die Gitarre ist heutzutage mit Abstand das beliebteste und am weitesten verbreitete Instrument. Sie ist Zentrum eines jeden Heavy-Metal-Konzerts, Rifflieferantin für zeitlose Rockklassiker und aus Folk- und Volksmusik nicht wegzudenken, während sie im klassischen Konzertbetrieb für intime und anspruchsvolle Musik steht. Und die Vielseitigkeit des Vielsaiters zeigte sich schon in seinen Anfängen

 

Die Frühgeschichte der Gitarre ist keine stringente Abfolge von geschichtlichen Fakten, eher ein Orientierungsversuch im Dickicht der Saiteninstrumente. Es gibt nicht den einen Ursprungsort oder das eine Jahr, in dem die Geschichte der Gitarre ihren Lauf nahm.

Am Anfang steht die Erkenntnis, dass eine Saite, über einen Bogen gespannt, Töne von sich gibt. Frederic Grunfeld umschreibt dies lyrisch in seinem musikhistorischen Standardwerk The Art and Times of the Guitar (1969): „Es ist dies ein ganz besonderer Augenblick in der Zivilisationsgeschichte des Menschen – dass er seine Pfeile beiseitelegt und den Bogen benutzt, um dazwischen Saiten anzuschlagen und Musik zu machen.“

Erste Saiteninstrumente wurden bereits 4000 v. Chr. in Mesopotamien bei den Sumerern nachgewiesen, ebenso wie es im alten Ägypten – einer weiteren Hochkultur – Frühformen von Saiteninstrumenten zu entdecken gab. Diese Gitarrenvorläufer waren denkbar simpel konstruiert: Ein langer Spießhals wurde durch einen Korpus gesteckt, meist ein Schildkrötenpanzer oder eine ausgehöhlte Kürbishälfte, mit einer Membrane bespannt und mit Saiten aus Darm versehen. Doch war es nur eine Saite oder waren es mehrere? Dies lässt sich ebenso wenig belegen, wie das Vorhandensein von Bundstäbchen. Die Musikwissenschaft bezeichnet diese antiken Konstrukte als „Spießhalslaute“ – was verwirrend ist, hat doch dieses Instrument nichts mit der Laute zu tun, wie wir sie aus der Renaissance oder dem Barock kennen. Eine unklare Begriffs- oder Beweislage begegnet einem noch öfter, wenn es gilt, die Geschichte von Saiteninstrumenten im Allgemeinen und der Gitarre im Speziellen zu erzählen.

Relief von Saqqara

Relief von Saqqara, ca. 1300 v. Chr.: Die Dame musiziert auf einer Spießhalslaute, bereits mit einem Plektrum!

Einen wichtigen Einfluss auf die Instrumentengeschichte im Reich der Pharaonen hatte der Einfall der Hetiter etwa 1600 v. Chr., denn aus Anatolien kommend, brachten sie bei ihrer Invasion über Syrien und Palästina auch die Spießhalslaute nach Ägypten. Bis dahin waren Bogenharfen, Trommeln und Rasseln die einzigen einheimischen Instrumente gewesen. Aus dieser Zeit stammen die ersten bekannten Abbildungen von Spießhalsinstrumenten.

 

Griechische Unschärferelation

apollo lyra delphi

Gott der Künste, insbesondere der Musik: Apollo mit Kythara. Delphi, ca. 460 v. Chr.

Die Übernahme des hetitischen Reiches durch Alexander den Großen 330 v. Chr. war der Schlusspunkt eines schleichenden, 1000 Jahre andauernden Untergangs. Just aus dieser Zeit entstammt eine griechische Darstellung, auf der ein Leierinstrument mit dem austauschbaren Namen Lyra oder Kythara zu sehen ist. Dabei hat keineswegs die Musikwissenschaft hier so lax geforscht, nein, die Griechen selbst hatten eine deutliche Unschärfe in der Bezeichnung der Instrumente.

Die Kythara oder Laute stellt gegenüber der Spießlaute bereits eine deutliche Weiterentwicklung dar. Aus dem Korpus ragten seitlich zwei Hörner, die mittels einer Querstrebe verbunden waren. Von dieser Querstrebe bis zum unteren Ende des Korpus wurden die Saiten gespannt. In der Musikwissenschaft lautet die Gattungsbezeichnung hierfür „Jochlaute“. Neben Lyra und Kithara gehörten auch der Barbiton und die Phorminx zu dieser Gattung. Anstelle der Membrane war nun eine massive Holzdecke getreten – ein enormer baulicher und auch klanglicher Fortschritt! Der vorherrschende Sprachgebrauch machte keinen allzu genauen Unterschied zwischen den einzelnen Saiteninstrumenten, so dass man zu Recht annehmen darf, dass auch die immer noch existierende Spießstablaute im Volksmund mit Kithara bezeichnet wurde. Unter dieser Bezeichnung fasste sie auch im römischen Weltreich Fuß. Sowohl Kithara als auch Jochlaute in ihren verschiedenen Erscheinungsformen hielten neben anderen kulturellen Errungenschaften durch die Hellenisierung Einzug bei den Römern.

In der Zeitrechnung schreiben wir nun bereits das Jahr 400 nach Christus. Ein weiteres bauliches Merkmal war zum Besseren hin verändert worden: Statt den Korpus einfach mit dem spießförmigen Hals zu durchbohren, wurde der Hals an den Korpus angesetzt. Bei den Ägyptern war zur gleichen Zeit, ja sogar noch bis 900 n. Chr. die koptische Kerblaute angesagt: ein ausgehöhlter Holzklotz als Resonanzkörper mit angesetztem Hals. Diese beiden Merkmale haben die Jahrhunderte überdauert und sind heute noch bei der akustischen Gitarre anzutreffen: ein von Menschenhand konstruierter und geschaffener Korpus – statt eines Schildkrötenpanzers oder einer Kürbishälfte – sowie ein angesetzter Hals.

 

Mut zur Lücke

Will man die Geschichte der Gitarre erzählen, so ist Mut zur Lücke gefragt. Gewiss haben sich die von den Griechen zu den Römern importierten Saiteninstrumente weiterentwickelt, jedoch nur marginal. Vor allem gibt es kaum fundierte musikhistorische Anhaltspunkte über die Entwicklung der Gitarre in den Jahrhunderten nach Christi Geburt. Erst ab dem frühen Mittelalter ist so etwas wie eine chronologische Fortschreibung der Geschichte möglich. Eine essentielle Rolle kommt dabei Spanien zu. Und wieder gibt es selbst in der Musikwissenschaft Zweifel über die kulturelle und bauliche Verschmelzung von charakteristischen Merkmalen. Die Mauren brachten bei ihrem Eroberungszug 711 die Laute aus dem vorderasiatischen Raum schon als „fertiges“ Instrument auf die iberische Halbinsel mit. Der Name Laute kommt übrigens vom arabischen al’ud, was so viel wie „Holz“ bedeutet – es war damit der hölzerne Korpus des Instruments gemeint. Die römischen Besatzer hingegen hatten bereits einige hundert Jahre früher ihr Lauteninstrument namens Cithara in das heutige Spanien mitgebracht.

 

Alfons und Francis

vihuela spieler

Aus der Liedersammlung „Cantigas de Santa Maria“: Vihuela zupfende Musikanten. Spanien, 13. Jh.

Als eine der größten mittelalterlichen Liedersammlungen gelten die Cantigas de Santa Maria (etwa: Lieder für die heilige Maria), die der spanische König Alfons X. (1221–1284) in Auftrag gegeben hatte. Hier ist bereits von der Guitarra Latina und der Guitarra Morisca die Rede. Erstere, also die römische Guitarra, war mit flachem Boden und Schallloch versehen, auf ihren vier Saiten wurden lediglich Akkordbegleitungen gespielt. Die maurische Guitarra hingegen hatte einen runden Boden, mehrere Schalllöcher und auf ihr wurden nur Melodien intoniert.

Aus der Guitarra Latina entwickelte sich im Mittelalter die Vihuela. Diese wird zum direkten Vorläufer der heutigen Gitarre. Von der Vihuela gab es drei verschiedene Typen, die mit jeweils unterschiedlicher Technik zum Klingen gebracht wurden: Die Vihuela de peñola wurde mit einem Blättchen, dem späteren Plektrum, gespielt, die Vihuela de arco mit einem Bogen gestrichen und die Vihuela de maño mit den Fingern gezupft. Die Saiteninstrumente waren zu jener Zeit gesellschaftlich fix positioniert: Während die Laute und die Vihuela Instrumente des Hofes waren, stellte die Guitarra Latina ein Volksinstrument dar und wurde bis dato überwiegend in einfacher Begleitfunktion eingesetzt.

luis milan el maestro

Titelseite von Luis de Milans epochalem Lehrwerk „El Maestro“: ein Vihuela zupfender Orpheus, 1535

 

Lediglich Alonso Mudarra und Miguel de Fuellana komponierten einige Werke originär für die Guitarra Latina. Da die Guitarra weniger tiefe Töne erzeugen musste als die Vihuela, konnte das Instrument von kleineren Ausmaßen bleiben, was wiederum eine leichtere Bespielbarkeit zur Folge hatte. Als 1588 die spanische Armada von der englischen Flotte unter Francis Drake vernichtet wurde, begann das Ende der spanischen Vorherrschaft in Europa und mit ihr nahm auch die Hochblüte der Vihuela ein Ende. Der letzte Druck mit Tabulaturen erschien 1578. Unter Tabulatur versteht man eine spezielle Notationsart für Saiteninstrumente, aus der exakt hervorgeht, wohin man auf dem Instrument greifen muss, um einen bestimmten Ton zu erzeugen. Eine Art Griffschrift also.

luis milan el maestro

In ähnlicher Form heute noch gebräuchlich für die Notation von Saiteninstrumenten: eine Tabulatur aus „El Maestro“, 1535

 

Wer mischt noch mit?

verschiedene Lautenarten

Eine Übersicht verschiedener Lauteninstrumente aus Praetorius’ Buch „Syntagma Musicum“, Wolfenbüttel, 1619

Auch in anderen kulturellen Hochburgen Europas, wie Italien, Frankreich und England waren Gitarrenvorläufer auszumachen. So waren Vihuela und Guitarra in Italien als Viola und Chitarra anzutreffen. In England findet man schon frühzeitig Erwähnungen und Abbildungen von vierchörigen Kastenhalslauten, so die Gattungsbezeichnung, die als Gittern und Ghiterna, aber auch als Cittern und Cister bezeichnet wurden. Der Stellenwert der Gitarre in Deutschland zu dieser Zeit lässt sich schon am geringen vorhandenen Repertoire ablesen. Kompositionen für Sologitarre findet man nur im Quart Livre de Tabulature De Guiterne des Augsburgers Gregoire Brayssing. Andere Veröffentlichungen in Deutschland sind bisher nicht bekannt. Das zeigt deutlich, dass auf der Gitarre eher improvisierte Musik für den Augenblick gespielt wurde, die nicht notiert zu werden brauchte, während die Laute und Vihuela vornehmlich bei Hofe anzutreffen waren.

Auch die nun folgenden musikalischen Epochen wie Barock, Klassik und Romantik bieten „saitenweise“ spannende Geschichten. Und auf der Zielgeraden in die Gegenwart wird es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bahnbrechende Erfindungen geben, deren konsequente Umsetzung als E-Gitarre die Popularmusik bestimmt und formt wie kein anderes Instrument.

engel mit vihuela

Eine Vihuela konnte auch mit dem Bogen gespielt werden. Kathedrale von Valencia, 1474

 

Mehr dazu in der nächsten FIDELITY.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 11 (1/2014)

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