Audia Flight Strumento No.1 / Strumento No.8  Vorverstärker/Mono-Endverstärker – Der Koloss von Civitavecchia (und seine großen Brüder)

Achtung, diese HiFi-Monster von Audia Flight können Ihre Gesundheit gefährden- Vor allem die achtbeinigen Mono-Männchen fordern vom Dompteur zu Beginn eine sehr starke Hand. Bei artgerechter Haltung jedoch können sie das Wohlbefinden ihres Besitzers enorm steigern.

Drei Holzkisten stehen im Eingangsbereich, und zwar im Weg. Die kleinere lässt sich mit ein bisschen Schmalz noch zur Seite wuchten. Die beiden größeren Kisten, obwohl auch nicht voluminöser als ganz normale Waschmaschinen, scheinen zu glauben, sie wären Immobilien. Da hilft nur eines: Kisten entblättern und zusammen mit einem tatkräftigen Kollegen Stück für Stück den Weg freiräumen.
Angenehmer Stress. Denn ich weiß natürlich, was sich in den Holzkisten verbirgt; auf die beiden größeren habe ich lange genug gewartet. Doch zunächst einmal schält sich aus der kleineren Kiste eine stattliche, rund 28 Kilogramm schwere Komponente heraus: die Top-Vorstufe von Audia Flight, Strumento No.1. Die schicke, markant gestaltete Schaltzentrale aus bestem Hause bietet allerlei Ausstattungsoptionen, von denen interessanterweise noch keine einzige lieferbar ist. Aber bitte, die Strumento No.1 ist ja auch erst ein paar Jahre auf dem Markt.


Sie wird wohl auch in den kommenden Jahrzehnten das Flaggschiff von Audia Flight bleiben, daran hege ich keinen Zweifel. Denn der Vollverstärker Flight One – das erste Audia-Flight-Produkt überhaupt – ist rund zwanzig Jahre nach der Premiere noch immer erhältlich. Also werde ich auch weiterhin jede Menge Geduld für die akribischen Macher aus Civitavecchia aufbringen. Immerhin ist, so Uwe Klose von Applied Acoustics, eine passende MC-Phonoplatine für die Strumento No.1 noch für dieses Jahr angekündigt. Vielleicht wird’s aber auch nächstes Jahr, das werden wir dann sehen. Und eine vorzügliche DAC-Platine mit allem Schnick und Schnack soll bis 2020 (!) lieferbar sein …
Statt weiterhin der Zukunftsmusik von Audia Flight zu lauschen, nehme ich lieber, was derzeit verfügbar ist. Einmal das Basismodell, bitte. Eine völlig nackte No.1 ist schließlich aufwendig und flexibel genug. Schwer und groß und elegant gebaut, mit dreidimensional herausgearbeitetem Schwung und einem riesenhaften Drehregler auf der Front. Unter dem blau leuchtenden Display befinden sich gerade einmal fünf Taster. Diese sind recht „neuzeitlich“ belegt, aktivieren die üblichen Features einer vollelektronischen Steuerung, inklusive Benennungen und Pegelanpassungen der einzelnen Eingänge. Und wer nicht so genau aufpasst, schaltet die Vorstufe auch schon mal versehentlich auf Standby. Dann klickt es vernehmlich im Inneren der No.1, wie übrigens bei so gut wie jeder Aktion. Ein schönes, Vertrauen erweckendes Klicken ist das. Gefällt mir. Wenn jetzt vielleicht noch der Drehregler ein wenig „analoger“ reagieren würde, wär’s für mich persönlich nachgerade perfekt. Geschmackssache, wie immer.
Konzentration ist jetzt angesagt. Ich will die beiden HiFi-Immobilien korrekt aufstellen. Doch jeder Versuch, das von seiner Holzkiste befreite Aluminiumgebirge im Alleingang von A nach B hebeln zu wollen, scheitert bereits im Ansatz. Nach ersten Schimpftiraden steckt Kollege Hack unvorsichtigerweise seine Nase aus dem Büro und wird von mir sofort zum High-End-Roadie erklärt. Gemeinsam schaffen wir es, die jeweils knapp 100 Kilo schweren Endstufen auf zwei bedauernswerte Flightcases zu wuchten. Sodann rollen wir die Audia Flight(-Cases) bequem, aber achtsam hinüber in den Hörraum, wo sich das Pärchen No.8 langsam akklimatisieren und warmspielen soll.
Aus dem Warmspielen wird erst einmal nichts. Ich missverstehe nämlich die Bedienungsanleitung der Endstufen an einer kleinen, aber entscheidenden Stelle. Warum? Das Owner’s Manual der Strumento-Serie ist in „italienischem Englisch“ verfasst. Das entspricht nicht unbedingt den strengen Vorschriften von Medizin- oder Militärapparaturen, sondern glänzt eher mit romanähnlicher Prosa.
Na und?, mögen Sie jetzt sagen. Aaarrrgh!, sage ich. Denn ich bekomme dank eines kleinen Missverständnisses erst einmal keine Musik aus den Monos heraus. Was ist hier los, bitte? Stimmt doch alles: Die Verkabelung ist korrekt und kurzschlussfrei verlegt, der harte Netzschalter auf der Rückseite steht auf „On“ und das kleine Display oben auf der Front signalisiert mit blauer LED freie Bahn fürs Musikhören …


Des Rätsels Lösung: Besagtes Display der Endstufe ist keineswegs nur ein Leuchtfeld mit blauer LED. Das Display ist zugleich ein mechanischer Schalter, der zwischen Standby und Betrieb wechselt. Drückt man also darauf (aber nicht wischiwischi tippen à la Smartphone oder Tablet, sondern ordentlich drücken!), entfaltet sich die blaue LED zum leuchtenden Firmenlogo, dem markanten Dreizack-Propeller. Hatte ich mich bisher nicht getraut. Ich drücke also einmal aufs Display der linken Endstufe, einmal auf das der rechten. Und die dicken, schicken Kisten klicken, melden sich zum Dienst und legen los.
Und wie!
Sie verraten es sofort: Das hier wird ein wahrer Hochgenuss.
Die No.8 wirkt trotz ihrer äußerst imposanten Erscheinung durchaus elegant. Und das meine ich ab jetzt nicht mehr nur gestalterisch, sondern insbesondere auch klanglich. Ihre Performance hat schon im kalten Zustand so rein gar nichts Technisches an sich, obwohl das Trumm bis zur Oberkante voll mit Technik steckt. Der Zuhörer muss niemals überlegen, ob das jetzt alles so seine Richtigkeit hat. Er wird stattdessen ganzkörperhaft mitgerissen und unmittelbar mitten hinein ins große Vergnügen geführt. Die Monos klingen dabei picobello sauber, entwickeln keinerlei seziererische Tendenzen, bleiben immer – und ich meine: immer – extrem stilsicher und profund im Auftritt. Der Doppel-Achter von Audia Flight hat die ihm anvertrauten Schallwandler sprichwörtlich voll im Griff.
Das darf man ja wohl auch erwarten, meinen Sie? Selbstverständlich darf man das. Allerdings auch schon vom „kleineren“ Bruder der Monos, der Strumento No.4. Die stereofone Ausgabe der No.8 spielt ja ebenfalls bereits in der obersten Liga der Transistor-Elite mit.
Doch wenn schon Audia Flight Nummer vier über reichlich Macht verfügt, warum soll die Verdoppelung des ohnehin enormen Aufwands eigentlich nötig gewesen sein? Nun, zum einen bedient der Achter-Zwilling die notorische Sucht der Unersättlichen nach Mehrmehrmehr (Leistung, Kontrolle, Stellfläche, finanzieller Aufwand, Ruhm und Ehre am Highender-Stammtisch), zum anderen gibt es gerade in der absoluten Topliga den einen oder anderen Schallwandler, dessen Impedanz schon mal auf zwei Ohm oder gar noch darunter abfällt. Ein technisches Detail, das im Umfeld von „Absolute-Fidelity“-Komponenten gar nicht mal soooo selten auftritt. Da haben Nonplusultra-Verstärker mit Schweißerqualitäten plötzlich doppelt ihre Berechtigung. Wenn sie auch im feinen Konzertfrack eine erstklassige Figur machen, umso besser.
Eine Audia Flight Strumento No.8 bleibt auch bei schwer zu treibenden Lautsprechern gelassen. Insgesamt 48 Leistungstransistoren, die mittlerweile eine leichte Handwärme an den beidseitigen Kühlrippen erzeugen, können bei Bedarf locker 500 Watt liefern. An acht Ohm, versteht sich. Praktischerweise lässt sich dieser Wert für eine 4-Ohm-Last einfach verdoppeln. Und für 2 Ohm gleich noch einmal. Sie haben richtig gerechnet: Das sind bis zu zwei Kilowatt Leistung pro Gerät.
Derart gradlinige Lieferqualitäten erlauben Rückschlüsse auf ein, sagen wir mal, recht anständiges Netzteil. Tatsächlich sorgen pro Strumento No.8 nicht weniger als zwölf Netzteile für stabile Verhältnisse. Versorgt wird das saubere Dutzend von einem zentralen 3000-Watt-Doppel-C-Trafo, der allein schon 50 Kilo auf die Waage bringt und mechanisch vom Rest des Gehäuses entkoppelt ist. Auf der Unterseite der Monos wird das an der doppelten Anzahl Gerätefüße erkennbar: Vier zusätzliche Füße tragen eine Art Subchassis innerhalb der Bodenplatte. Doch wer, außer vielleicht Clark Kent oder Herkules, kann denn schon die Strumento No.8 einfach mal eben zur Seite kippen? Fakt ist jedenfalls, dass die Monos, die zunächst auf Flightcases un(sach)gerecht drapiert wurden, durch eine optimierte Aufstellung – etwa auf Subbase-Audio-Basen – nochmals an Souveränität und Durchhörbarkeit gewinnen.
Die Monoblöcke bekommen zum ernsthaften Einstieg in die Hörsession eine wirklich adäquate Partnerin – ebenfalls aus bella Italia – an die Terminals geklemmt. Die unglaublich transparente, zugleich breitbandig abgestimmte Diapason Dynamis (siehe FIDELITY Nr. 19, Ausgabe 3/2015) spielt mit der Audio-Flight-Top-Elek­tronik derart harmonisch und energetisch zusammen, dass ich zwischendurch beinahe schon keine Lust mehr verspüre, überhaupt noch andere Schallwandler mit der No.8 zu verbandeln.


Doch eher wirkungsgradschwache Kompaktlinge wie der KEF Reference 1 (ebenfalls in FIDELITY Nr. 19) oder die TAD-CE1 (in dieser Ausgabe) könnten die Strumento No.8 in puncto stilvoller Kraftmeierei ordentlich aus der Reserve locken. Das ist zumindest mein Grundgedanke. Tatsächlich aber zückt die Verstärkerkombination einfach die Unschuldskarte und tut so, als hätte sich prinzipiell gar nichts geändert. Abgesehen vom grundsätzlichen Klangcharakter der begnadeten „Kleinen“ muss ich einfach nur ein bisschen weiter aufdrehen, um auf den gleichen Abhörpegel wie zuvor zu kommen. Da das Musikhören aber auch mit KEF und TAD mächtig Vergnügen bereitet und beide Koaxial-Konstruktionen bereitwillig mitziehen – bzw. von den Monos mitgezogen werden –, loten massive Bassimpulse schließlich die physikalischen Grenzen der verbauten Chassis aus. An den Verstärkern liegt es nicht. Sie markieren weiterhin die bezaubernde Unschuld vom Lande, bleiben cool und erfreuen auch mit großzügiger, äußerst exakt umrissener Raumdarstellung, mit explosiver Schnelligkeit und einer Klangfarbenpracht, die ich am liebsten meiner Liebsten in Blumenform überreichen möchte.
Überhaupt scheint mir nicht die schiere, explosive Power oder der 3D-Klang, sondern eine Extraportion an musikalischem Charme der Schlüssel zu sein, warum mir die große Audia-Flight-Kombi auch über einen langen, langen Zeitraum hinweg so verdammt gut gefällt. Und das sogar, wenn ich ihr Preisschild vor Augen habe. Im Vergleich zu ähnlich potenten Kombinationen aus Deutschland (T+A) oder der Schweiz (Soulution) scheint Audia Flight mit der Strumento-Serie einen Weg gefunden zu haben, der bei aller Unbestechlichkeit in klassischen HiFi-Parametern dieses Quäntchen Mehr an Homogenität und Zusammenhalt bietet.
Wie viel Anteil am klanglichen Gesamterlebnis dabei die Vorstufe hat? Die Strumento No.1 gehört mit ihrer unangreifbaren Souveränität und Durchhörbarkeit, ihrer im allerbesten Sinne „großen“ Darstellung schlichtweg zu den allerbesten Preamps, die ich jemals das Vergnügen hatte zu hören. Oder besser, nicht zu hören. Denn das ist die Königsdisziplin einer Schaltzentrale: die Nichteinmischung. Das Nicht-im-Weg-Stehen, wenn Sie so wollen – weder im Eingangsbereich noch beim Musikgenuss. Nein, besser geht’s nicht. Höchstens anders.

 

Audia Flight Strumento No.1

Prinzip: Hochpegel-Vorverstärker
Eingänge: 5 x symmetrisch (XLR), davon 2 x wahlweise unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge: 2 x symmetrisch (XLR), 1 x unsymmetrisch, 1 x Rec out (Cinch)
Eingangsimpedanz: 15 kΩ
Ausgangsimpedanz: 5 Ω
Besonderheiten: Phono-‘ DAC- und Line-Einschübe in Vorbereitung, elektronischer Pegelsteller mit 100 Stufen à 0,5 dB
Ausführungen: Aluminium silber oder schwarz
Maße (B/H/T): 45/13/48 cm
Gewicht: 28 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Preis: 13 000 €

 

Audia Flight Strumento No.8

Prinzip: Mono-Endverstärker
Leistung (8/4/2 Ω): 500/1000/2000 W
Eingänge: 1 x symmetrisch (XLR), 1 x unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge: 1 x symmetrisch (XLR), 2 x Lautsprecher (Schraubklemmen)
Besonderheiten: Display = Standby-Schalter, integriertes Subchassis zur mechanischen Entkopplung des Trafos
Ausführungen: Aluminium silber oder schwarz
Maße (B/H/T): 45/29/54 cm
Gewicht: 95 kg
Garantiezeit: 2 Jahre
Paarpreis: 45 000 €

 

Sieveking Sound
Plantage 20
28215 Bremen
Telefon 0421 6848930

 

www.sieveking-sound.de

 

 

Mitspieler:

Plattenspieler: Audio Note TT-2, Clearaudio Innovation, EnVogue Astra
Tonarme: Audio Note Arm 2, Clearaudio TT-II und Universal, Nottingham Analogue AnnaArm 12″
Tonabnehmer: Audio Note IQ3, Clearaudio DaVinci und Concept MC
MC-Übertrager: Audio Note S2
Phonoverstärker: Clearaudio Absolute Phono
Digitalplayer: Audio Note CDT-3/DAC 3, Ayon CD3sx, Soulution 541, T+A PDP 3000 HV
Lautsprecher: Diapason Dynamis, KEF Reference 1, MFE Secundo, Stereofone Dura, TAD-CE1
Kabel: A23, Audio Note, HMS, MFE, Refine Audio, Silvercore, T+A, Vovox
Stromversorgung: IsoTek Aquarius EVO3
Zubehör: diverse Basen von Subbase, Harmonix und Biophotone
Möbel: LignoLab TT100 und „Die Bank“

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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