Hans Jürgen Schaals Musiklexikon: V/W/Z

 

Vogelgesang

Rameau hat das Gartenkonzert der Singvögel auf dem Cembalo imitiert (Le rappel des oiseaux), Strawinsky ein Nachtigallenlied dem großen Orchester übertragen (Le chant du rossignol). Charlie Parker verdankte seinen Ehrennamen „Bird“ zwar ursprünglich seinem Heißhunger auf gebratenes Huhn, verdiente ihn sich dann aber mit lichtschnell improvisiertem, intervallreich hüpfendem, lebensfroh boppendem Saxofongezwitscher. Musiker aller Epochen ließen sich von den Lauten der Vögel inspirieren. Oder besser: Die ersten Musiker auf diesem Planeten waren die Vögel. Rund um den Globus erzählen alte Legenden davon, wie die Menschen von ihnen das Singen und Musizieren lernten. Viele Tricks der Menschenmusik werden von den gefiederten Sängern seit mehr als 100 Millionen Jahren praktiziert: die Strophe, das Ritardando, das Duett, das Leitmotiv, die thematische Variation und – dank einer sinnreichen Einrichtung namens Stimmkopf („Syrinx“) – sogar die Mehrstimmigkeit. Manche Singvögel können nämlich mit beiden Lungenflügeln jeweils einen anderen Ton produzieren und somit zweistimmig improvisieren. Die Hauptfunktionen des Vogelgesangs – Balzen und Territorialkampf – wurden bei den Menschen zu Lovesong und Nationalhymne.

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Große Musiker: Beide lieben Mikrointervalle und nicht oktavierende Modi

Der Komponist und Hobby-Ornithologe Olivier Messiaen (1908–1992) hat daher gleich sein ganzes Lebenswerk direkt aus den Liedern der Vögel entwickelt. „Der Gesang der Amsel“, erklärt Messiaen, „übertrifft an Fantasie die menschliche Einbildungskraft.“ Seine Musikstücke sind klingende Vogelliedkataloge oder virtuelle Konzerte zwischen Vögeln verschiedener Kontinente. In Le réveil des oiseaux ertönen 21 Vogelmotive in 44 Stimmen, in den Oiseaux exotiques kommt es zu 11- bis 16-stimmigen Überlagerungen, in Chronochromie hören wir eine 18-stimmige Vogelpolyphonie. Auch die Musik-Avantgarde ist übrigens keine Menschenerfindung. Die Vögel benutzen schon immer Mikrointervalle, Aleatorik und nicht oktavierende Modi.

 

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Various Artists: Paul Whiteman – A Tribute
LP/Sounds Great

Whiteman

In den 1920er Jahren wurden amerikanische Studenten befragt, wer nach ihrer Meinung der größte Musiker aller Zeiten sei. Auf Rang eins der Umfrage rangierten am Ende weder Bach noch Beethoven oder Mozart, auch nicht Toscanini oder Caruso. Für den Größten hielten sie – kein Witz! – einen gewissen Paul Whiteman. Er galt damals als der „King of Jazz“ – auch dies mutet seltsam an. Denn Whiteman war weder ein Jazzmusiker noch ein bedeutender Komponist oder Dirigent. In Wirklichkeit war er nur ein früher „King“ des kommerziellen Crossover-Marketings. Mit seiner Erfindung namens „Symphonic Jazz“ wollte er das schmutzige Straßenkind Jazz vom „Stigma seiner barbarischen Herkunft und der Dschungelkakophonie“ befreien und zu einer distinguierten Lady erziehen. Damit traf er exakt das Bedürfnis der gehobenen weißen Gesellschaft: Jazz chic finden zu dürfen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren.

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Paul Whiteman Orchester

„Whispering“ (1920) und „Three O’Clock In The Morning“ (1922) hießen Whitemans frühe Millionen-Hits. Er war es, der erstmals Orchesterauftritte als Bühnenshows zelebrierte, dabei komische Einlagen einstreute, seine Musiker namentlich präsentierte und sich einen ständigen Band-Vokalisten leistete. Mehr als 600 Musikstücke hat er aufgenommen, darunter zahlreiche Kitsch-Potpourris aus Klassik-Zitaten und Jazz-Einsprengseln. Sein Imperium umfasste bis zu 25 Orchester gleichzeitig. 10 000 Dollar Abendgage kassierte er für eine Band, erfolgreich gastierte er auch in Europa. Auf seine Initiative entstanden sogar jazzsinfonische Werke wie Milhauds La création du monde (1923), Gershwins Rhapsody in Blue (1924) oder Antheils Jazz Symphony (1925). Bei Whitemans Uraufführung der Rhapsody in Blue in der Aeolian Hall in New York saß die internationale Musikprominenz im Publikum: Sergej Rachmaninow, Igor Strawinsky, Leopold Stokowski, Ernest Bloch, Fritz Kreisler, Jascha Heifetz, John Philip Sousa und viele andere. Davon kann ein David Garrett nur träumen.

 

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Zurna, die traditionelle Kegeloboe der arabischen Musik

Zurna

Weitgehend unbeachtet von der westlichen Szene existiert ein Musik-Weltreich, das sich von Westafrika bis nach China erstreckt. Es ist das Reich der Zurna, der traditionellen Kegeloboe der arabischen Musik – aber auch bei den Roma auf dem Balkan sowie in hinduistischen und buddhistischen Tempeln Asiens kann man sie hören. Die Zurna wird aus einem einzigen Stück Holz gedrechselt, häufig Pflaumen-, Kirsch- oder Wacholderholz, und mit einem doppelten Rohrblatt ausgestattet, meist aus Bambus, Schilf oder Palmblatt. Ihr Name, der möglicherweise mit der griechischen Syrinx und dem deutschen Wort „surren“ verwandt ist, variiert je nach Region. Die Namenspalette umfasst „Tsurnay“ (persisch), „Sorna“ (afghanisch), „Zirne“ (kurdisch), „Zurla“ (slawisch), „Zukra“ (tunesisch), „Zamr“ (irakisch) oder „Mizmar“ (ägyptisch). In Asien, wo die Kegeloboe gerne kunstvoll verziert und mit Metalltrichter ausgestattet wird, findet man die Namensvarianten „Surnai“, „Shenai“, „Sarunai“, „Sarune“, „Suona“ oder „Sona“. In West- und Nordwestafrika heißt sie auch „Rhaita“, „Gaita“ oder „Algaita“.

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In Bachir Attars Heimat Marokko heißt die Zurna meist “Rhaita”

 

Bei allen Arten von Freiluft-Veranstaltungen – Heiligenfeiern, Thronzeremonien, Reiterspielen, Hochzeiten, Militärparaden – findet die Zurna traditionell Verwendung. Man bläst sie in der Regel mit Zirkularatmung (d. h. ohne die Tongebung beim Atmen zu unterbrechen) und braucht einen hohen Blasdruck. Der Ton ist laut und betäubend, weshalb die Zurna nur mit ihresgleichen kombiniert wird – und mit der Doppelfelltrommel („Dhol“, „Daouli“, „Davul“, „Tapan“). Nach Mitteleuropa kam die Zurna durch die Mauren und Osmanen. Hier hat man ihre konische Form etwas gestreckt, damit sie mit anderen Instrumenten zusammenklingen konnte: So entstand die mittelalterliche Schalmei oder Bombarde. Im 20. Jahrhundert kam es immer wieder zu Versuchen, die Kegeloboe zu „kultivieren“, etwa in der nordindischen klassischen Musik oder in den Balkanländern mit populären europäischen Melodien. Neuerdings taucht die Zurna sogar ab und zu im klassischen Sinfonieorchester auf.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 8 (4/2013)

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