Albumdoppel: Jazz im Gehölz

Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. „Gecovert“ werden auch Plattenhüllen. Das gecoverte Cover: Ist es witzige Anspielung, respektvolle Verehrung oder Parodie – oder hat es einen tieferen Sinn?

Roy Haynes Quartet

Roy Haynes Quartet – Out Of The Afternoon (Impulse! A-23)

Eigentlich eine alberne Szene: Vier Männlein steh’n im Walde an einem Nachmittag im Jahr 1962. Der Drummer hat nur sein großes Becken mit dabei, dem Pianisten (mit Mütze) fehlt sein Klavier, mit Musizieren wird es nichts. Was also wollen die da bloß unter den Bäumen? Vielleicht dachten sie dabei an den griechischen Gott Pan, der im Mythos plötzlich aus dem Dickicht tritt, seine Panflöte in der Hand, am Nachmittag des Fauns. Out of the woods, out of the blue, out of the afternoon? Oder vielleicht steckt ein Wortspiel mit „wood“ (Wald, Holz) dahinter: Englewood Cliffs hieß der Aufnahmeort, wir sehen einen „wooden bass“ und eine Kollektion „woodwinds“ (Holzblasinstrumente). Der Holzbläser links ist ohnehin die eigentliche Sensation der Band. Im Plattentext heißt er „das musikalische Phänomen unserer Zeit“. Es handelt sich um „Rahsaan“ Roland Kirk, einen blinden Künstler, vor kurzem noch Straßenmusikant, der in diverse seltsame Rohre bläst, die keiner sonst kennt, manchmal auch in mehrere gleichzeitig oder im Wechsel. Woodwinds out of the blue. Das Album Out Of The Afternoon gehört zu den unbekanntesten Fünf-Sterne-Platten der Jazzgeschichte. Gemessen an den großen Jazz-Revolutionen ihrer Zeit schien die Platte nichts Besonderes zu sein. Standardsongs, Standardchorusse, Standardharmonien, Standardrhythmen – einfach nur sieben swingende Stücke. Das Explosive daran kam aus der Mixtur der Musiker. Roy Haynes, der Drummer mit dem knackigen, scharfen Biss im Rhythmus. Tommy Flanagan, der eleganteste, geschmackvollste aller Bebop-Pianisten. Henry Grimes, das große Bass-Talent, das in Newport 1958 mit sechs verschiedenen Bands aufgetreten war. Und eben Roland Kirk, der in kraftvollen Statements auf den Punkt kam – und das auf fünf verschiedenen Instrumenten. Es waren zwei Sahnetage in Englewood Cliffs, eine Sternstunde des Jazz, ein unerwartetes Meisterwerk „out of the blue“ – out of the afternoon.

Mostly Other People Do The Killing - Forty Fort (Hot Cup 091)

Mostly Other People Do The Killing – Forty Fort
(Hot Cup 091)

Natürlich darf man sich als Musiker so eine Sternschnuppenplatte zum Vorbild nehmen – und sei’s nur fürs Albumcover. Lange wurde nach ähnlichen Klamotten gesucht, um die Idylle im Gehölz nachzuahmen. Man beachte das rote Hemd des Bläsers, das gestreifte des Kollegen daneben, seine Mütze oder auch die Kaminfeuerjoppe des Bassisten! Und die falschen Schnurrbärte! Und den schicken Blindenstock! Und die Körperhaltungen! Klar, die Imitation der Waldszene von einst steckt voller Ironie. Die Hintergrund-Info dazu liefert der Albumtext. Alle Jazzschüler heute, heißt es dort, würden angewiesen, von den Taten der großen Vorgänger zu lernen. „Wenn man das Werk der Meister studiert, muss man versuchen, die Bedingungen nachzustellen, die während der originalen Studiosessions herrschten. Was ging den beteiligten Menschen durch den Kopf?“ Gemeint ist: Um Out Of The Afternoon zu begreifen, muss man in den Wald gehen! Der Begleittext ist ein echter Knüller. Er veralbert nicht nur die gängige Meister-Schüler-Ideologie, er veralbert auch die nichtssagende Großspurigkeit solcher Albumtexte.
Die Ironie ist typisch für Mostly Other People Do The Killing. Ja, so heißt die Band wirklich. Wie sie auf den Namen gekommen sind, einen Satz des Theremin-Erfinders Lew Termen, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber interessanterweise hört der Bandleader (der Bassist) auf den Kosenamen Moppa. Könnte ja sein, dass sie sich auf der Suche nach einem Bandnamen überlegt haben, ob MOPPA vielleicht als Akronym dienen könnte. Zum Beispiel für: My Old Parents Play Along … Oder: Mostly Other People … – und wie weiter? Die Band jedenfalls schreibt sich heute in Kurzform: MOPDtK. Ist schwer auszusprechen, aber leicht wiederzuerkennen. Ohnehin lieben die vier Amerikaner das Kuriose, Verquere und Provozierende. Auch musikalisch: Forty Fort hat gar nichts mit dem kompakten Jazz des optischen Vorbilds zu tun – oder jedenfalls nicht mehr als mit jeder anderen Jazzplatte. MOPDtKs Musik ist nämlich ein wildwüchsiges Konglomerat aus allen Jazzstilen, Jazzrhythmen und Jazztechniken, die man je gehört hat. In einem einzigen Stück können sich bei ihnen Dixieland, Hardbop, Swing und Freejazz miteinander verbinden. Nichts hält da lange vor, das meiste mündet in freie Improvisation. Kein Respekt vor Jazzfetischen, aber eine Menge Humor. Der Zuhörer sollte ihn auch mitbringen.
Übrigens: Bekannte Albumcovers zu covern, das ist so eine Art Hobby von MOPDtK. Auch Plattenhüllen eines Art Blakey, Ornette Coleman, Keith Jarrett oder Jelly Roll Morton hat das Quartett schon mit hingebungsvoller Ironie nachgestellt. Was sich liebt, neckt sich bekanntlich. Die verfremdende Imitation geht dabei häufig noch übers Frontbild hinaus und betrifft auch kleinste Details der Verpackung. Auf Forty Fort ist die Rückseite dem typischen Layout einer Impulse!-Platte nachempfunden – bis hin zum Werbeslogan. Der lautete bei dem klassischen Jazzlabel: „The New Wave of Jazz is on Impulse!“ MOPDtK kontern: „The Newer Wave of Jazz is on Hot Cup!“

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Roy Haynes Quartet: Out Of The Afternoon (Impulse! A-23)
Mostly Other People Do The Killing: Forty Fort (Hot Cup 091)

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