Burmester 151 Musiccenter – Internet der edlen Dinge

Wenn nicht nur der Toaster, sondern auch die Musikquelle eine eigene IP-Adresse bekommt: Die Manufaktur Burmester führt High-End-Audio in die digitale Zukunft.

Als sich der Übergang von der Vinylschallplatte zur Compact Disc vollzog, herrschten klare Verhältnisse: Die Schallplatte war das Alte, und der CD würde die Zukunft gehören, fertig. Es mag Scharmützel bei der Festlegung der Spezifikationen gegeben haben und natürlich ist der Glaubenskampf, was denn nun „besser“ sei, bis heute nicht entschieden. Aber dass die Silberlinge sich durchsetzen würden, wurde auch von der Analogfraktion schon zur Markteinführung (als mehr CD-Player gekauft worden waren, als es überhaupt verfügbares Albumrepertoire gab) nicht ernsthaft in Abrede gestellt. Und so blieb einem die freie und vergleichsweise kostengünstige Entscheidung, sich einen CD-Player zuzulegen oder eben nicht. Und falls ja, lief jede CD auf jedem Player – dem „Red-Book“-Standard sei Dank.
Unterdessen ist die CD auf bestem Wege, zu einem zeitgeschichtlichen Exponat zu werden. In der Mehrzahl wird Musik dieser Tage nicht auf einem physischen Tonträger, sondern andersartig gespeichert. Wie und wo – nun, das vermag heute niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Im wuchernden Wirrwarr von Formaten und Speicherorten erscheint es unwahrscheinlich, dass sich absehbarerweise ein neuer Standard ergeben könnte. Im Zeitalter der nonphysischen Präsenz von Klangmaterial ist zudem fraglich, ob der Musikhörer sich weiterhin noch mit den Dimensionen von Format und Speicherort wird auseinandersetzen wollen oder müssen.
Wenn man heute also eine Wiedergabekette plant, die über aktuelle Moden hinaus Bestand haben soll, ist dies nicht unbedingt ein erfreulicher Zustand. Und für die Hersteller insbesondere hoch- bis höchstwertiger Wiedergabekomponenten könnte die Herausforderung durch diesen Schwebezustand kaum größer sein, zumal die wesentlichen (An-)Treiber in diesem Markt weiterhin in der Consumer Electronic zu finden sind.
Wie man dieser Herausforderung auf High-End-Niveau begegnen kann, wird deutlich, wenn man die Räumlichkeiten der Firma Burmester in Berlin-Schöneberg besucht. Das Analoge lebt hier einträchtig mit dem Digitalen Tür an Tür. Hier wird traditionelle Elektrotechnik in höchster Vollendung gepflegt, dort wird von den Entwicklern Codezeile um Codezeile geschrieben. Jüngstes Ergebnis dieser interdisziplinären Zusammenarbeit ist das Musiccenter 151. Es führt das Alte und das Neue zusammen: In einem massiven und innen sehr aufgeräumten und gut gefülltem Aluminiumgehäuse mit der für Burmester typischen Chromfront verrichtet ein Linux-Rechner in einer hauseigenen Software-Konfiguration sein Werk. Er übergibt seine Rechenergebnisse an eine – ebenfalls typisch für Burmester – vollsymmetrische Schaltung, die alle Tugenden des Hauses aufweist. So sind beispielsweise Koppelkondensatoren pfui spinne, stattdessen lässt ein DC-gekoppelter Signalweg alles ungestört fließen. Dass man in der Lage ist, Softwareentwicklung selbsttätig vorzunehmen, darauf ist man im Hause Burmester mächtig Stolz. Software ist nämlich eine „Black Box“, wer hier auf Zulieferer angewiesen ist, kauft die Katze im Sack. Nicht so hier: „Wir kommen an jedes einzelne Bit heran“, sagt Dieter Burmester. Und das ist auch gut so: Erstens behält man so die Kontrolle über das digitale Geschehen, zweitens lässt sich das System auf diese Weise beständig fortentwickeln. Denn wer sich eine solche Pretiose ins Haus holt, möchte eines ganz sicher nicht: vom technischen Fortschritt überrascht zu werden.


In diesem Geiste findet die Musik auf zwei Festplatten mit jeweils etwa zwei Terabyte Platz, möge sie aus FLAC-, WAV- oder AIFF-Dateien bestehen. Auch MP3, Apple Lossless, Advanced Audio oder Ogg Vorbis können verarbeitet werden – und zwar gapless und blitzschnell („Spulen“ innerhalb von Musikstücken geht flüssig), mit bis zu 24 Bit und 192 Kilohertz und bei äußerst hoher Datensicherheit: Die beiden Festplatten sind redundant im RAID-1-Modus geschaltet, eine der Platten dient dazu, die Daten zu spiegeln, falls der anderen Platte einmal etwas zustoßen sollte. Gekühlt werden kann mit einem Lüfter, dessen Einsatz aber Notfällen vorbehalten ist – wenn etwa in anderen Breitengraden die Klimaanlage ausfällt. Bei Bedarf stellt der Server die Musik via UPnP oder DLNA umgebenden Geräten zur Verfügung.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Burmester dem Thema High-End-Server widmet. Das Musiccenter 151 rangiert in der hauseigenen „Top Line“ und ist der jüngere, kleinere Bruder des Musiccenters 111. Die Fortentwicklung besteht im Wesentlichen in der Kunst des Weglassens: Im Gegensatz zum Musiccenter aus der „Reference Line“ kommt das 151 ohne Display und integrierten Vorverstärker aus, was ihm den optischen Eindruck einer klassischen HiFi-Komponente (aber was für eine!) beschert und den Besitzern von hochwertigen Preamps erlaubt, ihr gutes Schätzchen zu behalten. Nummer 151 ist aber mit einer Lautstärkeregelung – und zwar einer analogen! – ausgestattet, so dass sie auch direkt an Endstufen oder aktiven Lautsprechern betrieben werden kann.
Wir ahnen es schon: Es handelt sich hierbei um ein absolutes „Null problemo“-Produkt. Auf eine gewisse Art und Weise ist das sogar etwas schade. Denn beim Auspacken eines solch edlen Gerätes meint man, die Himmelsscharen jubilieren zu hören; schon vor dem ersten Einstecken eines Kabels will die Luft wie voller Geigen hängen. Doch das quasireligiöse Ritual der Inbetriebnahme ist beim 151 gar hurtig vollbracht: zwei WLAN-Antennen reingedreht, Verstärker per XLR oder eben Cinch drangeklemmt, Netzkabel rein – Feierabend. Gut, ein LAN-Kabel zum Router kann sich ferner als segenbringend erweisen, aber dann gibt es nun wirklich nichts mehr zu tun: Klarmachen zum Booten!
Rund 80 Sekunden benötigt das System bei sporadisch belegter Platte um hochzufahren. Auch das ist im Grunde genommen viel zu wenig Zeit, um die in ihrer Makellosigkeit betörende Chromfront ausreichend zu bestaunen oder den süßen Druckpunkt der links vom Display hervorlugenden Tastenreihe zur Auswahl der Zuspieler oder der rechts angebrachten Tasten zur CD-Bedienung zu erspüren. Denn machen wir uns nichts vor: Schon sehr bald wird man das Musiccenter nicht mehr aus allergrößter Nähe zu Angesicht bekommen. Denn bedient wird es im Alltag am komfortabelsten mittels iPad. Systemeinstellungen oder größere Dateiverwaltungsvorgänge lassen sich auch im Browser nach Eingabe der IP-Adresse bewerkstelligen.
In der Anfangszeit wird der stolze Besitzer dem blitzenden Schatzkästlein noch so manches Mal einen Besuch abstatten, um eine CD in das Slot-in-Laufwerk zu legen. Denn natürlich lässt sich der 151 auch einfach als CD-Player nutzen. Beim Einlegen einer CD bietet die Burmester-App auf dem iPad allerdings sogleich an, den Tonträger zu rippen und in verlustfreier FLAC-Kodierung auf der Festplatte abzulegen. Zwei Verfahren stehen hier zur Auswahl: ein „Fast“-Modus, der für die allermeisten Fälle der angemessene ist und für eine CD (je nach Datenvolumen) um die zehn Minuten braucht, und ein „Accurate“-Modus, der sich die Bits beim Auslesen noch einmal sehr genau anguckt und sich bestens für zerkratzte Tonträger eignet. Und tatsächlich: Eine selbstgebrannte CD, die seit Jahr und Tag ohne Hülle leben muss und der bislang noch jedes Laufwerk die Zusammenarbeit verweigert hat, erstrahlt nach der Restauration wieder im allerschönsten Gewand. (Ganz nebenbei schreibt das Gerät beim Rippen zusätzlich noch MP3-Dateien, damit man sich seine Musik auf den USB-Stick fürs Auto ziehen kann, aber das soll hier ja nicht Hauptthema sein.)
Die Metadaten der zu rippenden CD holt sich der Burmester, wenn er am Netz hängt und nicht im ebenfalls möglichen Standalone-Modus betrieben wird, zuvor aus einer Datenbank. Die Angaben zu Künstler, Album, Track sowie Genre und dergleichen sind editierbar. Schön ist, dass sich frei zu betextende Felder finden, in die man Angaben beispielsweise zum Dirigenten eintragen kann. In der Regel zeigt sich der Burmester sehr gut informiert, sodass man getrost zum Rippen schreiten kann. Dass ihm meine Spirit Of Eden von Talk Talk zwar unbekannt war, ist locker entschuldbar: Die 3,5 Millionen Alben in der Datenbank hat Burmester nicht inhouse verschlagwortet, außerdem handelt es sich bei meinem Exemplar um eine reichlich obskure Edition. Alle anderen Probanden erkennt der 151 problemlos.
Ansonsten aber erspart einem das Musiccenter Hausmeisterarbeiten wie das Verwalten von Dateien weitgehend, was ein ausgesprochen feiner Zug ist. Mag das Sortieren einer CD-Sammlung noch eine erfreuliche Tätigkeit für verregnete Sonntage sein, so artetdas Herumgeschiebe von Dateien doch sehr in mühevolle Arbeit aus. Den Import von CD-Audio kann man sehr gut nebenbei betreiben: Derweil lässt sich nämlich weiter Musik hören, von Festplatte oder per USB.
Eine USB-Buchse befindet sich vorderseitig. Das ist enorm praktisch, wenngleich USB-Eingänge sicher nicht zu den formschönsten Inputs aller Zeiten gehören. Den Komfort möchte man aber bald schon nicht mehr missen, insbesondere, weil man bei Burmester ein weiteres Ärgernis elegant umschifft: Üblicherweise ist bei Einstecken eines USB-Sticks ja darauf zu achten, dass man ihn richtig herum hält. Nicht so beim 151, der den Stick auch „umgedreht“ akzeptiert, was in der Praxis eine kleine, aber sehr, sehr nette Geste in puncto Bedienungsfreundlichkeit ist.
Und so kann ein von allem weltlichen Mühsal enthobener Musikgenuss beginnen. Und ich meine damit echten Genuss. Denn der Klang ist, wie sollte es bei einer Komponente aus der High-End-Manufaktur Burmester anders sein, über jeden Zweifel erhaben. Man verfolgt ein klangliches Ideal, das Dieter Burmester recht treffend als „Klangwolke“ bezeichnet: transparent, reichhaltig und dreidimensional, der Klang fächert sich breit auf, umhüllt den Hörer. Und das funktioniert auch bei geringen Abhörlautstärken ausgezeichnet, der wolkige, zugleich kraftvolle Eindruck bleibt bestehen, man hört weiterhin alles und nicht bloß eine – O-Ton Burmester – „Mäusemusik“.


Eigentlich möchte man umgehend das Gesamtwerk von Karajan rippen, um den glühenden Verfechter der CompactDisc in der digitalen Zukunft wiederauferstehen zu lassen. Doch warum immer das Naheliegende tun – wäre ein Werk der Contemporary Art nicht genau der richtige Anspruch für das 151? Auftritt: Wild Billy Childish, ein prominenter Gegner des englischen Turner Prize und Aufrührer der Band The Buff Medways. Mit einem Fingerzeig auf dem iPad landet das Werk in einer Playlist, die auf Wunsch Lautstärkeunterschiede zwischen den Tracks verfälschungsfrei nivelliert, indem intern festgelegt wird, was als 0dB anzusehen ist, und los geht’s. Das Konzeptwerk „1914“, das den Ersten Weltkrieg behandelt, besteht aus rumpelndem und pumpelndem Punkrock, für den allerdings ein erheblicher Aufwand im Analog-Mastering getrieben wurde. Und was soll ich sagen, die Zeiten, in denen High End vielleicht „linear“ gewesen sein mag, aber Freunde von sonischem Drive und Verve ratlos zurück ließen, sind mit Burmester definitiv Geschichte. Zwar kann auch der 151 aus derlei ungebürsteten Aufnahmen keine High-End-Perlen extrahieren, doch er transportiert den wilden Rock’n’Roll von Billy Childish ungebremst und vollenergetisch.
Wenden wir uns alsdann doch Aufnahmen höherer Amtlichkeit zu. In hochauflösenden Digitaldateien kann bekanntermaßen die audiophile Zukunft liegen. Das Testgerät enthält eine vorinstallierte und betitelte Compilation vom Online-Portal HighResAudio mit allerlei Jazz großer Gediegenheit, allesamt in 24 Bit und wechselnden Abtastfrequenzen. Derartig hochwertiges Material kann ohne mentale Einstimmung zu psychedelischen, ja nachgerade paranoiden Hörerlebnissen führen, wenigstens sekundenweise. Steht da etwa ein rosafarbener Eislaster amerikanischer Bauart aus den 50er Jahren mitten im Wohnzimmer und hupt, dass gleich die Nachbarn kommen? Ach so, doch nur ein Saxophon! Aber was ist das? Ein digitales Clipping? Kann ja nicht sein! Ist am Ende irgendwas kaputt? Entwarnung: Es waren doch nur superdramatisch aufgenommene Schlagzeugbesen, wie sie „auf sieben Uhr“ unweit des gusseisernen Spannreifens auf dem aufgerauhten Fell der Snare-Drum einen dead stroke ausführten … Alles klar!
Derlei High-End-Hyperrealismus relativiert sich wieder, wenn man sich – auch das geht sehr bequem über die App – bodenständigeres Material besorgt, etwa das Stones-Album Let It Bleed in einer Hi-Res-Variante. Hier bekommt man dann Gelegenheit, in eine gut aufbereitete, grundsätzlich aber immer noch rustikale Aufnahme hereinzuhören und sich an einer sehr fein ziselierten Darstellung des Stimmüberschlags der Sängerin Merry Clayton auf „Gimme Shelter“ zu erfreuen.
Vielleicht ist das die schönste Eigenschaft des Musiccenters (und auch typisch Burmester): Zu keiner Zeit hat man das Gefühl, dass das 151 Aufnahmen mit klanglichen Limitierungen schonungslos offenlegt; es bleibt immer ein „musikalisches Grundverständnis“ bestehen. Dabei sind keine Schönfärbereien angesagt, sondern offene und ehrliche Informationen über das, was da wirklich ist, ohne eigenen Kommentar. Tatsächlich entsteht nie das Gefühl, einem technischen Apparat bei einem Abspielvorgang zu lauschen. Vielmehr gerät sehr schnell in Vergessenheit, dass es sich um hochtechnologisch vermittelte Musik handelt: Die Musikquelle weicht zurück und überlässt der Musik den Raum. Und tatsächlich fließt in der Handhabung das Jonglieren mit unterschiedlichen Formaten unter einer Oberfläche derart geschmeidig zusammen, sodass man sich getrost auf das wirklich Wesentliche konzentrieren kann. So kommt man mit dem ausgefuchsten, bequemen 151 von Burmester dem Ideal einer absoluten Musik erstaunlich nahe. Bedenkt man zudem, was diese Maschine den „guten alten“ CDs an Klangpotential entlockt, kann das Fazit nur lauten: Fantastisch!

Burmester 151 Musiccenter

Funktionen: UPnP-Musicserver/DAC/CD-Player und -Ripper

Eingänge: USB, Ethernet, BurLink-Schnittstelle
Ausgänge analog: 1 x symmetrisch (XLR), 1 x unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge digital: 1 x koaxial, 1x optisch (TOSLINK)
Unterstützte Formate: FLAC, WAV, mp3, AIFF, OGG, AAC, ALAC (m4a)
Abtastrate D/A-Wandler: 48/96/192 kHz (umschaltbar)
Integrierter Speicher: 2 x 2 Terabyte (zwei gespiegelte Festplatten, davon eine als Musikdaten-Backup), RAID 1, SSD-Systemfestplatte
Besonderheiten: analoge Lautstärkeregelung (abschaltbar), bitperfekte Speicherung, Metadaten via Burmester-Datenbank, diverse Automatikfunktionen für Steuerung und Speicherung
Lieferumfang: iPad mini, 2 WLAN-Antennen
Maße (B/H/T): 48,2/9,5/35 cm
Gewicht: 9 kg
Garantiezeit: 2 Jahre, nach Registrierung 3 Jahre

www.burmester.de

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