Im Klangdschungel – Komponisten, die keiner kennt

Deutschland ist das Land der Fußball-Weltmeister – 80 Millionen Bundestrainer können zufrieden sein. Deutschland gilt auch als das Land der Komponisten. Haben wir 80 Millionen Tonsetzer? Wir stellen vor: einige der unbekannten Komponisten der deutschen Musikgeschichte.

Tongebirge aus tiefem Blech, erschütternde Marschrhythmen, visionäre Klanglandschaften: Der Münchner Komponist Otto Jägermeier (1870 – 1933) war ein Meister grellbunter Programmmusik. Zu seinen berüchtigten Frühwerken gehören die düsteren, wild bewegten Psychosen (1900), die ursprünglich Sigmund Freud gewidmet waren. Noch erschütternder tönt die gewaltige sinfonische Dichtung Gigantenschlacht (auch: Titanenschlacht oder Gigantomachie): Sie erzählt vom mythischen Kampf der olympischen Götter gegen die Titanen. Der abschließende Trauermarsch mit seinen Doppelfanfaren, viel Perkussion und brausender Kirchenorgel wurde einst bei der Uraufführung in München „da capo“ verlangt. Glatznecks Einstudierung für das Album Otto (Telafake 2020 3030) bemüht sich dankenswerterweise um klare, sachliche Kontur.
Bekanntlich war Jägermeier ein Freund von Richard Strauss und hat dessen Orchesterdichtungen stark beeinflusst. Dass Strauss weit größeren Erfolg hatte als er, trug vermutlich dazu bei, dass Jägermeier bereits 1907 Deutschland verließ – ausgerechnet Richtung Madagaskar. Die Begeisterung fürs Exotische hatte er wohl von seinem Vater, einem renommierten Insektenkundler. Auf Madagaskar erweiterte Jägermeier seine ohnehin schrille Klangsprache noch durch exquisite Instrumentierungen. Das Dschungelpoem (auch: Im Urwald) ist ein in der Musik des frühen 20. Jahrhunderts ziemlich einmaliger Wildstrom von Klängen, zu denen u. a. auch Saxofone, Akkordeons, Tenortuben, Kontrabassklarinetten und vier Klaviere beitragen. Unbedingt mit Kopfhörer hören – ein packendes Dschungel-Erlebnis ist garantiert! Zum Schluss des Albums gibt es dann noch eine Ersteinspielung: Also sprach Mithras (aus dem Nachlass) war wohl als kleine Rache am „Plagiator“ Richard Strauss gedacht. In nur knapp sieben Minuten parodiert dieses Orchesterfeuerwerk die wichtigsten Stationen von Strauss’ Zarathustra-Tondichtung. Für Strauss-Kenner ein Riesenspaß – oder ein Ärgernis.
Der aus Thüringen stammende Adrian Leverkühn (1885 – 1940) entwickelte um 1910 unabhängig von Schönberg seine eigene faszinierende Zwölftontechnik. Am konsequentesten hört man diesen schlanken Reihenstil in den Kammermusikwerken, von denen er nur wenige schrieb. Das in den USA erschienene Album Leverkühn (Faustus Records FR-0012) vereinigt drei seiner komplexen Kammerstücke, alle aus dem Jahr 1927. Die dreisätzige Ensemblemusik (für 7 Instrumente) trägt dabei noch Spätromantisches in sich und entfaltet eine bestürzend tragische Sogwirkung. Leverkühns einziges Streichquartett kommt dagegen labyrinthisch daher, poly-polyphon, wenn auch im zweiten Satz (mit Dämpfern) voll musikantischer Dynamik und im Schlusssatz (Allegro con fuoco) mit rabiater Kraft. Das Streichtrio schließlich bietet eine verquere Mathematik der Töne und galt lange Zeit als unspielbar. Der Musikkritiker Stuckenschmidt schrieb: „Die Schockwirkung der ersten Minuten ist unentrinnbar, sie stempelt das Werk als ein geniales Produkt der Angst, der Beklemmung.“ Drei Jahre nach dieser Komposition ist Leverkühn übrigens übergeschnappt.

Komponisten die keiner kennt.
Die Deutschen hätten keinen Humor, so lautet ein verbreitetes angelsächsisches Vorurteil. Peter Hoffdorfers Solo-CD Humoresken (JOKE 1234567) ist der klingende Gegenbeweis: Klavierstücke aus drei Jahrhunderten, die funkeln vor Witz und Ironie. Den Anfang macht ein selten gehörter Werkzyklus von Philipp Diederich Quirin Bach (1742 – 1807), dem jüngsten der Bach-Söhne. Obwohl P.D.Q. Bach keine musikalische Ausbildung hatte, fing er mit 35 Jahren mit dem Komponieren an, betrieb es aber stets mit fröhlichem Unernst. In seinen Sultaninen (1799) verwendet er ausschließlich Themen anderer Komponisten (vor allem seines Vaters) und zerpflückt und verfremdet sie auf sehr komische Weise. Der heitere Mozart wird hier zum überdrehten Mozart, der nachdenkliche Beethoven strandet in der harmonischen Sackgasse. Einen etwas anderen Charakter besitzen die Kleinen Klavierstücke des eigenbrötlerischen Johannes Kreisler (1776 – 1822), von dem es heißt, er habe mehr mit Geistern und Haustieren gesprochen als mit seinen Mitmenschen. Wir kennen ihn heute vor allem aus musikalischen Widmungen von Kollegen (Schumann, Brahms, Kurtág). Seine Klavier-Miniaturen von 1811 triefen von schwarzem Humor: Volksliedartige Weisen verwandeln sich in Trauerchoräle, Rhythmen rennen hartnäckig gegeneinander an, Melodien entpuppen sich als Begleitstimmen neuer Melodien. Das letzte Drittel der CD bietet Gelegenheitsstücke des späten Thremo Tofandor (eigentlich: Ralf Schlierenzer), der um 1970 in seiner Wahlheimat Südtirol verschollen sein soll. Seine Klavier-Preziosen tragen so seltsame Titel wie Beim Törggelen oder Nuier mit Keschtn und klingen wie die bizarren Improvisationen eines schwer angetrunkenen Pianisten.

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