Lautsprecher – Larsen 8

Skandinavische Raumgleiter

Völlig egal. Es ist wirklich vollkommen egal, welche Lautsprecher sich gerade in meinen Händen befinden. Irgendein Experte hat immer etwas zu meckern: zu groß, zu klein, zu schwarz, zu bunt, zu eckig, zu rund, zu viele Chassis, zu wenige Chassis, zu hoch, zu breit, zu teuer, zu billig, zu wenig Bass, zu viel Bass, merkwürdige „Räumlichkeit“, komischer Sweetspot, zu weit im Raum, zu nahe an der Wand … und dann der beste Spruch von allen: „Das kann ja gar nicht funktionieren!“
Interessanterweise findet sich aber auch immer jemand, der exakt diese „Box“ total genial, sexy oder sonstwie klasse findet. Auch wenn diese weder dem gerade angesagten Schönheitsideal noch dem vorherrschenden technischen Trend entspricht. So etwa die Larsen 8, die in meinem Umfeld von krasser Ablehnung bis zu liebevollen Blicken alles bekommt, nur keine Gleichgültigkeit. Aber warte nur, wenn die Musik spielt. Von wegen, das kann nicht funktionieren!
John Larsen, der Mann hinter der gleichnamigen Manufaktur, hat 16 Jahre lang mit einem gewissen Stig Carlsson zusammengearbeitet und dabei viel gelernt. Stig Carlsson? Der Entwickler aus Schweden hat in den 1960ern und 1970ern seine Ideen für wegweisende Schallwandler zunächst bei Sonab verwirklicht, danach bis zu seinem Ableben 1997 unter eigenem Namen firmiert und mit seinen Konstruktionen die zunehmend gleichgeschaltete Audioszene immer wieder mal ein bisschen aufgemischt.

Larsen 8

Carlssons Credo heißt „ortoakustischer Lautsprecher“ und beschreibt eine praxisorientierte Herangehensweise, wie ein Lautsprecher im richtigen Leben, also im Wohnzimmer funktioniert. Nicht in irgendwelchen Messkammern oder auf der freien Wiese, nein, zu Hause im Wohnzimmer des Musikliebhabers, mit all seinen Sitzmöbeln, Tischen und Schränken, mit den üblicherweise vorhandenen Wänden, Ecken und Fensterflächen. Carlssons Konstruktionen sollen mit dem normalen Interieur zusammenarbeiten, sich dessen akustische Eigenschaften zunutze machen und auf den Hörplätzen einen erheblich ausgewogeneren, dem Live-Erlebnis näheren Klang bieten, als er mit üblichen Lautsprechern zu erzielen ist.
Klar, dass mit einem solchen Anspruch auch so manche Schallwandler-Kuriosität entstanden ist. Wir reden hier schließlich von den experimentierfreudigen Aufbruchsjahrzehnten der High Fidelity. Außerdem befinden wir uns in Skillingaryd, einem kleinen Ort im ländlichen Südschweden, wo man eine grundsätzlich etwas entspanntere Haltung zum Leben einzunehmen pflegt als in, sagen wir: London oder New York. Faszinierend ist zum Beispiel eine sehr frühe Entwicklung Carlssons von 1953, unter schwedischen Fans als „kolboxen“ (Kohleneimer) bekannt: ein rundes Schallmöbel, designmäßig zwischen furniertem Kanonenrohr und Jetsons-Rakete angesiedelt, bestückt mit sechs Treibern, davon vier Hochtöner, und einem OTL-Röhrenverstärker! Spätere Modelle sehen dann meist kantiger, weniger futuristisch, aber immer noch nicht nach Standardware aus dem Regal aus.
Die späteren Modelle dürfen als Vorbilder für die Larsen 8 gelten. Denn John Larsen führt das gedankliche und konstruktive Erbe Stig Carlssons, das übrigens auch patentiert wurde, in die Neuzeit, verfeinert die „ortoakustischen“ Lautsprecher mit zeitgemäßen Treibern, fertigt aber weiterhin in klassischer Handarbeit in Skillingaryd, Småland. John Larsen bevorzugt skandinavische Zulieferer, baut jedes Lautsprecherpärchen selbst zusammen und stimmt es fein ab. Er weiß daher ganz genau, was zu tun und worauf wirklich zu achten ist, und darf dafür im Gegenzug auch erwarten, dass man über kleinere Nonchalancen bei den Äußerlichkeiten großzügig hinwegsieht. Mit einer Diapason etwa oder der Stereofone Dura ist die Larsen 8 daher nicht vergleichbar, eher mit einer Shahinian Arc, die nebenbei bemerkt unter vergleichbaren Voraussetzungen gefertigt wird und mich viele Jahre lang sehr erfreut hat.

Larsen 8
Was hat die Larsen 8 technisch zu bieten? Meister Larsen verbaut pro Schallwandler-Einheit insgesamt fünf Chassis nach ortoakustischen Grundsätzen – in einer Anordnung, die ich zuvor noch nirgends „live“ gesehen habe (eine Sonab oder Carlsson fehlt halt noch in meiner persönlichen Sammlung): Eine 25-Millimeter-Textilkalotte wohnt – zur gezielten Schallführung halb abgedeckt und umrahmt von einem Edelstahlwinkel – im oberen Eck der seitlich nach oben zulaufenden Schallwand. Darunter beansprucht der erste der beiden 18-Zentimeter-Bässe von Scan-Speak den restlichen Platz auf der schrägen Schallwand; sein Zwilling werkelt, seitlich montiert, im Keller des Hauptgehäuses. Oben auf der „Dachterrasse“ der Larsen 8 sorgen noch zwei weitere Kalottenhochtöner für den definierten Extrakick „Ambience“ und Schallverteilung. Jedes Larsen-Paar wird spiegelbildlich gefertigt und abgeglichen, es gibt ein linkes und ein rechtes Exemplar. Wenn Sie möchten, dürfen Sie nun das unvermeidliche „Das kann ja gar nicht funktionieren!“ zu Protokoll geben. Und die zweiteilige Abdeckung für Bass und Extrahochtöner wieder montieren. Merken Sie was? Ja, der ganze Lautsprecher wackelt bei der Montage ein wenig. Auch das ist natürlich Absicht; eine Larsen steht ja nicht einfach auf Spikes, sie ruht auf vier speziellen Schaumstoffpucks.

Larsen 8
Wie war das doch gleich? Streng physikalisch betrachtet kann eine Hummel gar nicht fliegen. Der Hummel aber ist das egal. Auf diesen Lautsprecher übertragen heißt das: Ich mache jetzt einfach mal Musik an. Was zählt, ist aufm Platz. Und von dem gibt es dank wandnaher Aufstellung plötzlich wieder mehr im Wohnzimmer. Da die Wand integrativer Teil des ortoakustischen Gesamtkonzeptes ist, stehen nun keine Lautsprecher (mehr) im Weg. Praktisch. Die optimale Aufstellung ist an der längeren Seite eines Raumes, möglichst ohne Großmöbel dazwischen und mit genügend Abstand zu den Seitenwänden, 50 Zentimeter sollten es schon sein. Die Larsen 8 strahlen dann in ziemlich breitem Winkel „nach innen“ ab und fluten den gesamten Raum tatsächlich mühelos mit Musik, und zwar auch schön griffig und sauber aus der virtuellen Mitte heraus, was mit konventionellen Boxen in sehr breiter Aufstellung immer ein Schwachpunkt ist. Darüber hinaus bildet die Larsen auch noch virtuell hinter der Rückwand einen glaubhaften Raum ab. Erstaunlich. Selbstverständlich unterscheidet sich das ortoakustische Konzept deutlich vom preußischen Frontalklang, wie er vom typischen Studio- oder High-End-Monitor gern angeboten wird, um etwa eine Aufnahme technisch zu beurteilen. Stattdessen rückt die Larsen 8 das Musikhören zu Hause in live-ähnliche Dimensionen, in denen es mehr auf das musikalische Gesamterlebnis ankommt als aufs Durchzählen, ob auch alle 120 Orchesterinstrumente vollzählig angetreten sind. Dabei verschweigt sie keine Details. Sie stellt diese mitunter nur etwas anders, eher integrativ und verschmelzend, in den Raum. Erfreulicherweise zeigt sie sich überhaupt nicht zimperlich bei der Musikauswahl, braucht aber die „richtige“ Elektronik, um glaubhaft echt und groß und auch unter Dauerfeuer stabil und entspannt zu wirken. Und was ist die richtige Elektronik? Nun, der Verstärker sollte nicht zu scharf oder betont hell abgestimmt sein, zum Einstieg tut’s auch schon ein NAD 3020 (mit „D“ oder ohne), und nach oben ist dann noch reichlich Spielraum für deutlich teurere Spielpartner. Und es lohnt sich, auf die Tipps von Larsen-Distributor Tom Habke zu hören: Geradezu fantastisch bringt sich beispielsweise ein von ihm empfohlener (und kurzerhand vom Kollegen Gawlick entführter) Lavardin IT zu Gehör, der – obwohl nicht gerade als Kraftprotz bekannt – eine wundervolle Klangsymbiose mit der Schwedin eingeht. Insbesondere gute akustische Aufnahmen geraten zu einem dreidimensionalen, offenen und weiträumigen Vergnügen, mit pfundigem, angstfreiem Bass, guter Raumpräsenz und feinsinnig artikulierten Hochtonlagen. Selbst einen kurzen, ziemlich heftigen Drum-&-Bass-Anfall mit Dub-&-Reggae-Ausklang steckt die Larsen bravourös weg wie nix. Danach wieder Ella & Louis – herrlich …


Larsens Tonmöbel mag mit konventionellen HiFi-Boxen viele technische Zutaten gemein haben. Doch John Larsen, der kunstfertige Individualist und Quertreiber, stellt damit ein klangvolles Statement gegen den Mainstream auf, ein klingendes Versprechen, das Musik hervorragend entspannt und großzügig wiedergibt. Die Larsen 8 ist mit viel Liebe und Enthusiasmus gemacht. Und das kann man hören – praktisch überall im Raum.

 

 

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Larsen 8
Ortoakustischer Standlautsprecher

Bestückung: 2 x 18-cm-Tiefmitteltöner mit versteifter Pappmembran (ScanSpeak), 25-mm-Textilkalotte mit Polymermembran, 2 zusätzliche Hochtöner
Wirkungsgrad: 88 dB
Nennimpedanz: 8 Ω
Besonderheiten: wandnahe Aufstellung, bevorzugt weit auseinander stehend für ortoakustische Abstrahlung nach Stig Carlsson; Bi-Wiring-Terminal, Spezialpad-Füße
Ausführungen: Furnier Kirsche oder Ahorn, Lack schwarz oder weiß
Maße (B/H/T): 28/93/33 cm
Gewicht: 25 kg
Garantiezeit: 5 Jahre
Paarpreis: 3990 €

 

Tom Habke Audiovertrieb GmbH
Feldkirchenring 52
22926 Ahrensburg
Telefon 04102 6076057

www.tomhabke.de

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