Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

In welch paradiesischen Zeiten wir Musikliebhaber doch leben. Streamingportale verfolgen uns wie Versicherungsvertreter und bieten ihre Dienste an. Wie kleine Kinder hören wir nur noch, was wir hören wollen. Ganz legal und ohne erzieherische Konsequenzen. Der Begriff Raubkopie, früher untrennbar mit Rockmusik verbunden und im prädigitalen Zeitalter ein grundsätzlich gutzuheißender, subversiver Akt, wird bald ebenso in Vergessenheit geraten wie die Vokabeln Kleinbildkamera, Fernsehprogramm, Tageszeitung oder Telefonzelle, weil die Diebe sich selbst nicht mehr so genannt wissen wollen. Sie sind inzwischen clevere Start-up-Hipster, Entrepreneure des weltweiten Netzes bzw. Aasgeier der Popkultur, die ein Surrogat, eine lauwarm-lärmende Instantbrühe an den Konsumenten bringen, die sich von früheren, leiernden Kassettenkopien in erster Linie durch die schlechtere Klangqualität unterscheidet.
Dass einige Superstars wie Neil Young und Led Zeppelin es sich leisten können, auf diese Art auf personalisiertes Radio zu verzichten, und andere wie Taylor Swift oder U2 sich bereitwillig selbst in die Ausverkaufsauslage setzen, weil sie wissen, dass die Streams unter ihrem Namen zu reißenden Flüssen werden und die Cents sich zuverlässig zu Dollarbergen türmen, ist die eine Seite der Medaille, auf deren Kehrseite sich ausgebeutete Nachwuchsmusiker wie Bordsteinschwalben gegenseitig auf den Füße stehen und dafür immerhin genug Kleingeld bekommen, um den Bandbus vor dem Probenraum parken zu können. Darin drückt sich aber lediglich die kapitalistische Krise aus, in der sich immer mehr Nutznießer parasitär an immer weniger Wertschöpfungsfaktoren laben, die wiederum auf hinterhältige Art um die eigentlichen Früchte ihrer Arbeit gebracht werden. Denn ist der Lohn des Künstlers nicht vor allem die Anerkennung und Liebe des Publikums? Dafür muss aber Leidenschaft entfacht werden, der Stream müsste den Hörer begeistern und fesseln, was jedoch bei Datenraten bis zu 320 kbit/s gar nicht möglich ist. Musikmacher und -hörer werden also für rund zehn Euro im Monat gleich doppelt betrogen: Aus der kreativen Leistung Ersterer machen die Streaming-Dienste klapprige Kadaver-Gerippe, deren hohles Scheppern Letzteren den allerletzten Nerv raubt. Das Versprechen, die Unendlichkeit musikalischer Welten entdecken zu können, wird zur Verdichtung des persönlichen Geschmacks, so wie ihn der Algorithmus interpretiert. Aus der Utopie, alle Musik verfügbar zu haben, wird derzeit der Alptraum, ihr nicht mehr entfliehen zu können. Musikstreaming als moderne Variante der Fototapete mit beliebigem Karibik-Motiv. Stellt euch vor, Musik ist immer und überall, aber niemand hört mehr zu. Und nun entschuldigen Sie bitte diesen unausgewogenen Text ohne roten Faden sowie mich – ich stelle mir jetzt eine Playlist auf Youtube zusammen. Da weiß ich wenigstens, dass ich für umsonst auch nichts zu erwarten habe.

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