AudioQuest NightHawk – Spiders In The Night

Nachteule oder Nachtschwärmer? Beide Übersetzungen sind für das englische Wort „nighthawk“ erlaubt. Eines steht jedoch fest: Der gleichnamige AudioQuest-Kopfhörer klingt auch bei Tag verdammt gut.

Mangelnden Willen zur Perfektion kann man dem Hersteller AudioQuest bestimmt nicht vorwerfen: Beim nagelneuen Kopfhörer NightHawk sollte offenbar wirklich alles vom Feinsten sein. Das glauben Sie nicht? Na, dann fragen Sie doch einmal den AudioQuest-Boss Bill Low, der eine erste Fassung dieses Kopfhörers kurz vor Beginn der Serienfertigung zurückrief, weil sein Chefentwickler Skylar Gray doch noch ein aus klanglicher Sicht besser passendes Anschlusskabel aufgespürt haben wollte. Diese vermeintliche Marketing-Schnurre soll, so war aus vertrauenswürdiger Quelle zu erfahren, tatsächlich so passiert sein. Verständlich ist sie allemal, denn ein Hersteller, der sich bisher mit allem Möglichen, nur nicht mit Kopfhörern befasst hat, der möchte natürlich mit einer Premiere im Portfolio einen Volltreffer landen. AudioQuest kennt man vor allem als Hersteller gut beleumundeter Kabel mit einem breiten Sortiment analoger und digitaler Strippen, aber auch als Geburtshaus des vielgerühmten DragonFly, einem winzigen USB-DAC. Nun also ein Kopfhörer. Schauen wir mal, was im Pflichtenheft des Entwicklers stand!

Und da finden wir eine Trias aus Eigenschaften, die wohl jedem Kopfhörer gut zu Gesicht stünde, nämlich: Klangqualität auf Referenzniveau, höchstmöglicher Tragekomfort und nicht zuletzt auch schonender Umgang mit natürlichen Ressourcen. Gerade Letzteres ist selten im Kopfhörerbau, finden wir doch insbesondere bei den Ohrmuscheln häufig Kunststoffe – oder Leder, was bekanntermaßen Veganer auf den Plan ruft. Ganz anders beim NightHawk: Ein neues Material namens „Liquid Wood“ kommt hier zum Einsatz. Es handelt sich dabei um einen Mix aus Pflanzenfasern, die erhitzt und verflüssigt werden und dann im Spritzgussverfahren ihre Form erhalten. Nach dem Erkalten wahren sie diese, sind aber doch erstaunlich flexibel und passen sich – das ist kein leeres Werbeversprechen – in der Tat perfekt an die Physiognomie ihres Trägers an. Optisch wie haptisch erinnern sie dabei an feines Leder.
Eine weitere Herausforderung beim Kopfhörerbau ist ein gelungener Kompromiss zwischen Tragekomfort, Stabilität und Entkopplung der Treiber vom Bügel. Hier hat Skylar Gray einen nachgerade genialen, zum Patent angemeldeten Kunstgriff gefunden: Sicherlich kennen Sie die berühmten Mikrofonspinnen (ah, jetzt verstehen Sie auch die Überschrift!) der Neumann-Großmembranmikrofone. Genau so funktioniert das auch beim NightHawk, denn die Treibergehäuse sind durch eine leicht federnde Spinnenkonstruktion mit dem Bügel verbunden. Das bringt viel Tragekomfort und Ergonomie, trotzdem aber einen sicheren Sitz und eine gute Entkopplung.
Auch die Treiber selbst verdienen eine nähere Betrachtung, denn sie verfügen nicht – wie viele Treiber im High-End-Bereich – über Mylar-Membranen, sondern über Membranen aus Biozellulose. Dieses Material ist dem vorgenannten insofern überlegen, als es insbesondere ab sechs Kilohertz aufwärts deutlich weniger Verzerrungen erzeugen soll. 50-Millimeter-Hochleistungsspulen sorgen für den nötigen Antrieb, was zumindest auf dem Papier ein gerüttelt Maß an Basspower verspricht. Je mehr Power, desto größer jedoch auch die Gefahr von nichtlinearen Verzerrungen infolge von Strömungsturbulenzen. Um diesen Effekt weitgehend zu minimieren, wird der Luftstrom im NightHawk-Treibersystem daher kontrolliert geführt.

 

So leid es mir tut, wir müssen auch noch über Kabel sprechen. Denn in diesem Bereich verfügt man bei AudioQuest nun wirklich über genügend Erfahrung. Die dem NightHawk mitgelieferten Anschlusskabel (6,3-mm- und 3,5-mm-Klinke) wurden speziell für den Kopfhörer entwickelt. Hochreine CopperPlus-Leiter, eine Isolierung aus geschäumtem Polyäthylen, ein Geräuschableitungssystem auf Carbonbasis und versilberte Anschlüsse sollen gewissermaßen auch in bewegten Situationen für ein gutes Klangerlebnis bürgen.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Hier wurde nicht mal eben ein Standardrezept angerührt, sondern in elektrischer wie mechanischer Hinsicht nach dem Optimum gesucht – und zwar dem bezahlbaren Optimum. Denn knapp 600 Euro sind zwar kein Pappenspiel für einen Kopfhörer, aber – wie wir alle wissen – immer noch ein recht günstiger Kurs, wenn wir in highfidelen Kriterien denken. Doch Konzeption und Preis sind nicht alles, entscheidend ist „aufm Platz“. Wohlan!
Erster Versuch: Stimmt das mit der Basspower? Geben wir dem Affen Zucker und füttern ihn mit New Orders Spätwerk Waiting For The Sirens’ Call. Der Song „Guilt Is A Useless Emotion“ hält alles bereit, was der New-Order-Fan wünscht: puckernde Elektronik, schon fast ins diskothekenartige lappende Refrains mit Widerhaken und den charakteristisch „singenden“ Bass von Peter Hook. Und ja – es gibt Bass. Viel Bass. Sauberen, klaren, kräftigen und verdammt tiefen Bass. Doch bevor Sie jetzt abwinken und dem NightHawk per Ferndiagnose einen Badewannenfrequenzgang attestieren: Genau das ist eben nicht der Fall. Der Bass ist perfekt eingebunden, zu keiner Zeit vorwitzig oder unnatürlich. Aber er ist eben wirklich auch da – was man bei einem Kopfhörer nicht immer erwarten darf. Die Erfahrung zeigt, dass viele Vertreter der Zunft zwar keine Probleme haben, sauber aufgelöste Mitten und Höhen zu reproduzieren, doch beim Bassbereich ins Schleudern kommen. Mal ist dieser tonal ausgedünnt – oder aber er feuert so ungebremst los, dass Transparenz und Sauberkeit bei der Wiedergabe der höheren Frequenzbereiche leiden. Der NightHawk kann das richtig gut, denn obwohl der Bass im Verlauf der ersten Strophe die Lage wechselt (es geht nach den zwei Verszeilen noch mal eine Oktave tiefer), bleiben die recht präsent gemischten Drums und Synthesizer schlicht und einfach glasklar vernehmlich. Wenn man es nicht anders wüsste, man würde glatt auf ein Zweiwege-System tippen. Wirklich beeindruckend.
Was den NightHawk ebenfalls „ein bisschen anders“ macht, ist die Lokalisation der Klangquellen und die Raumaufteilung als solche. Kopfhörer neigen konstruktionsbedingt dazu, die virtuelle Bühne eher axial aufzubauen und nicht frontal, wie es bei Lautsprechern der Fall ist. Es gibt Ausnahmen, etwa bei den höherpreisigen Ultrasone-Modellen, wo man durch eine veränderte Treiberanordnung mit recht guten Ergebnissen versucht, eine Beschallung von vorne und nicht von den Seiten zu simulieren. Ähnlich klingt das auch beim NightHawk: Im Vergleich zu vielen anderen mir bekannten Kopfhörern finde ich eine erstaunlich realistische „Bühne“ vor, die eher an die Darbietung von Lautsprechern erinnert.


So weit, so gut. Doch als ich Peter Lichts Rührstück „Das absolute Glück“ auflege, habe ich ein kleines Erweckungserlebnis. Der NightHawk zeigt mir Dinge auf, die ich selbst mit meinen durchaus ernst zu nehmenden Lautsprechern zuvor in dieser Form nie wahrgenommen hatte. So wird der E-Bass während der Strophe ergänzt durch einen Synth-Bass, der rhythmisch-akzentuierte Phrasen einwirft. Diese kommen über den NightHawk ungemein spritzig, zackig und kontrapunktieren das eher konservative Spiel des Bassisten. Dank der exzellenten Räumlichkeit und tonalen Klarheit des NightHawk braucht es keine Spitzfindigkeiten, um zu diesem Urteil zu gelangen. Das eigentliche kleine Wunder aber ist: Wie sehr mich dieser sicherlich an die tausend Mal gehörte Song (wieder) emotional berührte. Es gibt wenige Musiker, die Trauriges mit einer derartigen Leichtigkeit singen, erzählen und vermitteln können –und es ist mir mit dem NightHawk tatsächlich gelungen, diese flatterhafte Melancholie zu spüren. Und damit ist ihm zugleich noch etwas anderes gelungen: Erstmals nach langer Zeit hatte ich wieder Lust, über mehrere Stunden meine Musik zu hören und sie auf neue Weise zu entdecken, in einem gleichberechtigen Miteinander aus hochpräziser Wiedergabe einerseits und emotionaler Berührtheit andererseits. Der Kopfhörer als eigenständiges Mittel, Musik zu erleben – und eben nicht als Kompromisslösung in einer Wohnsituation aus lärmempfindlichen Mitbewohnern.
Übrigens: Alle vorgenannten Fähigkeiten dieses tatsächlich äußerst spannenden Kopfhörers werden glücklicherweise nicht durch einen mageren Wirkungsgrad erkauft. Im Gegenteil, selbst am guten alten iPod klingt’s laut genug, richtig knackig und transparent. Das einzige kleine Mirakel, das ich mir angesichts des audiophilen Anspruchs nicht ganz erklären kann: Warum liegt kein symmetrisches Anschlusskabel bei? Aber sagen wir das lieber nicht zu laut – sonst stampfen die Herren Low und Gray wieder alles ein und verzögern die Auslieferung des NightHawk von neuem. Das wäre unglaublich schade. Denn für mich gibt es in diesem Preissegment – und auch mindestens 500 Euro darüber – keinen besseren Kopfhörer. Volltreffer!

 

AudioQuest NightHawk

Konzept: Over-Ear-Kopfhörer
Impedanz: 25 Ω
Empfindlichkeit: 100 dB/mW
Treiber: dynamischer 50-mm-Treiber mit Biozellulose-Membran
Besonderheiten: Ohrmuschel aus „Liquid Wood“, Entkoppelung von Bügel und Treibergehäuse per Spinnenkonstruktion
Gewicht: 346 g
Garantiezeit: 2 Jahre

AudioQuest
Hohe Bergen 10
4704 RH Roosendaal
Niederlande
Telefon +31 165541404

www.audioquest.de

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