HQ-Streaming

Wozu noch Tonträger, wenn die schönen Ströme locken?

Bilder: Roland Schmenner, Creative Commons/Popeye191

Taylor Swift creative commons Popeye191Der zweite Teil unseres Überblicks über den Download- und Streamingmarkt erscheint in unruhigen Zeiten. Im Juni 2015 hat Apple als globaler Megaplayer angekündigt, aktiv in das Streaminggeschäft einzusteigen und damit eine grundsätzliche Diskussion über das Geschäftsmodell Musikstreaming provoziert. Angefeuert wurde diese Diskussion durch die Sängerin Taylor Swift, immerhin in der Forbes-Liste der aktuellen 100 wichtigsten Persönlichkeiten vertreten, die sich zunächst weigerte, ihre Alben Apple zur Verfügung zu stellen, da eine angemessene Vergütung der Künstler nicht gewährleistet sei. Diese Diskussion über den Wert von Musik und die angemessene Vergütung der Künstler wird uns am Ende des Artikels beschäftigen, denn gerade der allseitig gebildete Highender sollte hier nicht blindlings zum Technik-Nerd werden.
Was aber ist überhaupt Streaming, oder HQ-Streaming? Abstrakt ausgedrückt heißt dies, ohne jeden materiellen Besitz eines Tonträgers – eben auch nicht auf Festplatte oder Stick – diesen via Internet jederzeit anhören zu können. Altmodisch ausgedrückt könnte man auch sagen, wir leihen uns einen Titel oder ein Album und zahlen dafür eine Leihgebühr, ähnlich der Gebühr, die man auch in öffentlichen Bibliotheken für einen Leihausweis bezahlen muss, wobei freilich der Unterschied darin besteht, dass die Gebühr nicht an eine öffentliche Einrichtung, sondern an ein gewinnorientiertes Unternehmen geht, nämlich an ein Streamingportal.
Streamingportale bieten dem Hörer eine schier unendliche Zahl an Musiktiteln an, die dieser über alle internetfähigen Geräte anhören kann, sei es über die heimische Anlage im Wohnzimmer oder sei es über das Smartphone im Freibad. Auffällig ist, dass die großen Anbieter wie Apple Music, Deezer, Juke, Napster, Qobuz, Spotify und Tidal immer mit der Anzahl der verfügbaren Songs/Tracks werben, was darauf verweist, dass in erster Linie die „Generation Playlist“ angesprochen werden soll; die „Generation Albumhörer“ rückt dabei in den Hintergrund. Dennoch versucht man zunehmend auch den audiophilen Anlagennutzer ins Visier zu nehmen, kooperieren einzelne Streamingdienste doch immer öfter mit anspruchsvollen Geräteherstellern, um bei deren Streaminggeräten und DACs exklusive Applikationen zu integrieren, die einen direkten Zugriff auf das jeweilige Portal ermöglichen.
Interessant für den anspruchsvollen Musikfreund wird Streaming in dem Moment, in dem die Musik auch verlustfrei (lossless) in CD-Qualität gestreamt werden kann (HQ-Streaming). Bislang gingen die meisten Anbieter den Weg des geringsten Widerstandes und boten ihr Angebot in MP3-Qualität an – im schlechtesten Fall mit 128 kB, im besten Fall mit 320 kB. Zur Beschallung der Gartenparty mit den aktuellsten Chartbreakern mag das sicherlich ausreichend sein, für das genussvolle Hören einer Schostakowitsch-Sinfonie, eines Jazz-Trios oder einer ausgefeilten Songwriter-Stimme ist das jedoch eher unbefriedigend.
Kann verlustfreies HQ-Streaming funktionieren, oder ist das Augenwischerei? Zugegeben, nach all den klanglich unbefriedigenden Streaming-Erfahrungen mit MP3 war ich mehr als skeptisch und habe etliche Vergleiche der gleichen Stücke als CD, als Download und als Lossless-Stream angestellt. Faszinierend, diese wunderbare Welt der Datenautobahn: Wenn Unterschiede klanglicher Art zwischen den drei genannten Medien überhaupt zu hören waren, dann mag dies in der eigenen Signatur des CD-Players und der minimal unterschiedlichen Signatur zwischen dem Audirvana-Musikplayer und den eigenen Playern der Streamingdienste begründet sein.


Also alles schick, alles problemlos? Leider nicht, denn immer wieder gibt es Momente, in denen man merkt, dass man eben nicht im wirklichen Besitz des Tonträgers ist und auf Gedeih und Verderb einer funktionierenden Internettechnik ausgeliefert ist. So gibt es immer mal wieder Momente, bei denen keine Musik oder diese nur bruchstückhaft erklingt – entweder, weil der Anbieter Serverprobleme hat, der hauseigene Router mal wieder Dinge tut, für die er eigentlich nicht eingerichtet ist, oder dass der für den Haushalt zuständige Internetprovider temporäre Auszeiten einlegt, und sei es nur für kurze Momente.
Auch außerhäuslich scheinen die Werbeversprechen bunter als die graue Realität zu sein. Wer lossless über sein Smartphone streamt, ist schnell an seinem Datenlimit angelangt, und wer die in Deutschland holprige Mobilfunkqualität – zumal in der Provinz – kennt, der kann sich vorstellen, dass damit kein erquicklicher Musikgenuss verbunden ist. Dies ist auch der Grund, warum einige Downloadportale nicht in das Streaminggeschäft einsteigen. So sagte mir Primephonic etwa, dass man dort im Hause die technischen Gegebenheiten noch nicht für so zuverlässig und ausgetüftelt halte, dass man den Kunden einen dauerhaften Musikgenuss in höchster Qualität garantieren könne. Andere Anbieter wie HighResAudio gehen den Weg eines Hybridstreamings, bei dem man die Alben grundsätzlich käuflich erwirbt, diese dann aber unterwegs in Lossless-Qualität auf sein Endgerät streamen kann. Aber dennoch: Wenn die Technik funktioniert, dann ist es schon faszinierend, dass „nur übers Netz“ Musik in bester CD-Qualität – einen adäquaten D/A-Wandler natürlich vorausgesetzt – erklingen kann.


Da es momentan lediglich zwei Anbieter gibt, die ein verlustfreies Streaming ohne Datenreduktion anbieten, bleibt dem anspruchsvollen Hörer die größte Entscheidungsqual erspart: Tidal oder Qobuz heißen hier die Alternativen. Zwar bietet Deezer mit seinem Abo-Modell „Elite“ ebenfalls Lossless-Qualität an, diese ist aber an Sonos-Endgeräte gekoppelt und daher nur eingeschränkt nutzbar. Und Apples Klangoffensive unter dem Titel „Mastered for iTunes“ ist nur auf ausgewählte Titel beschränkt und letztlich auch kein klassisches Lossless. Bleiben also die beiden Anbieter aus den USA und Frankreich. Da die Klangqualität nach mehreren Hörtests identisch ist (minimale Unterschiede können wahlweise den unterschiedlichen Desktop/Web-Playern oder der eigenen Einbildungskraft zugesprochen werden), muss die Entscheidung aufgrund sekundärer Merkmale fallen. Lassen Sie uns hier kurz die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale durchgehen:

Angebot und Auswahlmöglichkeiten

Für den Pop-Rock-Hörer bleibt es egal, ob Qobuz oder Tidal, da hier das Angebot weitgehend identisch ist. Das gilt ebenfalls für den Jazz-Bereich, wobei Qobuz dort mit den Neuheiten auch aus entlegenen musikalischen Gefilden etwas schneller mit der Veröffentlichung ist. Sind Sie vor allem an Klassik und Avantgarde interessiert, ist eindeutig Qobuz die bessere Wahl, da das Angebot in diesem Bereich doch wesentlich größer ist und Klassik-Hörer bei Qobuz als eine primäre Zielgruppe gelten.

Darstellungsmodus

Gemäß der anvisierten Zielgruppe und dem Hauptangebot unterscheiden sich die beiden Anbieter in ihrem Präsentationsmodus. Tidal präsentiert zunächst immer eine Liste der Top-Tracks, während Qobuz immer die Auswahl der kompletten Alben anzeigt. So sind dem Klassikhörer, aber auch dem Jazzfan die „Top-Tracks“ eines Claude Debussy oder eines Keith Jarrett herzlich egal, da werden in aller Regel spezifische Alben gesucht. Im Popbereich wiederum werden vor allem einzelne Songs im Fokus des Interesses stehen. Für die Fans von aktuellem Webdesign hat die Tidal-Seite in puncto Style sicherlich mehr zu bieten, aber wir wollen ja Musik hören und keine interaktiven Sehgewohnheiten optimieren …

Abonnement-Wahl und Offlinemodus

Das Angebot ist bei Tidal sehr übersichtlich und unkompliziert, man wählt zwischen einem MP3- und einem Lossless-Angebot. Eine Zwischenspeicherung, die einen Offlinezugriff erlaubt, existiert bei beiden Angeboten. Bei Qobuz dagegen gibt es ein sehr differenziertes Angebot, das den Kunden zwischen zwei preislich unterschiedlichen MP3-Modi (mit und ohne Offlinemodus), einem Lossless-Angebot nur für Klassik und einem Lossless-Angebot für den kompletten Shop wählen lässt, wobei die Lossless-Option grundsätzlich bedeutet, dass die gestreamten Alben und Einzeltracks für den Offlinebetrieb abgespeichert werden können, was mehr oder minder einem Downloadbesitz nahekommt. Und seit ein paar Monaten existiert ein Angebot, das neben dem Streaming-Abo noch eine Art „Bahncard“ für verbilligte HiRes-Downloads beinhaltet. Hier ist man gefordert, sein eigenes Nutzerverhalten genau zu analysieren, um dafür dann allerdings ein maßgeschneidertes Angebot zu erhalten.
Bitte erwarten Sie jetzt keine klare Empfehlung von mir, wie Sie sich in dem Angebot zwischen Vinyl, CD, Download und Streaming positionieren sollen; dazu sind die persönlichen Bedürfnisse und Zugänge zur Musik einfach zu unterschiedlich.
Gern aber beschreibe ich Ihnen meinen Weg, den ich nach längerem Ausprobieren für mich selbst gefunden habe. Selbstredend kommen außergewöhnliche Tonträger mit ausgefeiltem Artwork, aber auch die Alben meiner musikalischen Favoriten als materieller Tonträger – in Form von Vinyl oder auch als CD – ins Haus. Streaming habe ich auf das Notwendigste reduziert und beziehe dafür das kleinste MP3-Abo von Qobuz. Dies reicht aus, um entspannt Neuerscheinungen zu entdecken, es gibt mir die Möglichkeit, das neueste Madonna-Album beim Hausputz anzuhören und mit Bossa-Jazz den Grillabend zu beschallen. In beiden Fällen ist die Klangqualität ausreichend, und im ersten Fall wird mein schlechtes Gewissen bezüglich der Bezahlung von Musikern nur minimal tangiert, während es sich im zweiten Fall ohnehin um die Dritt- oder Viertverwertung eines Albums handelt. Für lange Winterabende wähle ich dann den Klassiktarif bei Qobuz, insbesondere um vergriffene CD-Aufnahmen wiederzuentdecken. Ansonsten kaufe ich Downloads, zum einen, um einen Überblick über meine Musik zu behalten, und zum anderen, um Musik und Musiker auch finanziell wertzuschätzen – ob nun Taylor Swift oder wirklich wichtige Künstler.

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www.qobuz.com
www.tidal.com

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