Tonbandmaschine Revox F36 – Das Magische Doppelband

Wenn das Wohnzimmer zum Tonstudio wird: Im Jahre 1962 präsentiert Revox die F36‚ ein Gerät mit Anschlüssen für Mikrofon und Line‚ was ein „Fahren” der eigenen „Sendung” ermöglicht.

Die Geräte der Firma Revox aus Regensdorf bei Zürich waren kurz nach dem 2. Weltkrieg bereits der High-End-Szene zuzuordnen, würde man heutige Maßstäbe ansetzen. Ein gewisser Willi Studer hatte dort begonnen, Tonbandgeräte für den Heimgebrauch zu bauen. Neugierig gemacht wurde er durch ein Soundmirror-Gerät, das er in den 1940ern aus den USA bekommen hatte, das sich aber für einen Betrieb in der Schweiz, wo Netzspannung und -frequenz eine andere waren, als völlig ungeeignet erwiesen hatte. Studer erkannte schnell, dass eine Modifikation oder Umrüstung für das Schweizer Stromnetz ein „hoffnungsloses Unterfangen“ sein würde, und es reifte in ihm die Entscheidung, selbst Geräte herzustellen. Studer begann mit dem Bau von Tonbandgeräten nach Schweizer Präzision: wohldurchdacht, mechanisch ausgereift – und mit einer Röhrenelektronik, die er von der Messtechnik her bestens kannte.

Die Angst des Tonmanns vor der Übersteuerung

Da sich seine Monogeräte der ersten Serie „36“ – aufsteigend mit den Buchstaben A, B, und C je nach Ausführung – sehr gut verkauften, kam schnell der Wunsch nach Stereo auf. Das war die Geburtsstunde der Modelle mit den Buchstaben D bis G. Die gesamte Elektronik wurde quasi verdoppelt: Es gab jetzt je zwei Aufnahme- und zwei Wiedergabeverstärker, die Tonköpfe enthielten nun zwei Spuren und auch das Anschlussfeld wurde mit zusätzlichen Buchsen bestückt. Die Aussteuerung für die Aufnahme geschah über zwei getrennte Regler und mithilfe eines „Magischen Auges“, wie es in unzähligen Radios damaliger Zeit üblich war. Damit konnte nicht nur nach Gehör, sondern auch optisch ausgesteuert werden.
Nachteil: Das „Auge“ konnte nur jeweils einen Kanal anzeigen. Per Umschalter musste man sich entscheiden, welche Aussteuerung kontrolliert werden sollte: die des linken oder die des rechten Kanals. Eine kleine Kompromisslösung gab es aber dennoch: Das „Auge“ erlaubte auch die Kontrolle des jeweils lautesten Kanals. Eine Aussteuerung nach Gehör wurde aber damals in der Bedienungsanleitung noch zusätzlich empfohlen. Das Magische Auge in den Geräten D36 und E36 befand sich auffällig in der Mitte des Gerätes, quasi zwischen den Tonköpfen.
Eine ganz große Besonderheit in der E36 war die erstmalige Verwendung von Transistoren in der Eingangsstufe. Diese Germaniumtypen mit der Bezeichnung OC45 waren recht neu auf dem Markt, und Studer probierte sie gleich einmal in der Serie aus. Es ist allerdings beim Versuch geblieben: Die Transistoren rauschten so stark, dass das Nachfolgemodell F36 wieder komplett mit Röhren bestückt war. Doch auch in der 1962 präsentierten Maschine gab es etwas Neues: das „Magische Band“. Hier war es nicht mehr die Anzeige in Form eines grün leuchtenden Fächers, sondern es wurde eine längliche weiße Schicht im Inneren der Röhre zum grünen Leuchten gebracht. Das Design hatte jetzt schon etwas „Bargraphmäßiges“ an sich. Da sich in einer Röhre sogar zwei Systeme nebeneinander einbauen ließen, bekam man auf diese Weise das „Magische Doppelband“, eine Anzeigeröhre für beide Kanäle gleichzeitig.

Das Wohnzimmer wird zum Tonstudio

Die Gebrauchsanweisung der Revox F36 geht sehr genau auf die Bedienung der Maschine ein und empfiehlt, dem Magischen Band besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Richtig ausgesteuert ist das Signal dann, wenn sich die einzelnen Bänder gerade in der Mitte berühren. Ein leichtes Überlappen bedeutet noch keine Verzerrungskatastrophe, aber der Ton wird rauer.
Anhand vielfältiger Schaltungsmöglichkeiten wird dem Benutzer zudem erläutert, wie er zum Beispiel eine eigene „Sendung“ mit Moderation und Schallplattenaufnahme gestalten kann. Hierzu dienen die beiden Kanalregler auf der rechten Seite als echtes „Mischpult“. Kommentare lassen sich einblenden, Musik aus verschiedenen Quellen lässt sich mischen. Auf diese Weise wäre sogar Karaoke möglich …
Das Anschlussfeld eines Mischpultes wird als „Patch-Bay“ bezeichnet. Wenn man sich nun die Anschlüsse hinten an der F36 genauer anschaut, fallen neben den Cinchbuchsen für Mikrofon und Radio auch noch die Anschlüsse für Diode/ Aux-Input und der „Cathode-Follower- Output“ auf. Diese Bezeichnungen sind heute fast unbekannt. Doch gerade sie haben direkt etwas mit der damaligen Röhrentechnik zu tun: Der „Diodenanschluss“ ist für die Verbindung mit einem (Röhren-)Rundfunkempfänger gedacht. Der Ton des Radios kam damals direkt aus dem Empfangsgleichrichter, auch Demodulator genannt. Er arbeitete mit speziellen kleinen Dioden in Röhrentechnik und hatte einen eigenen Ausgang nach außen.
Kennen Sie noch die kleinen 5-poligen DIN-Stecker, die auch heute noch unter dem Namen „Diodenstecker“ bekannt sind? Sie stammen aus der (deutschen) Röhrenzeit und erlaubten den Anschluss eines Tonbandgerätes zur Aufnahme und Wiedergabe. An HiFi- Geräten der jüngeren Jetztzeit wäre das der „Tape- Record und -Play“-Anschluss.

Cathode-Follower: ein echter OTL!

Ein weiteres richtiges Schmankerl, das in die heutige Röhrenzeit passt: der „Übertragerlose Röhrenausgang“ („Output-Transformer-Less“). Diese Schaltungstechnik war damals eigentlich ganz normal: Am Kathodenanschluss der Ausgangsröhre wurde die Audio-Spannung abgenommen und über einen Trennkondensator zur Cinchbuchse geführt. Hier stand das Signal in reinster Form zur weiteren Verfügung bereit. Es ließen sich Kopfhörer, Verstärker oder ein weiteres Tonbandgerät anschließen, und der unverfälschte Röhrenklang wurde weitergereicht. Heute lassen sich sogar Lautsprecher direkt an Verstärkern mit OTL-Anschluss betreiben. Es müssen zwar spezielle Röhren sein, aber das Prinzip ist schon sehr alt.

Senkrechte Freiverdrahtung

Auch im Innern der Maschine gibt es etwas Ungewöhnliches. Die röhrentypische Freiverdrahtung, wie sie gern von Röhrenliebhabern unter so manchem Verstärkerchassis gesehen wird, geht hier nicht in die Waagrechte, sondern in die Senkrechte: Jede Röhrenfassung hat quasi eine zweite Etage. So lassen sich die wesentlichen Bauteile einer einzelnen Röhrenstufe sehr platzsparend direkt unter derselben anbringen. Für eine Freiverdrahtung im herkömmlichen Sinn oder gar eine gedruckte Schaltung wäre in dem Gerät gar kein Platz.
Übrigens: Die Revox G36 – die Nachfolgerin der nur knapp zwei Jahre produzierten und entsprechend raren F36 – bekam statt des Magischen Doppelbandes erstmals zwei VU-Meter spendiert; es konnte also mithilfe von Zeigerinstrumenten ausgesteuert werden. Transistoren blieben auch bei der von 1963 bis 1967 gebauten G36 außen vor. Doch halt, nicht ganz: Die Bandendabschaltung der letzten Röhrenbandmaschine von Revox wurde mit einem Transistor gesteuert – da war das Rauschen egal.

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