Lindemann Musicbook 15/ Musicbook 55 – Die Summe der Teile

Lindemann und Manger haben ein beeindruckendes System auf die Beine gestellt. Wir betrachten hier die Elektronik und verlieren dennoch die Lautsprecher nicht ganz aus dem Blick.

Der HiFi-Kosmos ist ein Raum der Zufälligkeiten. Anschlussnormen können wir getrost als Fremdwort abhaken, was sicher auch daran liegt, dass einige Geräte, die sich auf dem Markt tummeln und vielleicht gar nicht mal übel klingen, mehr erbastelt als sauber entwickelt wurden. Innerhalb des Geräts ist das ja noch egal, allerdings muss so ein Teil – soll es uns mit Musik erfreuen – auch mit Kollegen kommunizieren. Und an diesem Punkt kommen nun doch die Anschlussnormen ins Spiel: Ein- und Ausgangsimpedanzen, Signalpegel und so fort. Was also weltweit „erschaffen“ wird, bekommt genannte Werte oftmals eher auf zufällige Art zugeteilt, und schon haben wir den Salat. Saubere Passungen sind Glückssache, und das große Suchen nach einer schlüssig spielenden Anlage beginnt. Ja, auch das kann ein Hobby sein. Muss es aber nicht. Denn man kann ja nicht nur passende Geräte suchen, sondern mit ihnen sogar Musik hören. Und es soll Leute geben, die das tatsächlich machen …
Glücklicherweise werden diese Musikhörer auch bedient, denn es gibt immer wieder Hersteller, die
sich im Laufe der Jahre zum Vollsortimenter gemausert haben. Wenn man also innerhalb der „Familie“ bleibt, kann schon mal nichts schiefgehen.

Es gibt aber auch bei der Kombination unterschiedlicher Fabrikate immer wieder Setups, die einfach „passen“ und dokumentiert werden sollten. Daher treibt mich ja schon länger der Gedanke um, hier nicht nur einzelne Geräte, sondern ganze, sorgsam abgestimmte Anlagen vorzustellen. Denn was nützt die seitenlange Beschreibung eines Kabels, wenn es letztlich beim Käufer mit völlig anderen Parametern konfrontiert wird und daher auch anders klingt. Das ist im Umfeld einer HiFi-Redaktion allerdings auch eine echte logistische Herausforderung, zu der mir noch keine sinnvolle Idee gekommen ist.
Während ich also mal wieder auf dieser Idee herumdenke, klingelt das Telefon und Kollege Brockmann berichtet begeistert von einem Setup, das er auf der High End Swiss gehört habe: absolut rund und schlüssig spielend, mit überragender Raumdarstellung, tonal wunderbar. Manger mit Lindemann. Das passt. Zumindest zu meiner Idee. Und wenn sich Cai Brockmann für etwas begeistert, obwohl die Tieftöner kleiner sind als 15 Zoll, muss es tatsächlich was haben.
Kurze Zeit später trifft exakt dieses komplette Set hier ein: ein Lindemann Musicbook 15 (USB-DAC, CD-Player, Vorstufe), gleich zwei Stück des Lindemann Musicbook 55 (die kräftige neue Endstufe), ein Paar Manger P1. Dazu sämtliche Kabel – von der Steckdose beziehungsweise vom Computer bis hin zum Lautsprecher. Idealerweise, so Norbert Lindemanns Empfehlung, werde die Manger P1 im vertikalen Bi-Amping betrieben, also mit einem Stereoverstärker pro Kanal.

Die Anlage steht nun bereit, ist ordentlich temperiert und gibt die ersten Töne von sich. Und ja: Ich kann Cai Brockmann gut verstehen. Vom Computer (MacBook Pro mit Pure Music) läuft „Unicornio“ der portugiesischen Fadosängerin Mísia (Tanto Meno Tanto Mais, BMG) und der viel genutzte Begriff „holografisch“ erfährt eine neue Definition. Der abgebildete – ohnehin im Studio erzeugte – Raum ist nicht riesig, allerdings erstklassig eingeteilt. Das aber nicht auf eine langweilig buchhalterische Art, sondern in wahrer 3-D-Pracht, sodass man meint, um die Musiker herumlaufen zu können. Die einzelnen Schall-Ereignisse scheinen, verzeihen Sie die „highendig“ klingenden Erklärungsversuche, von allen Richtungen her so sauber abgegrenzt zu sein, dass tatsächlich dieser Effekt der physischen Präsenz und des „Herumhörenkönnens“ entsteht. Das eigentlich Faszinierende an dieser Vorstellung ist allerdings, dass all dies mit einer verblüffenden Natürlichkeit vonstatten geht. Das Gehirn scheint in diesem Setup nicht viel korrigieren zu müssen. Ich tippe einmal, dass viel davon auf das Konto des Mangers geht, bei dem ich schon öfters solche Dinge erlebt habe. Bislang hatte ich aber anscheinend nicht die wirklich passenden Verstärker hier, denn so schlüssig tönte es noch nie.
Da es aber hauptsächlich um die Musicbooks von Lindemann gehen soll, sehen wir uns diese nun etwas genauer an.


Die Musicbook-Gehäuse sind, wie schon bei den vor geraumer Zeit erlebten Modellen 25 und 50, einfach perfekt, wenn es um die Verarbeitung geht. Vom Handling her hätte ich allerdings doch noch die ein oder andere Anmerkung: Sitzt ein Netzkabel mit kapitalem Stecker in der Buchse der Endstufe, lässt sich der Netzschalter nur mit noch spitzeren Fingern als den meinen betätigen; Bassistenfinger haben da wohl gar keine Chance mehr. Außerdem wünsche ich mir eine Schaltung, mit der ich selbst die Endstufe in Ruhe vesetzen, also ausschalten, und auch wieder aufwecken kann. Denn nach einer längeren Hörpause muss ich die ersten paar Takte schon zweimal anspielen, weil die Einschaltautomatik der Endstufen etwas zu spät gemerkt hat, dass ich hören will. Keine große Sache, ganz klar. Und dennoch …
Und noch ein winziger Schönheitsfehler: Seit MacBooks einen Ruhezustand haben, können sie in selbigem auch „atmen“: eine kleine LED wird in einem ruhigen Atemrhythmus heller und dunkler. Dieses Feature ist mittlerweile etabliert, und so irritiert es ein wenig, dass genau dieser Leuchtrhythmus einsetzt, sobald die Endstufen ihren Betrieb aufnehmen. Irgendwie falschrum … Das soll es zu diesem Thema aber auch gewesen sein, denn sonst gibt es nur Gutes zu berichten.
Lindemanns Vorstufe Musicbook 15 beinhaltet ein Slot-Laufwerk, das sie zu einem CD-Player macht, der wirklich wenig Konkurrenz kennt. Nur ein Player konnte sich hier zwar deutlich absetzen, doch selbst der hatte bei der Darstellung feinster Obertöne minimal das Nachsehen. Also kurz und knapp: Das Musicbook 15 ist auch ein erstklassiger CD-Player, der gerade mit seinem feinen und entspannten oberen Frequenzspektrum und einer ziemlich weiten Raumdarstellung begeistern kann.
Der USB-Eingang ist laut Norbert Lindemann das Highlight. Wie mittlerweile üblich, handelt es sich um einen nativen USB-Eingang, was bedeutet, dass man sich die Installation von Treibern auf dem Computer sparen kann: anschließen, in den Systemeinstellungen das Musicbook als Ausgabegerät wählen (aber nur für Musik, nicht für System signale), und schon kann es losgehen. Neben dem aus Lindemanns Musicbook 25 bekannten Wandler, der hier das CD-Laufwerk und die Digitaleingänge bedient, hat man dem Computereingang eine besondere Verarbeitung gegönnt. Nach der neuesten X-Mos-Schnittstelle, die alle üblichen Dateiformate und Raten bedient, kommt ein Wandler, den Norbert Lindemann für die „einzige wirkliche Innovation in dem Bereich der letzten zehn Jahre“ hält: der Baustein AK 4490 des japanischen Studioausstatters AKM. Er kann bis 32 Bit und 768 Kilohertz wandeln, arbeitet im Musicbook allerdings „nur“ bis 384 Kilohertz, um Computerprobleme (passende Treiber) bei den Kunden zu vermeiden. Durch diese hohe Grenzfrequenz kann man bei Audioplayern das interne Upsampling (immer nur zweifach oder vierfach, nie die Maximalfrequenz erzwingen) aktivieren. Das macht aus Musik von einer CD noch keinen HiRes-Datensatz, verschiebt aber alle Filterthemen weit aus dem Hörbereich.


Nach einigen Vergleichen mit anderen USB-Interfaces steht fest: Das Musicbook ist der beste USB-Wandler, den ich bislang hören durfte. Selten konnte ich den Unterschied zwischen verschiedenen Musicplayern (Pure Music, Audirvana, Amarra, JRiver) so deutlich hören und die für besten Musikgenuss empfohlenen Programmeinstellungen – ein wirklich eigenes Kapitel, das einen kompletten Bericht rechtfertigen würde – so mühelos nachvollziehen. Neben dem offensichtlichen Detailreichtum ist es vor allem das Fehlen eines artifiziellen Glanzes, das begeistert. Dieser Wandler klingt trotz – oder wegen – seiner enormen Präzision absolut natürlich und „untechnisch“. Auch eine gewisse klangliche Leichtgewichtigkeit, die Lindemanns Geräten gelegentlich zu eigen war, sucht man hier vergebens: Musicbook 15 kann als Wandler auch in den untersten Regionen beachtlich zulangen.
Bleibt die „klassische“ Vorstufe: Zwei analoge Quellen lassen sich anschließen und verwalten. Und nach kurzer Eingewöhnung kommt man auch mit dem smarten Multifunktionsrad so gut klar, dass die Fernbedienung ungenutzt herumliegt.
Klanglich geht diese Vorstufe in eine offene, feingliedrige Richtung. Ein vergleichsweise angeschlossenes Modell von Funk gibt die Musik beispielsweise etwas griffiger, druckvoller, kompakter wieder. Was für manche Endstufen ganz gut passen kann, kehrt sich an den kräftig marschierenden Musicbook 55 um: Hier wird es zu viel des Guten, während die Lindemann-Vorstufe die Abstimmung perfekt auf den Punkt bringt.
Auf Musicbook 55 habe ich mich nun wirklich besonders gefreut, denn das kleine Geschwisterchen 50 konnte sich schon ziemlich gut in Szene setzen. Es spielte flink und fein aufgelöst, allerdings auch sehr leichtgewichtig im Bass, an manchen Lautsprechern fehlte es an Durchzug. Hier also Nummer 55, wieder eine Class-D-Endstufe, nun aber mit erheblich höherer Ausgangsleistung. Der verwendete und im eigenen Hause noch modifizierte Baustein unterscheidet sich von den üblichen Verdächtigen der Szene unter anderem durch ein sehr straightes Design, das mit nur zwölf Bauteilen im Signalweg auskommt. Auch setzt die Gegenkopplung unüblich, nämlich erst beim Lautsprecher-Abgriff an. Die meisten anderen Schaltungen greifen vor der Wandlung von Impulsen in einen Sinus um, was in der Regel noch weniger Verzerrungen bringt, gleichzeitig den Verstärker anfällig für komplexe Lasten werden lässt. Norbert Lindemann belässt die Über-alles-Gegenkopplung auf einem recht niedrigen Niveau. Die Verzerrungswerte lägen damit immer noch weit unter dem, was die ungleich mehr Schmutz produzierenden Lautsprecher überhaupt darstellen können. Der große Vorteil sei aber, dass man so die klangliche Kälte und Farbarmut vieler Digitalverstärker ab den unteren Mitteltonlagen aufwärts vermeide.


Und in der Tat marschieren diese beiden kleinen Endstufen los, dass es eine wahre Freude ist – und keineswegs „nur“ im vertikalen Bi-Amping an der Manger P1. Mittlerweile spielen sie als Monoendstufen an meinen Diapason Adamantes und entlocken diesen Ausnahmelautsprechern eine Dynamik und einen Bass, wie man es nur selten von ihnen hören wird. Zudem scheinen die Lindemänner eine Vorliebe für die Mitten zu kultivieren, denn gerade hier geht nun das musikalische Geschehen einen beträchtlichen Schritt auf den Hörer zu.
Die klanglichen Beschreibungen sind nun immer wieder mit eingeflossen, weshalb an dieser Stelle nicht weiter in epischer Breite darauf eingegangen werden muss. Daher nur eine abschließende Betrachtung: Lindemanns Kombination aus Vor- und Endstufe(n) spielt grandios griffig, farbstark und verblüffend räumlich. Was sich da vor allem in der Tiefenstaffelung tut, ist aller Ehren wert. Im Ganzen bilden Musicbook 15 und 55 eine Verstärkerkombi, die nicht nur sehr gut klingt und Kraft für alle Lebenslagen bietet, sondern auch sehr, sehr weit über ihre Preisklasse hinausspielt. Absoluter Star ist für mich dabei der USB-DAC, der einfach jeden anderen Wandler wegputzt, den ich zum Vergleich hörte. Hier einzelne Qualitäten aufzuzählen brächte nichts und führte auf den Holzweg: Er spielt so perfekt geschlossen, natürlich, detailliert, groß, fein, mächtig und so fort, dass er ab jetzt meine persönliche Referenz ist.

 

Lindemann Musicbook 15
USB-DAC/Vorverstärker mit CD-Laufwerk
Eingänge digital: 2 x optisch‚ 2 x koaxial (75 Ω) für S/PDIF-Signale‚ 1 x USB-Interface bis 384 kHz/32 bit
Auflösung: S/PDIF bis max. 192 kHz/24 bit‚ USB bis max 384 kHz/32 bit‚ DSD 64x/128x (DOP‚ DSD over PCM‚ Standard 1.0)
Eingänge analog: 2 x unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge digital: 1 x optisch‚ 1 x koaxial
Ausgänge analog: 1 x symmetrisch (XLR)‚ 1 x unsymmetrisch (Cinch)‚ Kopfhörer (6‚3 mm Klinke)
Besonderheiten: zwei separate Wandlermodule für USB und alle anderen Digitaldaten‚ automatisches Upsampling aller Digitalformate auf 352‚8 bzw. 384 kHz; gebondetes OLED-Display‚ analoge Lautstärkeregelung‚ Multifunktions-Stellrad‚ Fernbedienung im Lieferumfang‚ kostenlose App zur Steuerung; auch als Musicbook 10 ohne CD-Laufwerk erhältlich
Ausführung: Silber
Stromaufnahme Standby/Betrieb: < 0‚2/max. 30 W
Maße (B/H/T): 28/6‚5/22 cm
Gewicht: 3‚5 kg
Garantiezeit: 5 Jahre (2 Jahre auf bewegliche Teile)

Lindemann Musicbook 55
Endverstärker
Leistung stereo (8/4 Ω): 2 x 250/450 W
Leistung mono gebrückt (8 Ω): 1 x 450 W
Eingänge: symmetrisch (XLR)‚ unsymmetrisch (Cinch)
Ausgänge: 1 Paar Lautsprecher
Betriebsmodi: Stereo‚ Doppelmono oder Mono gebrückt‚ per Mini-Drehschalter auf der Rückseite wählbar
Besonderheiten: Ein-Ausschaltautomatik‚ Class-D-Schaltung
Ausführung: Silber
Stromaufnahme Standby/Leerlauf/max.: < 0‚5/14/500 W
Maße (B/H/T): 28/6‚5/22 cm
Gewicht: 3‚7 kg
Garantiezeit: 5 Jahre

Lindemann Audioelektronik
Am Anger 4
82237 Wörthsee
Telefon 08153 9533390

 

www.lindemann-audio.de

 

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.