Buchprüfung: Wolfgang Hildesheimer – Mozart

 

Mozart

Wolfgang Hildesheimer – Mozart
Suhrkamp Verlag

Es war eine Provokation, fast ein Skandal. Die heile Mozart-Welt, nicht nur in Salzburg und Wien, witterte Mord und Verrat. So radikal zerstörte Wolfgang Hildesheimers Buch das bequeme, idealisierte Bild vom „fröhlichen Wunderknaben“ Mozart. Stattdessen arbeitete das 400-Seiten-Werk den großen Widerspruch heraus, der im Phänomen Mozart liegt: hier die Musik, deren „Fröhlichkeit“ Millionen von Menschen weltweit die Seele öffnet und mit Glück erfüllt – und dort der Mensch Mozart, ein sozialer Problemfall von „clownhaft-dämonischer Ausstrahlung“, skrupellos, schräg und keineswegs „fröhlich“. Weil er ihn nicht auflösen konnte, hat Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) diesen Widerspruch ganz besonders belebt und ausgemalt, mit Fantasie und eigener Erfahrung gefüttert, tiefenpsychologisch vertieft, um ihn durch Intensität plausibel zu machen. Sein Buch von 1977, die Erweiterung eines Vortrags aus dem Mozartjahr 1956, ist daher mehr als nur eine Biografie. Es ist eine sozialpsychologische Studie, ein spannender Musikerroman mit psychoanalytischen Exkursen, ein Musikessay mit philosophischer Schlagseite. Ohne Hildesheimers Buch, das in viele Sprachen übersetzt wurde, hätte es den Film Amadeus (1984) nicht gegeben. Auch noch zum Mozartjahr 2006 wurde das Buch als bestes Korrektiv zur allgemeinen Mozart-Jubelei empfohlen. Der Schriftsteller Peter Weiss nannte es „eine Biografie von Musik“. Denn seiner Meinung nach könne der Schlüssel fürs Phänomen Mozart nur in der komplexen Natur von Musik selbst liegen.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 17 (1/2015)

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